Die letzte Grenze

Das Grauhörnchen schafft es über die Alpen, aber das Croissant nicht über den Rhein

Von Peter Ertle

Es kann doch gar nicht so schwer sein, es kann doch nicht sein, dass die Franzosen ein Geheimrezept haben, das die Deutschen nicht rauskriegen oder nachmachen können. Vermutlich ist es nur ein bisschen mehr Butter. Die Außenhaut muss zartblättrig und cross zugleich sein, die Hände müssen fettig werden davon. Das ist doch keine Hexerei. Aber immer wenn ich in Deutschland ein Croissant kaufe, schmeckt es nicht so wie ein in Frankreich gekauftes.

Wir haben offene Grenzen, wir haben die EU, das Schengener Abkommen, wir haben eine Jugend, die um den Globus reist und sich mehr gleicht als sich früher ein Kirchentellinsfurter und ein Kusterdinger glichen. Jedes irgendwo hergestellte Produkt, auch das verderblichste, wird mit allen möglichen Fahrzeugen und Techniken an die entferntesten Orte der Welt gekarrt, jede gute Idee wird in Windeseile kopiert.

Das Grauhörnchen schafft es in diesen Stunden über die Alpen, um dem heimischen Eichhörnchen Konkurrenz zu machen, der Braunbär wandert nach Bayern, der Wolf kommt tief aus dem Osten, der Miniermotte sind die Flugstunden vom Balkan nicht zu weit, die im Urlaubsgepäck mitgebrachten Ameisen aus Honolulu oder Antalya werden sofort hier heimisch. Nur das französische Croissant schafft es nicht über den Rhein. Es kümmert auch niemand. Alle sorgen sich um den Euro oder die Griechen. Niemand sorgt sich um das Croissant.

Man könnte sagen: Wie gut, dass nicht auch noch das Croissant von Brüssel bestimmt wird, wie gut, dass sich noch nationale, regionale Unterschiede halten. Aber doch nicht beim Croissant! Die Dinosaurier sind doch auch ausgestorben, die Natur ist da nicht so zimperlich. Der Kapitalismus auch nicht, der nimmt auch gute, aber zu wenig Profit abwerfende Produkte vom Markt. Nur das schlechte Croissant bleibt für immer. Herrschaftszeiten, ich will ja gar nicht, dass es nur französische Croissants gibt. Es soll lediglich auch französische Croissants hier geben.

In München haben sie Ribery. Aber kein gutes Croissant. In Tübingen gibt’s die französischen Filmtage, an französische Croissanttage wird nicht gedacht. Das Institut Culturel setzt sich für die kuriosesten deutsch-französischen Belange ein, für das Croissant nicht. Und die hier stationierten französischen Soldaten hatten zwar Waffen, aber keinen Grund, den Weg für das französische Croissant freizuschießen. Sie kauften in ihrem eigenen Laden ein, und da gab’s, aus Frankreich importiert: französische Croissants.

Ich bin dicht an die französische Grenze gefahren. Ich war in Baden-Baden, Saarbrücken, in Freiburg, Weil am Rhein, ich kann nur sagen: Der Stellungskrieg 1917 war nichts dagegen, da gab es wenigstens noch minimale Frontverschiebungen. Die Croissantgrenze steht seit Jahrzehnten unverändert und unumkämpft, ein scheußlicher Stellungsfriede. In Kehl: schlechtes Croissant. In Straßburg: gutes Croissant. In Metz: gutes Croissant. In Tübingen: schlechtes Croissant. Warum?

Dieser Artikel aus dem "Schwäbischen Tagblatt" löste in Tübingen eine regelrechte Leserbriefflut aus: Philipp Maußhardt über "Croissant 21: Die Tübinger Backwaren-Schlacht"

 

 


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