Die Faszination der großen Zahl

Ein Gespräch mit Ingo Arndt über sein "Tierreich"-Projekt

Von Andrea Torno

Copyright: Ingo Arndt
Ein Tier in der Masse wirkt völlig anders als das Individuum (alle Fotos: Ingo Arndt)

MAGDA: Wenn ich Ihre Tierfotos betrachte, passiert mit mir zweierlei: zuerst Verzauberung; und dann die Frage: Wie kann man solche Bilder machen, wie geht so was?

Arndt: Vielleicht sage ich erst mal, was nicht geht: Ohne Artenkenntnis geht gar nichts. Von mittelmäßigen Tierfotos und Glückstreffern vielleicht mal abgesehen. Die Kameraausrüstung sollte man beherrschen. Aber ohne zu wissen, wo man die Tiere wie fotografieren kann, nutzt einem das beste technische Material nichts. Bei den TIERREICH-Bildern war es vor allem das richtige Timing, auf das es ankam. Wann beginnt die Wanderung der Roten Krabben, wann schlüpfen Meerforellen oder wo bekomme ich trinkende Monarchfalter vor die Kamera. Beim Fotografieren selbst geht es dann um die jeweils richtige Annäherungsweise. Ich muss wissen wie die Tiere reagieren und leben, um mich ihnen auf Fotoentfernung näheren zu können.

MAGDA: Man hört immer wieder, die enorme Leistungsfähigkeit und "Narrensicherheit" der digitalen Fotografie macht es schwerer für Profis, den optischen Mehrwert noch abliefern zu können. Auch der Laie kann jetzt eine Leistungsebene erreichen, die er vorher eher nicht erklimmen konnte.

Arndt: Stimmt ... zum Teil. Die digitale Technik erleichtert es auch den Anfängern zu guten Bildergebnissen zu kommen. Aber auch die Profis profitieren. Auch wir machen jetzt noch bessere Bilder. Besonders das Nutzen hoher ISO-Zahlen
[Empfindlichkeit der Sensoren, Anm. d. Red.]  macht jetzt vieles möglich, was vorher auf analogem Material nicht funktionierte. Grundsätzlich ist bei allen Fotografen ein Qualitätsanstieg zu sehen.

MAGDA: Also die digitale Fotografie und das Netz sind Fortschritte ohne Wenn und Aber?

Arndt: Na ja … wenn Sie schon nach einem Aber fragen: Die Möglichkeit, digitale Bilder ins Internet zu stellen, hat auch die Schrottberge wachsen lassen. Wenn keiner mehr das Zeug filtert, gelangt natürlich auch der größte Müll ins Netz. Und Müllberge verstellen dann nicht selten die Sicht auf die guten Sachen.

MAGDA: Sie haben für TIERREICH rund um den Globus fotografiert. Wie finanziert man so was?

Arndt: Nachdem ich die ersten Tierarten für TIERREICH fotografiert hatte, bin ich zu den Redaktionen und habe ausgelotet, wo und in welchem Umfang ich mit Veröffentlichungen rechnen kann. Die Eindrücke waren so positiv, dass ich keine Probleme darin sah, den Großteil der Kosten für das Projekt vorzufinanzieren. Für diesen faktengestützten Optimismus bin ich - Gott sei's gedankt - auch nicht bestraft worden. Buch, Kinderbuch, Wanderausstellung, mehrere Kalender und jetzt schon über 20 Beiträge in Magazinen... Also, die Antwort ist: Bausteinprinzip.

MAGDA: Jeder, der ein Buch macht, wünscht sich Erfolg, sprich Auflage. Verbinden Du darüber hinaus mit Ihrem Buch noch andere Wünsche?

Arndt: Grundsätzlich sollte Tierfotografie dem Betrachter den Wert der Natur vor Augen führen. Das kann man mit schönen Bildern machen, es funktioniert aber auch mit Negativbeispielen von Naturkatastrophen, Vogelmord, Wilderei … Allerdings, so finde ich, sollten die Negativbeispiele nicht überhand nehmen, sonst stumpft der Betrachter ab. Ich fotografiere am liebsten die Schönheit der Natur und möchte dem  Betrachter damit zeigen, was es unbedingt zu schützen gilt. Allerdings schrecke ich auch vor dem Negativen nicht zurück. So ist im TIERREICH Buch ja auch im letzten Kapitel etwas von invasiven Arten zu sehen.

MAGDA: ...von Arten, die in neue Lebensräume verfrachtet wurden und dort die einheimiche Tier- und Pflanzenwelt bedrängen oder sogar tot-konkurrieren.

Arndt: Richtig, Ich portraitiere in TIERREICH zum Beispiel Pazifische Austern und eine eingewanderte, noch unbekannte Weberknecht-Art. Beide Tierarten verdrängen einheimische Arten. Es ist noch unbekannt, was das für Auswirkungen auf das Ökosystem hat. Und ich bin sehr froh, dass im Text des Buches auf diese Aspekte eingegangen wird. Auch auf Fragen, warum und wie Tiere sich versammeln und wandern, wie sie sich über Riesendistanzen orientieren und wie sie Feinden ausweichen.

MAGDA: Man hört immer mal wieder von Tierfotografen, die alles für ein spektakuläres Fotos tun, auch wenn die Fototografrierten das Fotografiertwerden nicht unbeschadet überstehen.

Arndt: Darauf gibt es für mich nur eine Antwort: Kein Tierfoto auf Kosten der Tiere!

MAGDA: Es gibt einige Fotos in dem Buch, die sind so unglaublich perfekt, dass man sich sagt... na ja, da hat er halt ein wenig Pixelzauber veranstaltet.

Arndt: Mach ich nicht. Es wird nichts dazu gepixelt oder wegradiert. Wenn man damit anfängt, ist man nicht nur seinen guten Ruf los, sondern auch den Maßstab für fachlich gute und künstlerische Arbeit.

MAGDA: Das Layout stammt von Ihrer Frau Silke. Ist so eine Zusammenarbeit ein Vorteil, oder ist es auch schwierig?

Arndt: Absolut ein Vorteil. Du kannst ganz anders rangehen, viel mehr ausprobieren, viel mehr dran feilen, als wenn du es mit einem externen Layouter machen musst. Und die Resonanz auf das Buch ist sehr gut. Das nährt meine Hoffnung, dass die Betrachter dieser Bilder künftig noch achtsamer mit der Natur umgehen - sofern sie das nicht sowieso schon tun.

 

Veranstaltungstipp: Ab 20. Januar 2011 sind Ingo Arndts Bilder im Automobilforum unter den Linden zu sehen. Adresse: Unter den Linden 21, Ecke Friedrichstraße.



Ingo Arndt: Tierreich.

Knesebeck Verlag. 30,0 x 28,0 cm, Gebunden mit SU, 176 Seiten, mit 112 farbigen Abbildungen. 39,95 Euro.

 

 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015