Wie man bei meinen Leuten eine Audienz bekommt
Audienz beim Großkhan
Marco Polo und Wilhelm von Rubruk unterwegs gen Osten
War er nun in China oder nicht? War er beim Großkhan der Mongolen, auf Sumatra und in Korea? Und wenn nicht – wo zum Teufel war er dann, dieser dubiose Geschäftsmann namens Marco Polo, all die vierundzwanzig langen Jahre? Hat er sich womöglich nur in den Oasenstädten Innerasiens kundig gemacht, hat Pilger und Karawanenführer abgeschöpft, die entlang der Seidenstraßen bis von China kamen? Stehen also am Anfang der europäischen Asienliteratur schon Schwindel, Irreführung, Plagiat?
Vergleicht man sein „Buch der Wunder Groß-Asiens“ mit dem weit weniger bekannten Reisebericht des Wilhelm von Rubruk, der gut zwanzig Jahre zuvor den Hof des Mongolenherrschers besucht hatte, so klingen Polos Ausführungen seltsam schematisch und blutleer. Während Rubruks Journal sich wie eine mustergültige Reportage liest, betet Polo die Namen der Städte und Provinzen herunter wie einen Rosenkranz – ein Bericht aus dritter Hand. Dennoch diente er über Jahrhunderte als erstes Logistikhandbuch für Fernost.
Rubruk reiste an den Hof des Mangu Khan, eines Enkels des Dschingis Khan. Als Marco Polo sich eine Generation später gen Osten aufmachte, war dann Kublai Khan, ein Bruder Mangus, der mächtigste Mann der Welt. Ein Vergleich der beiden Erzählungen – nachfolgend zwei kleine Arbeitsproben - vermittelt uns eine Lektion über die Kunst der Reportage. Der selbst die Zeit nichts anhaben kann. Welche Geschichten unserer Tage wird man wohl in 750 Jahren noch mit unverminderter Begeisterung und Anteilnahme lesen?
sts
Marco Polo: Wie der Großkhan aussieht und wie er ist
Der Großkhan, Herrscher aller Herrscher, Kublai Khan, sieht so aus. Weder groß noch klein, ist er gut gebaut. Er steht gut im Fleische, und seine Gliedmaßen sind wohlgeformt. Sein Teint ist weiß und karmesinrot, seine Augen sind grau, seine Nase ist schön geschnitten. Er hat vier Frauen; es sind alle seine rechtmäßigen Ehefrauen. Eine jede hält in ihrem Palast prachtvoll Hof, umgeben von dreihundert wunderschönen Jungfrauen, von Eunuchen, Knappen, Männern und Frauen in großer Zahl. Der Großkhan verfügt jedoch auch über manch andere Freundin. Jede Jahr schicken die Migeat, ein Tatarenstamm, ihm die schönsten ihrer jungen Mädchen. Sobald die Anstandsdamen sie als schön, brav und in allen Punkten für gesund befunden haben, schicken sie sie zum Herrscher, dem sie jeweils zu sechst drei Tage und Nächte lang zu Diensten sind. Dann kommen sechs neue dafür. Und so geht es das ganze Jahr fort.
(zitiert nach: Marco Polo, Das Buch der Wunder. Hirmer Verlag, 1999)
Wilhelm von Rubruk: Audienz bei Mangu Khan
Wir wurden überall an den Beinen, der Brust und den Armen untersucht, ob wir Messer bei uns trügen. Hierauf traten wir ein. Am Eingang stand eine Bank mit Stutenmilch, neben der sich der Dolmetscher aufstellen mußte. Uns aber ließen sie auf Schemeln vor den Frauen Platz nehmen. Die Jurte war innen ganz mit Goldbrokat ausgeschlagen. In der Mitte des Raumes brannte auf einem kleinen Herd ein Feuer, das mit Dornsträuchern, Wurzeln des dort reichlich wachsenden Wermuts und mit Ochsenmist unterhalten wurde.
Mangu Khan saß auf einer Lagerstätte, mit einem gesprenkelten, hell leuchtenden Pelz bekleidet, der wie ein Seehundfell aussah. Er ist ein plattnasiger Mann von mittlerer Gestalt, etwa fünfundvierzig Jahre alt. Er ließ uns fragen, was wir trinken wollten, ob Wein oder Terracina, ein Gebräu aus Reis, oder Karakosmos, helle Stutenmilch, oder Bal, Met aus Honig. Diese vier Getränke bevorzugen sie nämlich im Winter. Ich kostete ein wenig von dem Reisgetränk. Es hat eine helle Farbe und ist wohlschmeckend wie Weißwein. Zu unserem Unglück stand unser Dolmetscher nahe bei den Mundschenken, so daß er bald betrunken war. Dann ließ der Khan Falken und andere Vögel herbeibringen, die er sich auf die Hand setzte und betrachtete. Erst nach längerer Zeit befahl er uns zu reden. Jetzt mußten wir die Knie beugen. Er hatte einen Dolmetscher bei sich, von dem ich zunächst nicht wußte, daß er ein nestorianischer Christ war. Wir hatten zwar auch einen Dolmetscher, aber der war bekanntlich betrunken.
(zitiert nach: Wilhelm von Rubruk, Beim Großkhan der Mongolen. Herausgegeben von Hans Dieter Leicht, 2003 neu aufgelegt in der Edition Erdmann)
Artikel empfehlen
NEU
Wie man bei meinen Leuten eine Audienz bekommt
Podolski und sein perfektes postaktionales Verdikt
Kairo - Ein Kaleidoskop
Großstadtbewohner im Spital
Oberbayerische Miniaturen, Teil 4
Neue Folge: "Abendgesellschaft"



