Die Stunde des Stieres

Die Meditationen des José Tomás

Von Wolf Reiser

© Anya Bartels-Suermondt
(alle Fotos: Anya Bartels-Suermondt)

Es war vor fünfundzwanzig Jahren, an einem glutheißen Augustnachmittag in der Arena von El Escorial. Dort erlebte ich meinen ersten richtigen Stierkampf. Alles passte: das Publikum, Rotwein, Käse und Oliven, das Licht, die Vorfreude. Bis dahin hatte ich nur mal im Urlaub einige dilettantische Gemetzel gesehen. Damals hatte mich diese Sache mit dem Blut und dem Tod und dem ganzen Ritual ohnehin nicht ernsthaft interessiert. Denn ich war, wie es einem durch Spanien trampenden jungen Mann zusteht, mächtig verliebt. Was kümmert einen da schon das Blut eines Stieres im wüstenbraunen Sand.

In El Escorial nun saß ich exponiert, genau über der Mündung des kahlen Ganges, durch den der Stier hindurch muss, bevor er auf die Menschheit losgelassen wird. Bis zu diesem Moment hatte er ein feines Leben auf endlosen andalusischen Weiden hinter sich. Mit anderen zur Keuschheit verdammten Brüdern hatte er herumgelungert in einem Schlaraffenland aus mediterranen Aromen, frischem Quellwasser, gleißender Hitze, Schatten spendenden Steineichen, Herbstwinden und Winterregen, und er hatte sich täglich vollgefressen mit Blutklee und Gras. Aus. Vorbei. Nun stand er zitternd in diesem Gang, während aus der Arena künstliche Düfte, verwirrender Lärm und grelles Licht hereindrangen. Lockend und drohend zugleich.

© Anya Bartels-Suermondt

In der Arena des Schicksals

Dann keuchte und fauchte es unter mir. Es hörte sich an wie die Geburt eines Teufels. Pechschwarz, glänzend vor Schweiß, bebend vor Nervosität, angepeitscht von einer unerlösten, fulminanten Wut, bahnte sich der 600 Kilo schwere Koloss seinen Weg in die vermeintliche Freiheit. Im spärlich bewässerten Sand des Colosseums stürmte er erst hierhin, dann dorthin, als suche er die Lösung eines Rätsels, das ihm dumpf aus dem Rund entgegenschallte. In der Mitte blieb er schließlich stehen und musterte ruhig die aufsteigenden Ränge hinter der hölzernen Absperrung. Alleine, gottverlassen, durchdrungen von einer düsteren Ahnung.

 

© Anya Bartels-Suermondt

In diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges in mir. Der Lärm wich einer unmenschlichen Ruhe, die Welt stand mit einem Ruck still. Das Bild, wie dieser Stier mit seinen tollkirschenschwarzen Augen sein Schicksal fixierte, brannte sich in mein Gedächtnis ein. Auf einmal symbolisierte er den Beginn aller Schöpfung, das Eintreten Gottes in seine unwirtliche Welt. Er symbolisierte die Urkraft, und die war nackt, brutal, maßlos, fulminant, furchterregend, amoralisch und gnadenlos. Dieser archaische Besucher verschwendete keinen Gedanken an den Sündenfall, die Sintflut, an Zeus oder die europäische Dosenpfandregelung. Vor mir stand ein Tier von archaischer Grausamkeit. Es würde die Menschheit für weitere Jahrtausende zurück in kalte Höhlen treiben. Dort versteckt, könnten die Begabteren unter ihnen in traumatischer Not mattbunte Stierbilder auf die Wände zeichnen. Für einen Moment spürte ich schmerzlich, welche barbarischen Lüste, Gedanken und Nöte permanent in uns toben, und wieviel Kraft es uns kostet, diesen inneren Vulkan ein Leben lang stillzulegen. Mag sein, dass wir damit einen Verrat an der Schöpfung begehen. Aber es gehört sich nun mal nicht, einen Kampfstier mitzunehmen, wenn man in der Bar nur mal kurz einen Mojito kippen will.

 

© Anya Bartels-Suermondt

Die Liturgie der Grausamkeit

Erst zwei, drei Stiere später kehrte ich in die Gegenwart von El Escorial zurück. Was ich dort sah, machte mir klar, dass es gestandene Kerle braucht, ein paar geschliffene Waffen und viel liturgische Intelligenz, um Ordnung ins Chaos zu bekommen, um dem Drama der Zivilisation eine Form zu geben. Wenngleich ohne jede Aussicht auf wirklichen Triumph. Aber hier, an jenem Abend, erzählte mir der Stierkampf die lange Geschichte des Menschenwegs mit all seiner Schönheit und Traurigkeit, seiner Aussichtslosigkeit und Hoffnungsfreude, mit all seinen Lügen und Wahrheiten.

 

© Anya Bartels-Suermondt

 

Viele Jahre später begleitete ich gemeinsam mit der Fotografin Anya Bartels-Suermondt den Jahrhundert-Matador José Tomás zwei Monate lang quer durch Spanien. Vom hitzeversengten andalusischen Süden bis in die regensatten baskischen Pyrenäen, durch endlose Sonnenblumenfelder und Olivenhaine, vorbei an zackigen Bergketten und kalkweißen Windmühlen, am Ebro entlang, durch winzige Dörfer mit Storchennestern, und dann wieder hinein ins Herz der Metropole.

© Anya Bartels-Suermondt

Der wortkarge José Tomás, der mich an einen Filmhelden von Truffaut erinnerte, der in den Bars von Saint-Germain-des-Prés fesselnde Frauenbeine bewundert, der wortkarge José Tomás also zeigte mir eine andere Facette der Geschichte. Und veränderte dabei meine Ansichten über das Leben und den Tod, mein Empfinden für Schönheit, Größe und Würde. Er ließ mich das duende spüren, jenen reinen, ungerechten, mysteriösen, engelsflüchtigen, schaurigen Zauber, der nur dem Stierkampf, dem Flamenco und vielleicht noch den Göttern gehört. Er ließ mich teilhaben an allen Spielarten seines Sakraldienstes: Einsamkeit, Todesmut, Ästhetik, Angst,  Leichtsinn, Besessenheit, Triumph, Kapitulation, Kontemplation, Konzentration, Einsamkeit.

 

© Anya Bartels-Suermondt

Auf in den Kampf ...

Auf der Sonnenseite der Arena brennt die Luft. Schwarzhaarige, schmuckbehangene Damen fächern sich Kühlung zu. An ihrer Seite zünden sich die Männer die erste Zigarre an. Dann schlägt die Stunde. Der Lärmpegel ebbt ab. Jetzt könnte die Welt untergehen oder ein Krieg ausbrechen - nichts davon würde diese Versammlung im Krater der Arena interessieren. Es ist fünf Uhr nachmittags, und das ist die Stunde der Stiere.

 

© Anya Bartels-Suermondt

José Tomás ist als zweiter an der Reihe. Mit gesenktem Kopf steht er in  goldfunkelnder Tracht im Callejon, dem rund um die Arena laufenden Gang. Still und allein durchlebt er einmal mehr die Metamorphose vom gewöhnlichen jungen Mann zum spanischen Nationalhelden. In wenigen Augenblicken wird er das schmale, schwankende Seil betreten, das ihn in den Triumph führen wird oder aber in den Tod.

 

© Anya Bartels-Suermondt

An diesem Tag jedoch wächst er über sich hinaus. Hört mitten im Kampf einfach auf zu kämpfen. Sein Weg und der des Stieres trennen sich. Das verletzte Tier trottet instinktiv in Richtung Schatten, während der Matador sich gegenüber an die scharlachrote Barrera lehnt und seinen Arm auf das Holz legt, als wäre es die Theke einer Flamencobar. Minutenlang schauen Torero und Tier nun aneinander vorbei, als hätten sie nichts miteinander zu schaffen. Die 12 000 Zuschauer toben vor Zorn. Ein Bandarillo, ein untergeordneter Gehilfe, ein Angestellter der Arena, gibt dem Stier schließlich den Gnadenstoß, während Tomás durch die hasserfüllte Menge scheinbar teilnahmslos nach draußen geht. Wie Jesus Richtung Golgatha.

© Anya Bartels-Suermondt

Vom Scheitern und vom Siegen

Ich werde diesen Moment in meinem Leben nicht vergessen. Dieser Matador, für den doch der Stierkampf alles ist, der sich für sein Publikum und dessen Projektionen opfert im wahrsten, klassischen Sinne, der Choreographien der Liebe und des Todes in die Arena zaubert und wilde Stiere zu Verbündeten macht, nur um sie anschließend zu verraten – dieser Matador weigert sich, diesen einen, seinen Stier zu töten.

Ich bewundere ihn bis heute für seinen Mut zur Rebellion. Für seine heroische Miene während der endlosen Minuten, mit der er zum Ausdruck brachte, dass dieser Kampf, unser aller Kampf, nicht zu gewinnen ist. Auch wenn er noch so oft zum Sieg umgedeutet wird. Tomas‘ Resignation war eine Kriegserklärung an die Scheinwahrheiten der Zivilisation. Sie war das Eingeständnis unserer Ohnmacht. Aber sie wies auch den Weg aus dieser Ohnmacht. Sie wies den Weg zur Würde. 

 

 

 

Von Anya Bartels-Suermondt erschien in der Collection Rolf Heyne der Bildband CORRIDA sowie, brandneu, bei Lunwerk Editores ein eigener Band über JOSÉ TOMÁS



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