Es geschieht am hellichten Tag

"Above Zero" - der verstörende neue Bildband von Olaf Otto Becker

Von Martin Rasper

Foto: Olaf Otto Becker
River 1, 07/2007, Position 7 - 69°41'47'' N, 49°49'34'' W - (alle Fotos: Olaf Otto Becker)

„Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, so nannte Christoph Ransmayr seinen Roman über die große k.u.k.-Polarexpedition im 19. Jahrhundert. Genau das ist die Vorstellung, die wir von Arktis und Antarktis haben: brutale Kälte, ewiges Eis; die monatelange, nervenzermürbende Dunkelheit der Polarnacht.

Was dagegen der Fotograf Olaf Otto Becker in seinem neuen Buch "Above Zero" auf geradezu verstörende Weise ins Bild setzt, das sind die Schrecken des Eises in der Helligkeit. Grönland löst sich auf, und es geschieht am hellichten Tag.

 

Copyright: Olaf Otto Becker
River 1, 07/2007, Position 4 - 69°42'44'' N, 49°47'04'' W

Man muss hier alles vergessen, was man so an Bildern von Gletschern im Kopf hat: die zerfurchten, schmutzigweißen Eisströme in ihrem felsigen Bett; die schrundigen, zerbröselnden Fronten mit ihrem Gletscherbach; vor allem aber, ganz allgemein, das Gefühl einer überschauberen, präzise umgrenzten Landschaftseinheit.

Die Gletscher des grönländischen Inlandeises dagegen, auf denen Becker sich bewegt, bilden eine ganz eigene Landschaft. Sechsmal so groß wie Deutschland! Da geht’s anders zu als auf unseren popeligen Alpengletschern. Da entstehen Bäche und münden in Seen, die keinen Namen haben und die im nächsten Jahr wieder verschwunden sind. Da fließen Flüsse von irgendwo nach nirgendwo, richtige Flüsse mit Kurven und Stromschnellen und Steilufern, und dann verschwinden sie plötzlich in einem riesigen Loch, um unsichtbar irgendwo an der Gletscherbasis weiterzufließen ins Meer – und dazu beizutragen, dass die Gletscher insgesamt sich immer schneller bewegen.

 

Copyright: Olaf Otto Becker
River 1, 07/2007, Position 1 - 69°42'54'' N, 49°46'39'' W

All das zeigt Becker in elegischer Schönheit. Trotzdem ist seine Kunst auf der Grenze zur Wissenschaft angesiedelt; einer Grenze, die es offiziell gar nicht gibt, weil Kunst und Wissenschaft als inkompatible, wenn nicht gar gegensätzliche Systeme gelten. Aber beide haben mit Wahrnehmung zu tun. Beide bilden auf je eigene Weise die Welt ab, und diese Abbilder beeinflussen wiederum unsere Wahrnehmung. Und dadurch, dass Becker seinen Bildern präzise, mit GPS gewonnene Ortsangaben beifügt, betont er den dokumentarischen Charakter seiner Bilder. Denn Fotos wirken anders – und stärker – als all die Zahlenkolonnen der Wissenschaft, die Prognosen über CO2-Zunahme, Temperaturschwankung und Meeresspiegelanstieg. Diese Bilder haben eine visionäre Kraft. Sie machen vorstellbar, was noch geschehen wird.

(Foto: Olaf Otto Becker)
River 1, 07/2007, Position 12 - 69°40'58'' N, 49°52'28'' W

So gesehen, sind in den Aufnahmen von den grönländischen Gletscherflüssen all die anderen Bilder schon angelegt, an die wir uns in den nächsten Jahrzehnten gewöhnen werden – die Bilder von den überfluteten Städten und Landschaften, aus Bangladesch und von den Malediven, aus Schanghai und Hamburg.

 

(Foto: Olaf Otto Becker)
River 1, 07/2007, Position 8 - 69°41'19'' N, 49°51'03'' W

Zwar hat der Mensch immer schon die Landschaft umgestaltet, je nach seinen Möglichkeiten. Aber hier geschieht es zum ersten Mal – jedenfalls in dieser Größenordnung –, dass eine Landschaft massiv verändert wird, ohne dass jemand direkt eingreift. Keine Autos fahren auf Passstraßen zwischen den grönländischen Gletschern hindurch, keine Hotel- oder Industrieanlagen emittieren Tausende von Tonnen Kohlendioxid, keine Pistenraupen schieben täglich den Schnee von einer Seite auf die andere. Was diese Landschaft verändert, passiert anderswo, weit weg. Aber deshalb nicht mit weniger dramatischen Konsequenzen.

 

(Foto: Olaf Otto Becker)
Point 660, 2, 08/2008 - 67°09'04'' N, 50°01'58'' W

Ein Bild aber gibt es, das steht in krassem Gegensatz zu der archaischen Größe und minimalistischen Ästhetik des fließenden Wasser und der gleißenden weißen Flächen: Es zeigt Touristen, die auf der einzigen nennenswerten Straße Grönlands von dem Ort Kangerlussuaq aus 30 Kilometer weit ins Inland gefahren sind und dort in der Landschaft herumstehen wie eine dadaistische Inszenierung.

Die Straße wurde einst von VW gebaut, das dort auf dem Eis Testfahrten durchführte. Jetzt ist dieser Ort unter dem Namen „Point 660“ eine Touristenattrakrion – nirgendwo sonst kann man so bequem auf das Inlandeis.

Hilflos stehen die Menschen vor dieser gewaltigen Veränderung. Und ziemlich bescheuert sehen sie auch aus.

 

 



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