Erzählbilder

Karl Witti - ein magischer Realist aus Oberbayern

Von Claus-Peter Lieckfeld

Die Weiße Rose von Toledo am Bahnhof München-Pasing. Bleistift/Buntstift auf Papier, 1998.

Wenn er nicht gerade Riesenformate in Münchner Theatern füllen muss oder den Oberammergauer Passionsfestspielen eine Grundierung verpasst, gestaltet der Maler Karl Witti Eingangstüren: Solche, durch die man in Geschichten und Träume gelangt.

Karl Witti ist ein Geschichtenerzähler, sagt sein Nachbar im Oberbayerischen Eresing, der Kunstexperte Christian Burchard.

Wie recht er hat, merkt der Betracher schon nach wenigen Augen-Blicken. Wie bei guten Geschichten möchte man nicht, dass der Erzählfluss endet, so wie man Wittische Bilder nicht an vier Seiten beschnitten sehen möchte. Sie treiben über sich hinaus und stampfen dabei einen Rhythmus: Und wie weiter … und wie weiter … und wie weiter?

Der fliegende Pelikan, der eine Bahnhofs-Ödnis überfliegt, die zugleich Schiffsanleger ist (Die Ankunft der Weißen Rose von Toledo am Bahnhof München Pasing, 1998) wird womöglich gleich in Turbulenzen geraten, von der Art wie sie sich gern an Wetterscheiden austoben. Oder auch nicht: Denn die Rose von Toledo zieht gerde unter vollen Segeln auf Gegenkurs vom Schön- ins Unwetter. Aber falls ihr Kapitän gedenkt, am Bahnhof Pasing anzulegen – wie es den Anschein hat -, dann sollte er allerspätestens jetzt die Segel reffen lassen, sonst wird dieses Anlegemnöver das letzte sein für Schiff und Mannschaft. Doch vielleicht hat ja der Mensch, der einsam wie der Caspar David Friedrichsche Mönch auf dem Plafond des Bahnhofs-Piers steht, magische Herrschaft über Pelikan, Schiff und Wetter – steht er doch im Schnittpunkt der beherrschenden Linien: Wasser/Himmel-Scheidelinie und Bahnhofs/Pier-Kante.

Auf dem Weg nach Hause begegnet Amtmann Manfred H. der Gerechtigkeit Gottes. Bleistift/Buntstift auf Papier.

Es reizt mich, Witti zu fragen: Wie denn nun … und was soll …? Aber der geborene Miesbacher, Jahrgang 1947, würde mich lächelnd zurückverweisen in meine Geschichte: „Es ist dein Bild, du bist der Geschichtenleser.“ Wenn ich mich aber nicht so leicht geschlagen gäbe und mit allem Charme des naiven Kunstfreundes insistierte? Dann würde er sagen: „Ja Herrschaft,  kann man denn einen Autor oder Journalisten bitten, seinen Essay noch einmal mit Pinsel und Farbe zu wiederholen, nur damit es anders gesagt ist? Würdest du dich zwingen lassen, ein gutes Sprachbild noch einmal schlecht zu malen?“ 

Die altmeisterlich realistisch surrealen Szenen des Karl Witti hämmern, zirpen, gurren, keckern ihre Und-wie-weiter-Fragen. Geht es gut aus? Was zum Beispiel wird Amtmann Manfred H., dem die Gerechtigkeit Gottes am Fuße einer Münchner U-Bahn-Rolltreppe in Gestalt eines spätmittelalterlichen Söldnerhaufens begegnet, mit Gottes Gerechtigkeit anfangen? Wird sie ihn gleich aufspießen? Und wenn ja, warum? Verkörpert der Söldnertrupp den Angriff der Geschichte auf die Gegenwart? Steckt in der Aktentasche von Amtmann H. womöglich genau so viel Tötungspotential wie in dem Haufen längst verwester Landsknechte?

Copyright: Karl Witti
Wiederkehr der großen Wälder. Bleistift auf Papier.

Oder die Wiederkehr der großen Wälder, die Witti  in immer neuen Anläufen beschworen hat; tropische Fülle, die in Vorstädte oder City-Zentren brandet und die Unwirtlichkeit der Städte lindert, wenn nicht gar tilgt. Wird es so kommen, einerlei was wir tun? Oder kommt es so, wenn wir wie bisher nichts tun?

Witti, der lustvoll solche Fragerätsel aufgibt, muss sich in der Berufsbranche, die ihn ernährt, anderen Fragen stellen. Zum Besipiel: Wie setzt man auf sechzehn mal acht Metern Theaterleinwand die Wolken so, dass sie bei entsprechendem Scheinwerferlicht wirklich zu ziehen scheinen?

Den vergangenen Sommer verbrachte der Mann mit dem feinen Pinselstrich, gemeinsam mit Bühnebildner Stefan Hageneier im produktiven Disput und mit Versuchen. Es galt und gilt, Kulisse für die Oberammergauer Passionsspiele 2010 zu schaffen. Neben solcherart Hintergründigem obliegt ihm auch Filigrangestaltung: Löwen, Lämmer und Schlangen, Dorn- und Apfelbäume, Ölzweige und was sonst noch alles die Leidensgeschichte staffiert: Alle müssen sie witti-proofed sein. Produziert wird in Unterschwinbach bei Fürstenfeldbruck in einer umgebauten Scheune, wobei die großen Formate es immer wieder erfordern, dass die Gestalter ihr Werk mit Füßen treten.

Nach solchen Acryl-Schlachten und Casein-Fluten sehnt sich der Zweiundsechzigjährige zurück in sein Eresinger Atelier, in dem Borke neben Skizzen lautenschlagender Minnesänger liegt, eine Spieluhr neben Tierknochen, getrocknetes Moos neben ausgeschlagenen Zahnrädern. Und das Nichtsagbare neben dem Malbaren.

Neuperlach für Josef Abuaishea

 

Mehr Witti-Bilder unter: www.karl-witti.de



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