Einmal Nanking und zurück
Emily Hahn unterwegs in einen Krieg
Sie wollte in den Kongo gehen, „um zu vergessen, daß man mir das Herz gebrochen hatte“. Statt dessen geriet Emily Hahn in eine ferne Stadt, die ihre große Liebe werden sollte: Schanghai.
Die deutschstämmige Amerikanerin war in den dreißiger Jahren einer der ersten Stars des New Yorker. Für ihn berichtete sie aus China, so unvoreingenommen und voll Esprit wie keiner ihrer Kollegen. Als sie 1935 in Schanghai ankam, strahlte der Mythos der Metropole noch ungebrochen: die kosmopolitischste Stadt der Welt, ein steingewordenes Abenteuer.
Zwei Jahre später überzog Japan China mit Krieg. Anfangs hielten die Ausländer sich noch für unbelangbar: „Wir verfolgten die Ereignisse, als handle es sich um einen Roman.“ Doch dann wurden sie selbst zu Komparsen des Krieges, und Emily Hahn zur Chronistin des Niedergangs. Eine Auswahl ihrer China-Reportagen ist nun auf Deutsch erschienen. MAGDA bringt eine Kostprobe aus dem unten beschriebenen Band. Sie spielt vom 12. bis 14. August 1937 – drei Tagen, die zu einem weltgeschichtlichen Wendepunkt werden sollten und den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg in Fernost bildeten. Die gleichen drei Tage wählte übrigens wenig später Vicki Baum als Zeitraum für ihren Roman Hotel Schanghai.
* * *
Niemand riet uns, nicht zu fahren. Der junge Mann im Büro der Fluggesellschaft klang etwas überrascht, als ich ihm erklärte, er brauche sich um unsere Flugtickets keine weiteren Gedanken zu machen, da wir nun mit dem Zug fahren würden. Er sagte lediglich auf eine merkwürdig kühle Art: „Oh!“
Selbst im Rückblick erscheint mir mein Verhalten nicht völlig töricht. Da zu dieser Zeit jeden Tag mit Krieg zu rechnen war, waren Mary und ich den ganzen Sommer über zu Hause geblieben. Sie war jedoch neu in China und wollte zu gern einmal aus der Stadt herauskommen. Schließlich war ich es, die entschied, nach Nanking zu fahren. Dort gebe es jede Menge junger Männer und Einladungen zu Dinner- und Tanzpartys, erklärte ich. Zweien dieser jungen Männer telegrafierten wir unsere Ankunft und verließen Schanghai am Donnerstagmorgen mit dem Acht-Uhr-Expreßzug. Was wir nicht ahnen konnten: Es war der allerletzte Zug, der noch durchkam. Niemand riet uns, nicht zu fahren.
Nach der Ankunft am Bahnhof trug ich dem Fahrer auf, uns am Sonntagabend wieder dort abzuholen. Dann gingen wir zum Bahnsteig. Als ich mich umblickte, sagte ich: „Gut, viel besser als letzte Woche. Es sind viel weniger Flüchtlinge. Der Exodus scheint nachgelassen zu haben.“
Seit einem Monat strömten verängstigte Chinesen vom Land nach Schanghai und umgekehrt aus Schanghai aufs Land. Sie überschwemmten die Züge, saßen die ganze Nacht über auf ihren Gepäckbündeln, waren mit Essen beschäftigt, lächelten oder starrten einfach vor sich hin. Nie jedoch weinten oder jammerten sie.
Der Zug war, wie nicht anders zu erwarten, vollkommen überfüllt. Als Gepäck hatten wir je eine Hutschachtel mit Tageskleidung und einem schlichten Abendkleid; Mary hatte außerdem „Sweetie Pie“ in einem Korb dabei. Sweetie Pie war ein Entenküken, das ich für zehn Cent am Bund gekauft und für Mary mit nach Hause gebracht hatte. Es war richtig zahm, folgte ihr überall hin und weinte wie ein Kind, wenn man es nicht hochhob. Der Koch hatte uns einen geflochtenen Deckelkorb gegeben, aber sobald der Korb geschlossen wurde, schrie das Küken ganz furchtbar. Nachdem wir uns in unserem Abteil eingerichtet und eine Flasche Wasser gekauft hatten, ließen wir das Entchen heraus, lachten es an und warteten auf die Abfahrt des Zuges.
Anderthalb Stunden tat sich nichts. Dann fuhr der Zug doch los. Kurz darauf hielt er wieder an und blieb noch eine Stunde oder länger stehen. Militärzüge kamen vorbei, in denen wir Soldaten mit Blechhelmen und Maschinengewehren sahen. Ich sagte: „Warum in Richtung Schanghai? Der Krieg findet doch in Nordchina statt.“ Wir sahen uns besorgt an, doch Sweetie Pie brauchte etwas zu trinken, und so waren wir mit ihr beschäftigt.
Eine Reise ohne Wiederkehr?
Für die Fahrt nach Nanking – normalerweise eine Strecke von fünf Stunden – brauchten wir sechzehn Stunden. Unterwegs wurden neunzehn weitere Wagen angehängt, und einige Meilen vor der Stadtmauer brach die Zugmaschine zusammen, aber schließlich kamen wir nach Mitternacht an. Mein junger Mann wartete am Bahnsteig; doch Marys war nicht da. Meiner war ein junger britischer Marineoffizier, der in seinen weißen Shorts gut, aber vom Warten müde aussah. Nach einem mißbilligenden Blick auf Sweetie Pie sagte er: „Also, das war der letzte Zug zwischen Schanghai und Nanking. Es gibt keine Flüge und auch keine Schiffe, denn der Fluss ist hinter Zhenjiang vermint.“
Mary, die immer alles glaubt, was man ihr erzählt, war beunruhigt. Doch ich lachte und sagte: „Er neckt uns. Du mußt ihm nicht glauben.“ Der Marinemensch sah mich merkwürdig an, sagte aber nichts mehr. Im Hotel tranken wir Tee und aßen etwas Obst. In Nanking schließt alles um Mitternacht, und daher war ich nicht überrascht, dass überall die Lichter aus waren, und wir amüsierten uns köstlich über das Schild im Hotelzimmer: „Hotelgäste werden vor Luftangriffen gewarnt. Bitte vermeiden Sie Licht und halten Sie die Jalousien geschlossen.“ Ich sagte: „Du lieber Himmel, diese Diplomaten sind so etwas von ängstlich, stimmt‘s?“
Nachdem der Marinemensch uns für den nächsten Tag zum Mittagessen auf sein Schiff eingeladen hatte, ging er. Mary versuchte vergeblich ihren Freund zu erreichen. Es sah so aus, als sei er nach Schanghai gefahren.
Am nächsten Tag mußten wir feststellen, dass alles stimmte – es gab keine Flüge, und die Bahn konnte nur die Fahrt bis nach Suzhou zusichern. Ich hörte die wütende Stimme eines dicken Deutschen, der einen Bus mieten wollte, um über Land nach Hangzhou zu fahren – eine Strecke von zehn Stunden – und von dort dann nach Schanghai. Dann entdeckte ich einen jungen Mann mit einer Schirmmütze, der mit dem Deutschen sprach, und hörte ihn sagen: „Zug heute Abend.“ Also stürzte ich auf ihn zu und fragte: „Fährt ein Zug? Wissen Sie das?“
Der junge Mann antwortete: „Es fährt ein Zug, denn man hat meine Fahrkarte gestempelt. Aber ich weiß nicht genau, um welche Uhrzeit. Und er fährt nur bis Suzhou.“
Wir riefen den Hotelportier, erklärten ihm die Sache mit der Bahn und schickten ihn zum Bahnhof, unsere Tickets stempeln zu lassen. Er meinte, der Zug würde um Mitternacht fahren. Daraufhin besserte sich die Stimmung von Marinemensch, denn dann könnte die Abendparty ja doch noch stattfinden.
Ich verstand es nicht. Engländer sind eher ruhige Charaktere, aber müssen sie deshalb gleich völlig unbrauchbar sein? Die Abendparty war doch wirklich nicht so wichtig.
Wir stritten halbherzig, bis ich ans Telefon gerufen wurde. „Sind Sie die Dame, die nach Schanghai fahren will?“, fragte jemand mit deutschem Akzent. „Sie sollten wissen, daß der Zug in einer Stunde abfährt. Ich bin hier am Bahnhof und habe es gerade gesehen. Wenn Sie sich beeilen, werde ich zwei Plätze für Sie reservieren. Es gibt jedoch keine zweite Klasse, nur dritte und vierte. Ist das in Ordnung? … In Ordnung.“
Es muß Krieg sein
Wir packten unsere Sachen. Plötzlich – es war jetzt sechs Uhr – wurde es in Nanking stürmisch und dunkel. Der Himmel war schwarz bewölkt und der Manager sagte schaudernd: „Es muß Krieg sein.“ Er blickte still vor sich hin, Ratlosigkeit auf seinem gutmütigen Managergesicht. Schließlich fanden wir eine Rikscha. Wir machten uns auf den Weg, die breite staubige Straße hinunter, die von der Stadtmauer aus wegführt. Wir hörten die trippelnden Schritte des Rikschafahrers auf dem staubigen Asphalt, blickten zu den schwarzen Wolken über den Feldern empor und machten uns Gedanken, ob wir den Zug rechtzeitig erreichen würden, ob er durchkäme und schließlich ob wir durchkommen würden. Ich hatte den Marinemensch ganz vergessen, doch plötzlich war er da, saß aufrecht in einer Rikscha und blickte stur nach vorn. Wir fuhren alle Richtung Bahnhof.
Dann befanden wir uns plötzlich zwischen lauter Soldaten. Sie marschierten direkt den Bahnsteig entlang, Hunderte von Männern mit ihrem gesamten Gepäck an langen Bambusstangen. Sie drängten sich so sehr zwischen uns und unserem Zug, daß ich am liebsten laut geschrien hätte, wenn es nicht so still gewesen wäre. Sie alle waren jung, naiv und fröhlich und marschierten gut, erschreckend gut, so dass es für uns kein Durchkommen gab. Schließlich konnte sie der Hotelportier aufhalten – ich vermute, weil er eine prächtigere Uniform trug. Marinemensch war nicht zu sehen; wir liefen und liefen. Wir kletterten vom Bahnsteig herunter und rannten über die Gleise an lauter überfüllten Waggons entlang. Der Deutsche war nirgends zu finden. Wir kletterten in einen Erste-Klasse-Wagen, der gerade angehängt worden sein musste, da es noch einen freien Sitzplatz gab. Dann tauchte auch Marinemensch auf und gab uns sein gesamtes Geld, das er in den Taschen hatte, wobei er erklärte, er wolle nicht, dass wir eine unangenehme Reise hätten. Sein Verhalten war jetzt etwas besser, aber weiterhin unverkennbar britisch.
Hunderte von Flüchtlingen und Soldaten liefen hin und her, die Züge standen vollkommen chaotisch an irgendwelchen Bahnsteigen und jeder, wirklich jeder außer einem Engländer konnte erkennen, daß Krieg herrschte. Doch Marinemensch redete weiter in seiner affektierten Sprechweise, laut, belustigt und typisch männlich.
Es war heiß und stickig, da wir uns in unmittelbarer Nähe der Bordküche befanden. Wir konnten auch die kleine Ente nicht herauslassen, die ununterbrochen piepste. Dann tauchte der Deutsche auf, dessen Miene sich erhellte, als er uns sah. Mit ihm kam ein Inder in einem grauen Flanellanzug. Er rauchte Pfeife, machte einen liebenswerten Eindruck, sah sanft und humorvoll aus. Nachdem ich ihm meinen und Marys Namen genannt hatte, stellten sich der Deutsche als Wally und der Inder als Gandhi vor. Wir plauderten miteinander, kauften erwärmtes Bier und reichten die Flaschen herum.
Dann sagte der Marinemensch: „Ich gehe jetzt zum Abendessen, aber in ein bis zwei Stunden komme ich wieder vorbei, um nach euch zu sehen.“ Damit ging er davon – absolut sorglos, gepflegt, kühl und nur mit sich selbst beschäftigt. Wir sahen ihn nicht wieder, denn der Zug fuhr bald los. Wir waren auf dem Weg nach Schanghai.
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo
Auf Hutschachteln kann man besser sitzen als auf jedem anderen Gepäckstück. Wir wechselten uns mit dem Sitzplatz und einer der Hutschachteln ab, während Wally auf der anderen saß. Neben ihm saß Gandhi auf seiner schwarzen Tasche zu Füßen eines chinesischen Ehepaares mit zwei kleinen Jungen. Außerdem war in dem Abteil noch Mr. Lee, ein großer, stämmiger Chinese mit einer Hakennase. An jedem Halt stiegen wir aus, um ein bißchen hin- und herzulaufen oder auf einer Bank oder dem Boden sitzend auszuruhen. Nach acht Stunden dachten wir, wir könnten es nicht mehr aushalten. Auf engstem Raum zusammengequetscht fühlten wir uns derart elend, dass wir schließlich jegliches Gefühl für die Realität verloren.
Gandhi, der im Gesicht grün war und besorgt aussah, schlief gegen meine Hutschachtel gelehnt auf dem Boden, wobei Wallys Kopf auf seinen Armen wie auf einem Kopfkissen ruhte. Das Ehepaar mit den beiden Kindern schlief. Die Leute hinter mir schliefen auch; nur Mary und ich konnten nicht schlafen. Um fünf Uhr ging die Sonne auf. Alles wirkte jetzt verändert und hoffnungsfroh.
Wir erreichten Suzhou um neun Uhr. Jeder ergriff etwas – ich nahm Gandhis fast leere Tasche –, und Wally und Mr. Lee trugen unsere schweren Hutschachteln. Wir mußten über mehrere Bahnsteige und durch Züge hindurch klettern, über Neben- und Abstellgleise. Schließlich kamen wir bei einem Zug weit ab vom Bahnhof an, der voller Menschen war, die herumschrien und miteinander stritten. Wir schafften es nicht, in diesen Zug einzusteigen, da die Menschen wie Kletten an den Türen und Fenstern hingen und sich nicht abschütteln ließen. Wally setzte uns auf unseren Hutschachteln ab und ging mit Mr. Lee davon, um sich zu beschweren. Wir blieben dort in der milden Morgensonne sitzen, mitten in einem unangenehm riechenden Feld.
Wally kam zurückgerannt und rief: „Schnell, schnell!“ Wir stürzten wie wild los, überquerten Gleise, rannten an leeren Güterwagen entlang und hasteten vorbei an rangierenden Lokomotiven. Dann fielen wir in einen Waggon, der nach Schanghai fahren sollte und gerade bereitgestellt worden war. Dieses Mal bekamen wir alle einen Sitzplatz.
Es zeigte sich, dass der Zug in einem weiten Bogen um die Kampfhandlungen herumfuhr. Lee stieg immer wieder aus und versuchte Zeitungen zu bekommen, doch so früh gab es keine zu kaufen. Hinter Suzhou wurde die Landschaft smaragden grün, jade- und goldfarben, voller saftig grüner Büsche und Bäume, und ab und zu fuhren wir an Teichen mit klarem blauen Wasser und an sich gemächlich drehenden Windmühlen vorbei. Wir hatten alle Hunger, doch im Zug gab es nichts zu essen. Noch nicht einmal Tee.
Den ganzen Nachmittag über fuhr der Zug langsam durch eine fruchtbare Ebene und blieb alle paar Meter stehen. Über den Feldern konnten wir immer mehr Flugzeuge sehen. Gegen Abend flog eine japanische Maschine direkt über uns hinweg. Doch an diesem Tag bombardierten die Japaner keine Züge – noch nicht.
Gegen sechs Uhr abends begannen wir zu singen. Gandhi konnte eine Melodie auf einer flachgedrückten Streichholzschachtel spielen. Mr. Lee fragte uns nach Liedern, Wally spielte daraufhin auf dem Kamm und ich sang dazu. Mary benutzte unsere zwei Fächer als Trommelstöcke und trommelte damit auf dem Tisch, der sich zwischen unseren Sitzen befand. Sweetie Pie fiel mit „Piep, piep! Piep, piep!“ – oder wie Cocteau sagen würde „Huit, huit“ - in unseren Chor mit ein. Als wir an der Longhua-Pagode vorbeikamen, sagte Mary: „Bis jetzt ging es eigentlich. Wir sind nun seit 24 Stunden unterwegs, und es war nicht allzu unangenehm.“
Rette sich, wer kann
Wir beschlossen, bereits am Südbahnhof auszusteigen und nicht bis in die Stadt zu fahren. Bei der Ankunft stürmte jedoch eine Menschenmenge den Zug. Am Abend zuvor waren Chinesen aus Schanghai aufs Land geflohen - in vollkommen überfüllten Zügen, in Güterzügen, in offenen und geschlossenen Wagen. Die Menschen waren sogar auf die Wagendächer geklettert. Wir hätten auf diese hereinstürmende Menschenmenge gefaßt sein müssen, doch wir waren zu müde. Noch ehe der Zug zum Stehen gekommen war, stürzten sie in unseren Wagen. Wir wussten ja nicht, dass sie den ganzen Tag Schüssen und Bomben ausgesetzt gewesen waren. Der Ansturm der Menge zwang uns, im Zug zu bleiben. Es kletterten sogar Leute durch die Fenster herein. Dabei machten sie keinen bösartigen Eindruck, sie wirkten eher wie benommen. Wally kletterte mit meiner Hutschachtel durch ein Seitenfenster auf der anderen Seite hinaus und rief mir zu, ihm zu folgen. Ich schrie „nein“ und warf mich, Mary hinter mir, der Menge an der Tür entgegen. Da ich schwerer bin als die meisten Chinesen, wurde ich einfach nach draußen geschoben. Ich dachte, Mary sei direkt hinter mir. Als ich auf dem Bahnsteig stand und mich umdrehte und sie immer noch im Zug sah, wurde mir vor Sorge schlecht. Mary ist eher klein und zart.
Dann jedoch geschah etwas. Mary, die wie von einer Welle hochgeworfen wurde, sah beim Blick nach unten, wie Sweetie Pies Korb flach gedrückt wurde. Die kleine Ente hatte ihren Kopf wie eine Schlange in die Höhe gestreckt, ihre Augen traten aus den Höhlen. Mary stieß einen Schrei aus und fing an um sich zu schlagen und zu kratzen. Und ehe ich mich versah, kämpfte sie sich durch die Menge – Sweetie Pie in den Händen.
Wir brauchten eine Weile, bis wir Gandhi, Wally und Mr. Lee fanden. Danach gingen wir zu Fuß weiter. Gerade als es dunkel wurde, hörten wir die Bombeneinschläge. In den chinesischen Vierteln, wo im Krieg alles erlaubt war, waren die Straßen voller Menschen, die wie Herbstblätter herumwirbelten und dabei angestrengt und voller Sorge in den bewölkten Himmel spähten. Wir liefen zügig mitten auf der Straße. Es konnte alles nicht wahr sein. Es war wie ein Albtraum. Wally fand alles schrecklich. Er machte sonst Filme, aber weil er seine Kamera nicht dabei hatte, verpasste er die Gelegenheit, Geld zu verdienen. Also liefen wir weiter und hörten die Bomben jetzt schon ziemlich in unserer Nähe. Ich hatte das zuvor noch nie gehört. Es nahm kein Ende. Es war kein bißchen abenteuerlich, nicht wirklich beängstigend, eher unwirklich. Vermutlich waren wir vier Meilen gegangen, bis wir zu der einzigen Stelle kamen, die in die Französische Konzession führte und offen war.
Wir blickten zurück. Der Himmel war jetzt fast schwarz. Wir konnten fünf Flugzeuge erkennen, danach blaue Blitze; sie stammten von Flakgeschützen, wie Wally uns erklärte. Von da an war alles völlig unwirklich. Ein Lastwagen voller Leichen raste an uns vorbei. Die Rikschas blieben immer wieder stehen, weil ihre Laternen ausgingen. Der Himmel stand in Flammen. Ich sah ein chinesisches Liebespaar unter diesem schrecklichen Firmament entlang schlendern, Hand in Hand, mit gesenkten Köpfen.
Schließlich fanden wir ein Taxi. Dann kamen wir zu Hause an und Wally und Gandhi sagten, sie würden zum Abendessen bleiben. Wir tranken Tee und Brandy, wir rauchten, und Sweetie Pie durfte ganz lange in der Badewanne schwimmen. Zwölfhundert Chinesen wurden an diesem Tag in Schanghai getötet – versehentlich durch chinesische Fliegerbomben.
* * *
Dieser etwas gekürzte Bericht von Emily Hahn ist dem Band "Shanghai Magie" entnommen, der kürzlich in der edition ebersbach erschienen ist. Er versammelt elf ihrer China-Reportagen aus dem New Yorker - eine hinreißender als die andere. Kundig eingeführt von Dagmar Yu-Dembski, die die Geschichten auch übersetzt hat.
Dieser Band ist Teil einer ambitionierten Reihe mit Reportagen legendärer Journalistinnen. Neben Emily Hahn ist darin bisher M. F. K. Fisher vertreten, die den Kosmos des Kulinarischen erkundete und von John Updike als „Poetin des Appetits“ gerühmt wurde, sowie Annemarie Schwarzenbach mit ihren Orientreisen. Eine dieser „Reportagen aus der Fremde“ wird MAGDA dann Anfang nächsten Jahres vorstellen.
Mehr über die Fotos von Eugen Flegler und das Schanghai der dreißiger Jahre sehen und lesen Sie in MAGDAS ALBUM. Ende Oktober bringen wir dann noch eine Tonbildschau von Angelika Jakob aus dem Schanghai von heute.
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