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Durchs wilde Rajasthan

Abenteuer Indien (IV): Pferde, Fürsten, Jodhpurhosen

Von Stefan Schomann

© Stefan Schomann
Das Marwaripferd, der ganze Stolz der Rajputhen
Alle Fotos: Stefan Schomann

Ein altes Sprichwort aus Rajasthan empfiehlt „das Kamel für die Liebe, den Elefant für das Glück und das Pferd für den Sieg“. Worin der erotische Reiz der Kamele besteht, lässt sich nicht so ohne weiteres bestimmen; vermutlich darin, dass die Liebenden mit ihrer Hilfe überhaupt zusammenkommen. Dass Elefanten Glück bringen, braucht man keinem Hindu zu erklären: Der Elefantengott Ganesha wird immer dann angerufen, wenn eine Entscheidung ansteht. Doch das am meisten verehrte und verhätschelte Tier unter den dreien ist das Pferd, zumindest in seiner lokalen Spielart, dem Marwaripferd. Benannt nach dem Königreich Marwar, das der Maharadscha von Jodhpur einst regierte. Man braucht kein Pferdekenner zu sein, um sie unter allen übrigen Rassen herauszukennen: an den krummen, sichelförmigen Ohren, deren Spitzen sich gelegentlich sogar berühren.

Ihr Schicksal ist eng mit dem der Rajputen verbunden, der einstigen Kriegerkaste. Zu den Nachfahren des alten Lehnsadels gehört auch Ajit Singh. Er lebt in Narlai, einem bezaubernden, von uralten Felsen umgebenen Pilgerort zu Füßen der Aráwalli-Kette. Mit seiner Familie bewohnt er ein abgeschiedenes Havéli, ein villenartiges Palais. Singh, dreißig Jahre jung, kostet es viel Mühe, den leicht ramponierten Stammsitz der Familie zu erhalten. Um so stolzer trägt er die Insignien seines Standes zur Schau, zu denen neben dem mehrfarbigen Turban ein juwelengeschmückter Dolch und natürlich Jodhpur-Hosen gehören. Die stammen bekanntlich aus Jodhpur; der dortige Maharadscha trug sie als Reithosen. Mit der Zeit übernahmen dann alle Rajputen diese Hosen, und heute trägt sie die halbe Reitwelt.

©  Stefan Schomann
Nicht ohne meine Jodhpur-Hose:
Auf Reitsafari mit Ajit Singh


Singh schätzt sie als unerlässliches Requisit seines Standes und trägt sie auch im Auto oder bei Besuchen. Denn ein Rajput ohne Havéli wäre notfalls vorstellbar. Ein Rajput ohne Pferde jedoch ist keiner mehr. Die alte Führungsschicht frönt einer schier närrischen Liebe zu Pferden. Die gelangten schon zu Zeiten der mythischen Arier nach Indien, auch mit anderen Reitervölkern aus Zentralasien, dazu aus Persien und Arabien. All diese Einflüsse kamen in den Marwari-Pferden zusammen. Mit ihrer Hilfe vermochten die Rajputen als einzige indische Macht den islamischen Invasionen und den persisch-türkischen Mogulen zeitweise Paroli zu bieten. Bis heute setzt die indische Armee berittene Truppen an der Grenze zu Pakistan ein.

Rajasthan verdankt seinen einst märchenhaften Reichtum der Gunst seiner Lage: Zwischen der Wüste Tharr und dem Aráwalli-Gebirge war nur dieser schmale Korridor problemlos passierbar. So dass seit uralten Zeiten Karawanenrouten hier durchführten, vom Arabischen Meer bis hinauf in den Himalaja und von Persien bis hinein nach Zentralindien. Noch immer finden die wichtigsten Viehmärkte am Ostrand der Tharr statt, wo auch die meisten Pferdehändler leben. Sie bilden eine eigene Kaste, die Mirasi. Die Rajputen sind Hindus, die Mirasi Moslems. Weshalb beim Kauf eines Pferdes derart viele Eventualitäten beachtet werden müssen wie sonst nur bei einer Eheschließung.

Wenn Ajit Singh ein neues Pferd erwirbt, folgt er geflissentlich den alten Riten. Vorab konsultiert er einen Brahmanen, der einen astrologisch günstigen Termin für den Kauf bestimmt. Wenn er das Pferd dann nach Hause bringt, bindet er es zunächst im Freien an, betet dann im Tempel für sein Wohlergehen und erbittet einen Blütenkranz vom Priester. Damit geschmückt, zieht das Pferd schließlich in den Stall ein, wo Singhs Familie es mit einer Begrüßungsspeise willkommen heißt. Als Hüterin des Hauses klebt die Mutter ihm eine Silbermünze unter den rechten Vorderhuf, auf dass es sein neues Heim „mit silbernen Schritten“ betrete. Die Geburt eines Fohlens gar wird von den gleichen Zeremonien begleitet wie die Geburt eines Kindes.

Die Liebe zum Pferd eint die verschiedensten Stände, vom einfachen Bauern bis zum Maharana von Udáipur, der in seinem märchenhaften Palast am See kostbare Marwari hält. Doch Liebe allein hätte vermutlich nicht ausgereicht, um die Rasse zu erhalten. Erst ein quer durch alle Schichten verbreiteter Brauch stellt ihren Fortbestand sicher. Denn fast jeder Mann benötigt einmal im Leben ein Pferd: für seine Hochzeit. Der Bräutigam hat auf einer weißen Stute vorm Haus der Braut zu erscheinen. Selbst mitten in Großstädten wie Jaipur oder Udáipur finden sich noch Stallungen, die allein von diesem Geschäft leben.

©  Stefan Schomann
Der mit den Pferden tanzt: ein fahrender Rossebändiger

Einige dieser Tiere vermögen noch mehr. Sie können auch tanzen! Der Pferdetanz ist das ritterliche Äquivalent zur Schlangenbeschwörung, halb Zaubertrick, halb Volksbelustigung. Mit Stickereien und Goldbordüren geschmückt, mit Schellen an den Hufen und einem Federbusch auf der Stirn, geben sie die indische Spielart der Hohen Schule zum besten. Sie tänzeln auf der Stelle, drehen sich auf der Hinterhand oder bäumen sich auf – ein fernes Echo der Kriegskunst, als solche Manöver trainiert wurden, um im Schlachtgetümmel zu bestehen.

Ajit Singh betätigt sich des öfteren als Impresario für Hochzeiten und Tempelfeste. Dafür trommelt er manchmal eine halbe Arche Noah zusammen. Denn je mehr Staffage eine Prozession versammeln kann, desto bedeutender ist der Anlass. Die Vorliebe für prunkvolle Festumzüge ist aus den Tagen der Maharadschas bruchlos ins 21. Jahrhundert übergegangen. Jüngst hat Singh in Falna, beim Fest des goldenen Jain-Tempels, sein Meisterstück als „Event-Manager“ vollbracht: Er besorgte 50 Elefanten, 150 Pferde, 200 Kamele, je 25 Pferde- und Kamelwägen, dazu 25 Musik- und 30 Tanzgruppen aus ganz Rajasthan.

Zu den Kennerinnen der indischen Reitkultur gehört Ute Peterskovsky. Die studierte Soziologin lebt seit sieben Jahren in Udáipur und hat sich gemeinsam mit ihrem Mann Virendra Singh auf Reitsafaris spezialisiert. Hoch zu Ross ziehen sie mit ihren Gästen durch Rajasthan. Ein Herold reitet dabei in schmucker Uniform mit Singhs Familienbanner vorneweg. Übernachtet wird in hüttenartigen Zelten aus weißer Leinwand, im Stil der Jagdlager der Maharadschas. Nebenbei bringen die beiden ihren Gästen auch die traditionelle indische Pferdelehre nahe, die in einem über tausend Jahre alten Buch niedergelegt ist, dem Shalivotra. Das in seiner Detailbesessenheit an das Kamasutra erinnert. „Vieles davon“, erzählt Peterskovsky, „beruht auf Aberglauben. Ein rein einfarbiges Pferd etwa, heißt es, bringe Unglück. Ausgesprochen glücksverheißend ist dagegen eines mit einer weißen Blässe und vier weißen Füßen.“ Zwei blaue Augen bringen ebenfalls Glück, ein blaues Auge dagegen Unglück.

Ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Marwari kann man sich bei einem der beliebten Distanzrennen machen. Etwa in dem kleinen Ort Dundlod in der Region Shekawati. Marwarifreunde aus drei Bundesstaaten, ja sogar aus Schottland und Sri Lanka sind der Einladung des Hausherren gefolgt. Raghuvendra Singh, genannt Bonnie, residiert im alten Fort, einer trutzigen Wohnburg im Herzen von Dundlod. Die Kanonen im Hof und die mit Teppichen und Damast ausgekleidete Audienzhalle künden vom Glanz vergangener Tage. Fast 600 Jahre lang herrschte Bonnies Familie über Shekawati und nannte ein Dutzend Kastelle und Herrensitze ihr eigen. Sein Großvater hielt allein in Dundlod noch 200 Pferde, seinen Pflichtanteil an der Kavallerie von Jaipur.

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In Dundlod die Nummer Eins: Maharadscha Raghuvendra Singh

Die Sonne steigt über den Horizont, verschleiert durch den subtropischen Dunst und den Sandstaub des Turnierplatzes. Über zwei Tage hinweg treten die Reiter in der Einzel- und in der Teamwertung an, preschen über sechzig oder neunzig Kilometer durch die umgebenden Felder und Weidegründe. Der Turnierplatz wird von zahlreichen Zelten gesäumt, für die Pflegerteams wie auch für Gäste, die im Fort nicht mehr unterzubringen waren.

Er sei 1984 auf die Marwari gekommen, erzählt Bonnie, als Berater für den Palast der Winde – einen Kostümfilm mit Ben Cross, Christopher Lee und Omar Sharif. Letzterem sieht er sogar ein wenig ähnlich. Damals konnte er das Filmteam davon überzeugen, statt Vollblütern authentische Marwari einzusetzen. „Als die Dreharbeiten beendet waren, musste sich jemand um die Tiere kümmern. Und seither bin ich ihnen verfallen.“

Während die Kampfrichter und Betreuer die Rückkehr der Reiter erwarten, schlendern die übrigen Gäste durch Dundlod. Das noch erstaunlich viele Havélis besitzt, Residenzen einst wohlhabender Adels- und Kaufmannsfamilien, die längst in Delhi oder Bombay ansässig sind. Ihre Häuser sind mit Treppen, Türmchen und Arkaden verziert. Die farbenfrohen Fresken zeigen wohlvertraute Tiermotive: Das Kamel für die Liebe, den Elefant für das Glück und das Pferd für den Sieg.

 

© Stefan Schomann


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