Magda - Das Magazin der Autoren

[ Artikel drucken ] [ Fenster schließen ]

         

Die (nicht) globalisierte Wiesn

Auch 200 Jahre nach seiner zufälligen Erfindung ist das Oktoberfest ziemlich bei sich

Von Martin Rasper

Wie es eigentlich kommt, dass eine größtenteils im September stattfindende Veranstaltung „Oktoberfest“ heißt; warum ein mit Kies und Beton belegter Platz hartnäckig „Wiesn“ genannt wird; oder wieso überhaupt das gemeinschaftliche Einnehmen eines vergorenen Aufgusses von Getreidemaische aus dickwandigen Krügen als Krönung der Trinkkultur durchgeht – das alles sind sicherlich bedeutsame Fragen. Auf die es möglicherweise auch eine Antwort gibt, die einen Erkenntnisgewinn im, sagen wir mal, aufgeklärt-bürgerlich-protestantisch-preußischen Sinn bereithielte. Aber die wahre Antwort lautet: jo mei. Oder: is hoid so. Oder: is eh wurscht. Oder auch: wos wuist?

Das Oktoberfest ist das bekannteste Volksfest der Welt, so berühmt, dass es längst mit jeweils eigenem Erfolg nachgeahmt wird, und das an so exotischen Orten wie Kitchener (Kanada), Blumenau (Brasilien) oder Hannover (Preussen). Aber was genau ist eigentlich so toll am Oktoberfest?

 

Tunnelblick: Aus dem Kopf der Bavaria sieht die Wiesn noch fremder aus (Foto: Martin Rasper)

Der  “Markenkern”, wie die PR-Leute sagen, inneres Wesen und Seele eines Produkts, wozu auch die Historie gehört und letztlich seine Aura, also all das, was sich gerade nicht in Strategiekonferenzen mit Business Plans und Benchmarks zielführend planen lässt – der Markenkern des Oktoberfests ist natürlich dieses „Urige“, dieses Krachlederne und Kraftmeierische, die für Außenstehende gleichermaßen faszinierende wie abstoßende anarchische Virilität, die vage als „irgendwie typisch bayrisch“ empfunden wird. Und die ist offenbar attraktiver denn je; in der globalisierten Welt ist das Oktoberfest eine ganz starke Marke. Rund 900 Millionen Umsatzplus bringt die Wiesn der Münchner Wirtschaft, der Wert der Marke selbst ist unschätzbar. “Welcome to Baväria / Welcome to Jodling Area”, singen die Biermösl Blosn, „Blue Mountains, Lakes, nice Countryside / Bavarian Gemütlichkeit“.

Aber was genau geht da eigentlich ab – wenn die australische Studentin unter dem Gejohle der Umstehenden ihr Bikini-Top lüftet, wenn der schwäbische Feinblechner sich bierselig mit einem litauischen Versicherungsmakler verbrüdert, wenn der japanische Abteilungsleiter in inniger Umklammerung mit seinem Abteilungsleiterkollegen sich mit bereits geschlossenen Augen gegen das Abrutschen von der Bierbank wehrt, oder wenn der italienische Uni-Dozent aus vollem Hals einen Refrain mitgrölt, den er erstens nicht versteht und den er zweitens, wenn er ihn verstünde, anderntags in seinem Oberseminar nach allen Regeln der Kunst zerpflücken würde?

Sie alle sind in diesem Moment glücklich. Sie sind im Flow, wie die Psychologen sagen. Sie sind in dem Zustand, den der Schriftsteller Bernhard Setzwein in seinem Essay „Bier und Bolitik“ als „Zustand bewusstseinserweiternder, ja geradezu problemzersetzender Trunkenheit“ bezeichnet. Sie schwimmen auf der Aura des Oktoberfests wie die Zigarettenkippen in der Pissrinne.

Doch die Anarchie hat enge Grenzen. Die Zeiten, als eine zünftige Wiesn-Rauferei (bayerisch „Raffads“) noch als Folklore durchging, sind lange vorbei – und noch länger die Zeiten, als die Steinkrüge, in denen das Bier ausgeschenkt wurde, Sollbruchstellen hatten, damit nämlich, wenn der Krug einem Menschen über den Schädel gezogen wurde, eher der Krug kaputtging als der Schädel. Für solche Feinheiten der Konfliktbewältigung hat das Sicherheitspersonal heute kein Verständnis mehr.

Denn die rustikale Aura entsteht längst nicht mehr ungeplant, sondern ist jedes Jahr Gegenstand sorgsamsten Feintunings. Ähnlich wie Luxusautohersteller den Klang des Auspuffs und des Türenzuschlagens, den Geruch der Inneneinrichtung, das gesamte sinnliche Erscheinungsbild sorgsam komponieren, so wird auch das Erscheinungsbild des Oktoberfests ständig neu eingestellt. Dazu wird an allen möglichen Schrauben gedreht: welche Fahrgeschäfte und welche Traditionsstände werden zugelassen (z.B. der Flohzirkus oder der Vogeljakob); welche Musik wird in den Zelten gespielt (bis 18.00 Uhr kein Rock und Pop und höchstens 85 Dezibel); ab wann greift die Security ein (z.B. wenn einer auf den Tisch steigt); wann wird die U-Bahnstation Theresienwiese dichtgemacht; und so weiter. Und dann gibt es ja heuer die erste Wiesn mit Rauchverbot! – das wäre vor zwanzig Jahren noch als Hirngespinst der kuriosesten Art durchgegangen.

Aber so ändern sich die Dinge, und das Oktoberfest ist immer auch ein Spiegel der Zeiten. Und die sind, sagen die Soziologen, geprägt von immer stärkerer Globalisierung einerseits bei zunehmender Besinnung auf lokale Tradition andererseits. Aufs Oktoberfest bezogen, heißt das: Wir sind eine Welt, vereint im Rausch. Aber der stammt ausschließlich von Münchner Bier.

Oder, wie der Münchner sagt: Ozapft is, un guad is.

 

 

 

 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen