Die richtige Leiche im richtigen Sarg

„Atmen”: Karl Markovics' fulminantes Regiedebüt

Von Stefanie Graul

Richtiges Atmen kann einem das Leben retten (Foto: Verleih)

Ein Junge, eine Straße. Ein Junge, ein Fernseher. Ein Junge, der raucht – viel raucht. Ein Junge, dessen Körperöffnungen kontrolliert werden, wenn er heimkommt. Roman ist Freigänger; seit vier Jahren sitzt er in einer Jugendvollzugsanstalt bei Wien wegen Totschlags. Er pflegt keine Kontakte zu den jugendlichen Mitinsassen. Es fällt ihm schwer zu sprechen, noch schwerer, das Gegenüber dabei anzusehen. Fühlt Roman sich in die Enge getrieben, flippt er aus, wie in der Schlosserei, als ihm der Meister ohne Vorwarnung die Schweißermaske übers Gesicht zog. Dann brüllt Roman.

Die Hälfte seiner Strafe hat er hinter sich und könnte auf Bewährung entlassen werden, wenn er kommunizieren könnte, wenn er nicht so renitent wäre, wenn er einen Job fände. Doch Roman hat das Alphabet, um diese Forderungen umzusetzen, nie gelernt: Die Zeitung mit den Stellenanzeigen durchblättert er mit den Füßen. Für ihn als Heimkind ist das Leben draußen bedeutungslos, mit fremden Spielregeln und Inhalten. Sein Weg zurück in dieses Leben setzt deshalb bei etwas Bekanntem an, an dem Punkt, an dem es aufhörte: beim Tod. Die einzige Anzeige, mit der er etwas anfangen kann, ist die eines Bestattungsinstitutes. Sein Umfeld hält es für einen Gag, aber der 19-Jährige bewirbt sich und wird auf Probe genommen.

Karl Markovics verbindet in seinem Erstlingswerk meisterhaft, in dokumentarischer Dichte und zugleich puristischer Strenge, die passagenweise an die Filme der Dogma-Leute erinnert, drei Entwicklungsstränge, die zeigen, dass Roman Angst hat, aber zurück will ins Leben, dass er eine Aufgabe will und Kontakt, und dass das nicht geht, ohne über sich Bescheid zu wissen: Roman wird Bestatter, er lernt zu atmen, er findet seine Mutter und erfährt die Wahrheit über sich selbst.

Obwohl oder weil der Film sich erst gegen Ende schlagartig auflöst, ist er sofort spannend, spannend wie Bergman, spannend wie Antonioni, spannend wie Vinterberg: Auf der Bühne monotoner Handlungen, des sicheren und gleichförmigen und kleinen Gefängnisalltags, auf der Bühne der aus immer denselben Handgriffen bestehenden Arbeit der Leichenbestatter entfaltet sich das innere Drama der Gefühle, die nicht ausgedrückt werden können. Markovics, der vom Schauspiel kommt, hat die Seite gewechselt – sein Fokus bleibt jedoch gleich.

Der 18-jährige Thomas Schubert ist kein professioneller Schauspieler und spielt deshalb Roman auch nicht, er ist dieser Junge, der sich nicht erklären kann, weil er sich selbst nicht versteht, der seine Sehnsüchte nicht kennt und deshalb zu ticken scheint wie eine Zeitbombe. Er spricht nicht, er schaut und antwortet auf jede Demütigung mit diesem tiefen offensiven Blick, zwischen verletzt und einsam und wütend.

 

Mit dem Tod beginnt manchmal das Leben

Ein bisschen wegen dieses Blicks, mehr aber, weil einfach zusammen hingelangt werden muss bei den Bestattern, und noch mehr, weil Roman und Rudolf spät abends zu einem Unfall gerufen werden und vor Ort lange warten müssen und dann doch reden, so wie solche Männer eben reden, wird Roman langsam Teil einer Gruppe, wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben.

Hier gibt es Szenen, die ganz groß gespielt sind: Die Behutsamkeit und der Ernst, mit dem Rudolf, gespielt von Georg Friedrich, den Körper einer älteren Toten wäscht beispielsweise. Sie führt dazu, dass Roman ihm das erste Mal zuarbeiten kann. Tagelang stand er als stummer Zuschauer dabei, aber jetzt reicht er ihm, was der Kollege braucht, um der Toten ihr letztes Gewand anzulegen.

Der Bestatterjob ist ein Männerjob und voll der entsprechenden Ritualisierungen: Männer sprechen beispielsweise nicht viel, aber viel von dem wenigen ist witzig. Besonders in Wien. Gerhard (gespielt von Stefan Matousch), der zweite Kollege Romans, beschreibt seine Arbeit so: „Die richtige Leiche im richtigen Sarg zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ So ist „Atmen” auch ein befreiend komischer, ein satirischer Film. Nur Roman kennt diese performativen Akte nicht. Das Verhalten, welches einen zum Teil einer bestimmten Gesellschaft macht, muss von klein auf gelernt sein und platziert einen dann. Denn Männergruppen sind meist hierarchisch: Roman wird angegriffen am Anfang, kann sich mit Worten nicht wehren, kann die Krawatte nicht binden, die Teil ist der Uniform, und bittet Rudolf vergebens um Hilfe. Erst viel später zeigt der’s ihm, das Krawattebinden, ein atavistisches Aufnahmeritual in kruder Vater-Sohn-Romantik. Nebeneinander stehen sie vor dem Spiegel: Schritt eins, Schritt zwei... Roman im Fokus, angestrengt, ungeschickt - Rudolf unscharf im Dunkeln, lässig. Mit derselben Lässigkeit wirft er ihm später den Autoschlüssel zu und bringt ihm den Zusammenhang bei zwischen Gas, Kupplung und Motor. Am Ende des Films begleiten Gerhard und Rudolf Roman im grauen Bestattungskleinlaster an den Friedhof, auf dem der Junge liegt, den er getötet hat. Wortlos, ein als Diensthandlung getarnter Freundschaftsdienst.

Musik gibt es wenig im Film, sie würde ablenken. Nur wenn Roman auf der Straße geht, hin zum Knast in der Abenddämmerung, weg vom Knast im Morgengrauen, bringen Streicher und eine in Mischlicht getauchte traumhafte Landschaft etwas Wärme.

Strukturiert und aufgebrochen wird der Film durch drei zentrale Sequenzen im Schwimmbad der Vollzugsanstalt: Der jähe Kopfsprung ins Wasser katapultiert Roman aus der Enge seiner hermetischen Welt. In der ersten Szene zeigt sich, dass Roman keinen Anschluss zu den anderen Jugendlichen hat. In der zweiten bringt ihm der Aufseher das Atmen bei, denn Roman bekommt beim Kraulen nicht genug Luft und reagiert panisch: „Atme einfach tief”, sagt er, „mit der Nase ein, mit dem Mund aus. Tiefer, noch tiefer, die Luft muss ganz nach unten in den Bauch.” Da kommen Roman die Tränen und der Aufseher lässt ihn allein.

Die dritte Sequenz entfaltet eine erstaunliche Wirkung: Roman lässt sich mit leeren Lungen auf den Boden des Pools gleiten und bleibt dort liegen. Die Kamera folgt ihm. Eine normale Übung für Schwimmer, um das Sauerstoffaufnahmevermögen des Körpers zu trainieren. Aber Roman liegt dort – lange. Ein Prozess läuft ab in ihm. Er scheint auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Die anderen Jugendlichen sitzen am Beckenrand; ihre Beine ragen ins Wasser – die Oberkörper sind unsichtbar. Ab und zu gleitet einer von ihnen nach unten und sieht nach Roman.

 

Später erzählt die Mutter ihm, sie habe versucht, ihn mit dem Kissen zu ersticken. Als Neugeborener, weil sie einfach mal wieder schlafen wollte. Die Mutter, die Roman über das Jugendamt ausfindig macht, ist das ganz normale Böse. Unauffällig; einfach nicht dazu fähig, sich einzufühlen in einen anderen. Eher ist es Roman bei dem ersten Kontakt, der ihr hilft, der das richtige tut, der seine Wut in eine konstruktive Handlung umwandelt. Doch dann, als die Mutter ihm das erzählt hat, geht er. Sie bleibt allein zurück im U-Bahnhof neben dem Werbeplakat einer Strandwelt. Neben Romans Traum.

Er weiß jetzt, warum er tötet, wenn man ihm die Luft nimmt, warum ihn ein Pulli, den er nicht über den Kopf ziehen kann, zur Raserei bringt, eine Schweißermaske vorm Gesicht zum Brüllen. Er entscheidet jetzt, was er in sich aufnehmen will und was nicht. Roman ist jetzt frei. Er hat gelernt, selber zu atmen.

 

„Atmen” erhielt in Cannes den Preis "Label Europa Cinema", mit dem vielversprechende Produktionen ausgezeichnet werden, um ihre Verbreitung im Kino zu unterstützen. Der Film war auf dem Münchner Filmfest zu sehen und läuft ab dem 30. 9. diesen Jahres im Kino.

 

 


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