Er war doch nur ein Tramp

Zu Besuch bei Woody Guthrie

Von Stefan Schomann

Foto: Frieder Blickle
Fotos: Frieder Blickle

Ein Baum mit eigenem Parkplatz, allein auf weiter Flur. Ein kümmerliches, mit Staub bepudertes Gewächs am Highway Nummer 60. Vor hundert Jahren war dieses Bäumchen das erste im ganzen Panhandle, dem Pfannenstiel, wie der rechteckige Vorsprung im Norden von Texas genannt wird, eine Nische von der Größe Bayerns. Beim heutigen Naturdenkmal handelt es sich um ein Double, da das Original irgendwann an Vereinsamung zugrundeging. Wer auch immer das Bäum­chen pflanzte, wässerte und großzog, tat es, damit hier überhaupt etwas war und nicht nichts. Um in der unbeschränkten Weite eine Spur menschlichen Wirkens zu hinterlassen.

 

 

Rundum ein Texas wie im Kino: Über dem heißen, staubtrockenen Land ballen sich himmelhohe Amboßwolken, Tornadorüssel schlenkern über die Felder wie Shivas Glied, das vom Himmel zur Erde niederfährt, und allabendlich wechseln furiose Sonnenuntergänge von zarter Schamröte bis Blutorange. Der Blick reicht so weit, daß man die Zukunft zu sehen glaubt. Doch auch dort ist nichts, nur neuer leerer Raum. Vergessen Sie Kopernikus – selbstverständlich ist die Erde eine Scheibe.

 

Hard Traveling

Während manche Ortsnamen die abenteuerliche Ignoranz ihrer Gründer dokumentieren – ob Aberdeen oder Rhineland, Thalia oder Seneca –, bezeugt die Mehrheit unerschütterlichen Pragmatismus. Sie bezeichnen das, was ist, und sei es noch so wenig. Dazu gehören Cactus, Canyon und Sudan, auch Elec­tric City am Fuß des Staudamms, und eben jene Kleinstadt eine Fahrstunde nordöstlich von Amarillo, in der ich Woody Guthrie suche: Pampa.

An der Straßenecke vor der Redaktion der Pampa News haben ein paar Witzbolde einen ausgestopften Indianer in einen Friseurstuhl gesetzt. Mit entsetzt geweiteten Glasaugen blickt er ins Ungefähre, als schaute er, was seiner Rasse angetan wurde. Dieser Teil Nordamerikas wurde zwar früh von Europäern erkundet – bereits 1541 streifte der spanische Kapitän Coronado auf der Suche nach Gold und Ruhm hier umher –, doch als einer der letzten großflächig in Besitz genommen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Dutzende brutaler Scharmützel mit den letzten Komantschen, Apachen und Kiowas.

Nachdem man den großen Bisonherden den Garaus gemacht hatte, war die Prärie frei für die Viehzucht. Erst die Erfindung des Stacheldrahts aber ermöglichte eine intensive Beweidung. Er veränderte das Gesicht des Westens nicht minder als die Ei­senbahn. Das Bahnwärterhäuschen an der Santa-Fé-Linie war 1888 Pampas erstes Gebäude, ein ausrangierter Güterwaggon sein Bahnhof.

 

Foto: Frieder Blickle

Zum Ackerbau reichten die Niederschläge nicht. Erst später trotzten die Farmer mit Hilfe aufwendiger Bewässerung, hochgezüchteter Sorten und stählerner Nerven dem öden Land Erträge ab. Doch führen sie, wie Lloyd Harvey erklärt, der mit fleckigen Jeans und ausgelatschten Stiefeln am Strand eines Weizenmeeres steht, bis heute „eine Existenz, die jederzeit kippen kann. Die Katastrophenversicherung gehört bei uns zur Grundausstattung.“ Im Winter arbeitet Harvey zusätzlich als Skilehrer drüben in New Mexico, auf dem Land der Mescalero-Apachen. „Feine Leute“, nickt er. Der Name Winnetou freilich sagt ihm nichts.


Foto: Frieder Blickle

Bound for Glory

In den zwanziger Jahren wurde unter der Steppe Öl entdeckt, dazu noch das bis dahin größte Erdgasfeld der Welt. Dem folgenden Boom verdanken Pampa und das benach­barte Borger ihre überdimensionierten Art-Déco-Bauten und Terracot­ta­pa­läste: Gericht, Bankgebäude, Stadthalle. Auf dem Höhe­punkt des Booms lebten über 50.000 Menschen in Pampa, mehr als doppelt so viele wie heute. Vieh- und Ölbarone, Cow­boys und Proleten trafen aufeinander, das Milieu aus Giganten, dem letzten Film mit James Dean. Der Rausch verebbte bald, doch bis heute gehören die gefügig nickenden Ölpumpen zum Landschaftsbild. Die chemische Industrie ist der wichtigste Arbeitgeber, hunderte von Destillations­kolonnen ragen wie Totem­pfähle entlang des Highways und der Bahn­geleise auf.

Von 1930 an legte sich erst die Wirtschaftskrise lähmend über das Land, dann verfinsterten apokalyptische Staubstürme den Himmel und erstickten alle Hoffnungen. Scharen entwurzelter Existenzen trieben durch Pampa. Einige blieben hängen, so auch Charley Guthrie, der Arbeit als Hausmeister einer Absteige fand. Für seinen 13jährigen Sohn Woody wurde Pampa zur Schule des Lebens. Hier lernte er jene rauhe Welt kennen, die er dann in tausend Songs und in seiner hinreißenden, zur Hälfte aus Wortwechseln bestehenden Auto­biographie Bound for Glory verewigte – eine Welt voll Verzweiflung, aber auch voll Gier nach Glück, voll Schmerz und Stolz und derber Lust.

Mit 21, nachdem seine erste Ehe in die Brüche gegangen war, verließ er Pampa und trieb im Strom der Migranten nach Kalifornien. Als Anti-Held reihte er sich ein unter die großen Vagabunden, deren Inkarnationen von Huckleberry Finn bis zu Jack Londons Hoboes reichen und von Chaplins Tramp bis zu den Herumtreibern der Beat Generation. Mit Hard Traveling hat Guthrie die Hymne aller fahrenden Gesellen geschrieben. Und das Kriegsgeheul der Santa-Fé-Züge klingt in seinen Mundharmonika-Einlagen (Railroad Blues) als Fernweh nach.

Vor ein paar Jahren erst hat die Stadt sich dazu durchgerungen, ihren berühmten Sohn zu ehren. Im Park – jawohl, Pampa besitzt einen Park, mehr als drei Bäume hintereinander also, aller Wohlstand wird hier in Wasser ausgedrückt – prangt sein populärster Titel auf einer fünfzig Meter langen Notenzeile: This land is your land, this land is my land. Amerikas alternative Nationalhymne, die einen Patriotismus von unten einklagte. Guthrie wurde zum Idol aller späteren Protestsänger: Bob Dylan und Pete Seeger, Joan Baez und noch Bruce Springsteen wären ohne ihn nicht vorstellbar. Anders als sie jedoch lebte er noch, wovon er sang. Weshalb Pampas Honoratioren sich auch lange gegen jede Ehrung sperrten: „Warum denn? Er war doch nur ein Tramp!“

Foto: Frieder Blickle

Noch finden sich einige Ecken, in denen der rauhe Charme der Pionierzeit hängenblieb. So den Derrick Club am Stadtrand, in dem die Herzlichkeit der Fäuste herrscht. Der Treffpunkt der Öl- und Bauarbeiter, die sich hier mit Bier und Jukebox, harten Sprüchen und scharfen Weibern amüsieren.

 

All alone on a Saturday Night

Den Hunger der Ölarbeiter zu stillen, kam Anfang der dreißiger Jahre auch Bill Gikas aus Griechenland. Er machte einen Imbiß auf, heiratete eine Serviererin, und schon galt ihm Pampa als „der beste Ort der Welt“. 1946 gesellten sich seine Neffen John und Ted dazu. Seither hat sich im Coney Island nichts mehr geändert. Nicht die Holzkojen mit den linoleumgedeckten Tischen, und nicht Bills ebenso geheime wie in aller Munde befindlichen Rezepte. Kein Gericht kostet mehr als zwei Dollar. Die Performance während der Rush hour ist ein Genuß: Die schrillen Kommandos der Kellnerinnen, die im Schaufenster brutzelnden Hamburger-Hostien und die subtile brüderliche Choreographie: wie sie einander ausweichen, zur Hand gehen, berühren, Ted in der roten, John in der weißen Schürze. Alles geht wirklich schnell, und dennoch legen sie die Käsescheiben sanft wie 100-Dollar-Noten auf die Bratlinge und bestreichen die Würstchen mit Senf wie mit einer heilkräftigen Salbe.  

Ted, der Kahle, Kurzhalsige mit der scharfen Nase, unverheiratet und über 80, ist der Pikantere von beiden. Er trägt seinen kultivierten Mißmut stets zur Schau. John, zwei Jahre älter, wirkt gutmütiger und empfindsamer. Als Woody Guthrie, einen Seesack über die Schulter geworfen und in der anderen Hand die Gitarre, 1946 noch einmal für ein paar Wochen nach Pampa kam, stieg er bei John Gikas ab. „Er spielte in den Bars für ein paar Drinks und stieg den Mädchen nach. Er war ein begnadeter Erzähler, der jeden zum Lachen brachte. Dann verschwand er wieder, so plötzlich, wie er gekommen war.“

Ein gutes Jahr später wurde eine seiner Balladen zur Nummer eins der Armee-Hitparade im besetzten Deutschland: All alone on a Saturday Night. Sie erzählt vom Coney Island.

 

Foto: Frieder Blickle

A voice was chanting

In Amarillo beschwören wir Woodys Geist dann noch einmal. Weit vor der Cadillac Ranch rangiert die Steak Ranch als größte Attraktion der Stadt. Neben Bison und Klapperschlange wird dort auch das berüchtigte 72 Unzen schwere Steak serviert, etwa zwei Kilo schieres Fleisch. Wer es verdrücken kann, bekommt’s umsonst. Fast jeden Abend ordert irgendein Gierschlund dieses piece de résistance, das er unter aller Augen auf einem Podest einzunehmen hat. Alle naslang kommt jemand an den Tisch, fragt, ermuntert oder fotografiert – kein Wunder, daß nur wenige es schaffen.

Drei schmierige Musikanten mit Texanerhut ziehen von Koje zu Koje und bringen Ständchen gegen Bares. Sie wanzen sich auch an unseren Tisch heran, und als sie hören, daß wir aus Deutschland kommen, drohen sie mit dem „Hoffbrow­house“. Da wünsche ich mir doch lieber einheimisches Liedgut: This land is your land von Woody Guthrie bitte.

Woody Who?

Amerika – Schmach und Schande über dich! Diese Pfeifen kennen nicht einmal mehr ihren Schutzpatron, den König aller Kneipenbarden, the Voice of America. So daß ausgerechnet ich ihnen das Stück vorsingen muß, worauf zumindest der Gitarrist weit hinten im Gedächtnis ein Echo vernimmt und zaghaft ein paar Akkorde greift. Prompt werden sie von einigen Kulturträgern im Saal aufgenommen, und so geben wir Woody schließlich mit Ach und Krach die Ehre. Die inbrünstigste Unterstützung kommt aus einer Sitzecke mit vier gut gelaunten Japanern.

 

When the sun came shining, and I was strolling

And the wheat fields waving and the dust clouds rolling

A voice was chanting, As the fog was lifting,

This land was made for you and me.

 

 


Up in the Air, der neue Film von Jason Reitman, bringt als ersten Soundtrack eine überraschende Version von Guthries Klassiker - Funk & Soul von Sharon Jones,



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