Ein Tag Deutschland

MAGDAS ALBUM - Extrablatt

An ein und demselben Freitag des gerade vergangenen Jahres reisten über 400 Fotografen durch ganz Deutschland, um nichts Geringeres zu versuchen als ein Gruppenbild der Gesellschaft. Ein Mosaik von Menschen, Bildern und Geschichten.

Ein Tag Deutschland
dpunkt Verlag Heidelberg, 640 Seiten, 49,90 Euro

Initiiert hat das Projekt der Fotografenverband Freelens. Die Teilnehmer hielten "nach Momenten Ausschau, die dieses Land repräsentieren", erzählt Geschäftsführer Lutz Fischmann. "In Dörfern und Großstädten, in Schulen und Wohnzimmern, auf Fußballplätzen und Flughäfen, in Parlamenten und Diskotheken."

Zwischen Sylt und Garmisch-Partenkirchen entstand so eine einzigartige visuelle Bestandsaufnahme. Gerade sind die Ergebnisse als Buch erschienen. MAGDA zeigt in den nächsten Wochen eine Auswahl der interessantesten schwarz/weiß-Geschichten auf der Startseite. Tag um Tag mit einem neuen Bild, versteht sich.

 

©  Arnold Morascher

©  Margrit Müller
©  Christian Kaiser
©  Patrick Pfeiffer
©  Simone Neumann

DIE GESCHICHTEN:

 

Christian Kaiser

Im Trüben fischen

Geschmeidig zieht der Butt durchs Fahrwasser der Elbe, vorbei an Ozeanriesen, die ihn mehr als haushoch überragen. An der Ruderpinne sitzt Olaf Jensen. Seit fast dreißig Jahren geht der Berufsfischer hier auf Fang. Regelmäßig inspiziert er seine 25 Reusen, die er im Hafengebiet ausgelegt hat.

„Vor 150 Jahren galt die Elbe als fischreichster Fluß Europas. Stinte konnte man mit dem Eimer rausholen, damit hat man die Schweine gefüttert“, erzählt er. „Heute ist die Gewässerqualität zumindest wieder brauchbar“, nachdem viele Industriebetriebe am Oberlauf mit der DDR verschwunden sind. Zahlreiche Fischarten siedelten sich wieder in der Elbe an, so auch im Hafen.

 

Christian Kaiser, geboren 1960, Diplom-Designer und Fotograf, lebt in Hamburg und ist Mitglied der Fotoagentur Laif. In voller Länger erscheint seine Geschichte über die Elbfischer im Februar im a tempo-Magazin.

 

Yasmin Obst

Zuhause

Der 70. Geburtstag ihres Vaters gab den Anlaß: „Ich wollte mich näher mit dem Thema „Zuhause“ beschäftigen. Dabei wurde mir klar, dass jedes Zuhause eine seltsame Mischung aus Altem und Neuem, vergangenem und gegenwärtigem Leben beinhaltet.“ Indem sie die Lebenswelt ihres Vaters mit der Kamera erforschte, wurde ihr deutlich, „wie unterschiedlich er und ich das jeweilige Zuhause wahrnehmen, und welch ungleich höheren Stellenwert die eigene Wohnung für ihn hat.“

©  Yasmin Obst

 

Yasmin Obst: Nach Geschichtsstudium in München Fotodesign-Studium, ebenfalls in München. Seit 2009 freie Fotografin.

 

 

Margrit Müller

Zwischenstation

Diese Porträts entstanden in einem heilpädagogischen Hort, der von der Stiftungsverwaltung Freiburg betrieben wird. Die Kinder werden teils ambulant, teils stationär betreut. Es handelt sich um Kinder, die aufgrund schwieriger Familien- und Lebensumstände mit sich und der Umwelt in Konflikt geraten sind, die Verwahrlosungstendenzen oder psychische Auffälligkeiten zeigen.

„Haben diese Kinder bereits aufgrund ihrer Sozialisation den Anschluß an die Leistungsgesellschaft verpaßt? Spiegelt sich der gesellschaftliche Konflikt zwischen Arm und Reich oder der zwischen ihrer Herkunft und ihrem Leben in Deutschland in ihren Augen, ihrer Mimik wider?“ Auf diese Fragen wollte die Fotografin mit ihrer Serie eine Antwort finden. „Mein Anliegen war, diesen hilfsbedürftigen jungen Menschen Aufmerksamkeit und Respekt zu schenken.“

©  Margrit Müller

 

Margrit Müller, geboren 1965, aufgewachsen auf einem Bauernhof im Schwarzwald. Seit 2001 freie Fotografin, arbeitet vor allem für die Basler Zeitung.

 

Jürgen H. Krause

Leben!

Rolf KeTaN Tepel, 55, lebt als Aussteiger mitten in der Großstadt. Er nennt sich selbst „LebensKünstler, LandschaftsBewohner und LiebesBeauftragter“. Vor fünf Jahren hat er ein ungenutztes Gelände am Kölner Eifelwall besiedelt und dort sein Traumhaus errichtet, in dem er ohne Wasser- und Stromanschluß lebt. Seinen Lebensunterhalt bestreitet KeTaN mit Spenden und seiner Kunst. Über die Jahre hat er sich dort sein kleines Paradies geschaffen und wurde bisher von den Behörden geduldet. Doch nun soll er das Gelände räumen, denn die Stadt Köln möchte dort das neue Stadtarchiv errichten, nachdem das historische Archiv 2009 als Folge des U-Bahn-Ausbaus eingestürzt ist.

Für Krause war Herr Tepel „eigentlich nur eine Notlösung“, nachdem tags zuvor sein lange geplantes Thema überraschend geplatzt war. So fuhr er denn aufs Gratewohl zu seinem neuen Protagonisten, den er bis dahin nur aus einem Fernsehbeitrag kannte. Und kehrte erfüllt und inspiriert zurück. „Ich bin froh, daß es so gekommen ist, denn einen Menschen wie KeTaN kennenzulernen ist für das eigene Leben eine Bereicherung.“

©  Jürgen H. Krause

 

Jürgen H. Krause, geboren 1964 in Castrop-Rauxel, studierte Fotoingenieurswesen in Köln. Seit Mitte der neunziger Jahre freier Fotograf. Lieblingsgenre: Porträts.

 


Arnold Morascher

ganz bei sich

Ursprünglich wollte Arnold Morascher für das Deutschland-Projekt eine Profiboxerin porträtieren. Da jedoch deren Manager den Termin verschwitzte, mußte er kurzfristig umdisponieren. Er entschied sich, einen Tag im jungen Leben seines Sohnes zu dokumentieren. Und zwar bewußt „nicht in Interaktion mit anderen, sondern in Konzentration auf sich selbst. Lernen, Erfahren, Bewegung, selbständiges Spielen; auch seine Frustration, als er zum Beispiel nicht in der Lage war, alleine auf unser Bett zu klettern. Er realisierte meine Anwesenheit mit der Kamera durchaus, war aber sehr zufrieden, mit seinem eigenen Spiel in Ruhe gelassen zu werden.“

©  Arnold Morascher

Arnold Morascher, geboren 1979 in Österreich, lebt in Hamburg. Seit fünf Jahren ist der studierte Übersetzer freier Reportagefotograf; er wurde bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet.

 

Nanni Schiffl-Deiler

Die Kolonie

Schauplatz ist eine Kleingartenanlage in Harthof, einem Stadtteil im Norden Münchens. Harthof und das benachbarte Hasenbergl gelten als sozial schwache Gegenden. Schiffl-Deiler trug sich schon länger mit dem Gedanken, eine Dokumentation über Schrebergärten zu machen: „Ich finde diese kleine, abgeschlossene Welt sehr interessant. Sie sagt viel über die Menschen aus, die ihr kleines Reich dort pflegen und hegen.“ An diesem Tag aber herrschte schrecklich kaltes Wetter, so daß die Anlage ziemlich verlassen lag. Doch auch die verwaisten Gärten erzählen viel von ihren Besitzern.

©  Nanni Schiffl-Deiler

 

Nanni Schiffl-Deiler lebt und arbeitet in München. Der Fokus ihrer Reportagen liegt hauptsächlich in sozialen und humanitären Themen.

 

 

Patrick Pfeiffer

Freundinnen

Mitmachen konnte jeder, doch gekommen sind fast nur Mädchen: Patrick Pfeiffer baute seine Großformatkamera auf dem Schulhof des Humboldt-Gymnasiums in Konstanz auf. Dessen altehrwürdige Gründerzeitfassade hatte es ihm angetan, und so beschloß er, dort seinen Beitrag für Ein Tag Deutschland aufzunehmen. Nicht etwa digital, auch nicht mit herkömmlicher Analogtechnik, sondern mit einem Medium, das einmal der letzte Schrei war, heute aber fast schon wieder vergessen ist: auf Polaroid-Film.

"Ich hatte zwanzig Polapans 55, die letzten ihrer Art. Gut, dass ich mir diese Packung für etwas Besonderes aufgehoben hatte", berichtet Pfeiffer. "In der großen Pause vertraute ich dann einfach auf die Anziehungskraft eines nicht alltäglichen Fotoapparates." Tatsächlich kamen trotz Nieselregens die ersten Neugierigen und ließen sich fotografieren. "Am Ende mußte ich die meisten wegschicken, denn dieses Mal war der Vorrat an Aufnahmen ja nicht unendlich."

©  Patrick Pfeiffer


Patrick Pfeiffer studierte in Frankreich Fotografie und Kunst. Er betreibt ein Studio für Fotodesign in Konstanz; zu seinen Spezialitäten gehören Theaterfotografie und "Bildgeschichten mit Pfiff".

 

Simone M. Neumann

Nachtschicht

Für ihre Reportage porträtierte Neumann Menschen, die arbeiten, wenn andere schlafen. Menschen, die frühmorgens oder spätabends für Unterhaltung, Sicherheit, Transport oder Müllbeseitigung sorgen. „Da sie ihre Dienstleistungen jenseits der üblichen Arbeitszeit erbringen, werden sie weniger wahrgenommen. Doch ohne sie könnte die moderne Gesellschaft nur schwer auskommen.“ Unter diesen Nachtgestalten war auch Esther-Lina Cardenas Ruda, eine junge Tänzerin am Berliner Friedrichstadtpalast.

©  Simone M. Neumann

Simone M. Neumann, geboren 1973 in Uelzen, lebt in Berlin. Nach Studium der Soziologie und Publizistik als freie Fotojournalistin und Bildredakteurin tätig.



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