Die Insel der Puppen

Eine Fotoreportage aus Mexiko

Von Stefanie Graul (Text: Martin Rasper)

 

Die Sonne hat keine Chance an diesem Tag in Xochimilco.

Die Feuchtigkeit der Kanäle hat sich vereinigt mit dem Dunst aus der Riesenstadt México, umhüllt Bäume und Inseln mit einem diffusen Schleier. Heute geht es nicht darum, scharf zu sehen, sondern zu fühlen.

Der Trubel der Kanäle bleibt zurück, das Gelächter der Leute, der Lärm der Mariachi-Kapellen. Unwillkürlich wird man ruhiger. Die Geister hängen in den Bäumen und schwanken im Wind.

Auch die Geschichten überlagern sich, verschwimmen ineinander. Irgendwann, erzählen die Einen, habe Don Julián, der alte Fischer angefangen, verlorene Puppen aus den Kanälen zu fischen und sie an den Bäumen aufzuhängen.

Nein, sagen die Anderen, ein Mädchen sei unweit der Insel ertrunken, und darauf habe sich der Fischer von dem Geist des Mädchens verfolgt gefühlt – und begonnen, die Puppen aufzuhängen, um den Spuk zu bannen.

Irgendwann war der Fischer verstorben, seine Insel vergessen. Erst als man vor zwanzig Jahren begann, das Gewirr der überwucherten Kanäle wieder zu durchforsten, tauchte auch die alte Insel wieder auf.

Heute pflegt der Neffe des alten Don Julián den Ort und die Erinnerungen.

Mittlerweile opfern die Besucher dem Geist der Ertrunkenen - Kinder lassen Puppen oder Armbänder da, Erwachsene Geld.



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