Frmpfzlen, klonken und oinken

Voll auf die Ohren: der Lautpoet Valeri Scherstjanoi live in München

Von Martin Rasper

Zeichen werden Laut: Valeri Scherstjanoi (Foto: Wikipedia)

Scherstjanoi spricht, schreit, ächzt, gurrt, schnalzt, brüllt, röchelt, stottert, jauchzt, buht, schnarrt, flötet, summt. Valeri Scherstjanoi, 60 Jahre alt, graumeliertes Haar, gepflegte Erscheinung, ist ein liebenswürdiger Herr, mit dem man normalerweise sofort losziehen würde, um Konfekt einzukaufen oder den Justizpalast mit ein paar futuristisch-anarchistischen Parolen zu verzieren. Nur jetzt im diesem Augenblick gerade nicht, denn da ist er in seinem Element. Scherstjanoi stöhnt, ruft, gurgelt, klickt, hechelt, säuselt, zischelt, schnarcht, dröhnt.

Scherstjanoi ist ein im sowjetischen Kasachstan geborener nordostpreußischer Russe litauisch-ukrainischer Abstammung, und zuhause ist er in der deutschen Sprache. Beziehungsweise in einer Sprache, die dem Zuhörer anfangs sehr fremd vorkommt, ihn aber zusehends in ihren Bann zieht. Scherstjanoi nennt sie „lautdeutsch“.

 

Seine Hand malt Zeichen...

Scherstjanoi knarzt, bollert, grunzt, muht, orgelt, pfeift, schnurrt, blökt, plockert, murrt. Seine Gedichte haben Titel wie „Die russischen Vokale schauen sich im Spiegel an“ – und klingen genau so; oder sie bestehen aus einer unglaublichen Litanei untergegangener ostpreußischer Dorfnamen; oder sie feiern die Süßigkeit seiner Kindheit, das Fruchtgelee Rachat Lukum, mit immer neuen Wiederholungen und Variationen des Wortes, die sich permanent steigern, bis sie sich zu einem geradezu sinfonisch vielschichtigen Lautgebirge aufgetürmt haben und entweder Scherstjanois Stimmbänder oder das Mikro zu zerreißen drohen. Bei ihm wird alles Laut (wenn auch nicht unbedingt laut); selbst wenn er nur die Wasserflasche öffnet und daraus trinkt, weiß man nicht, ist das jetzt ein Gedicht oder ist es keins.

 

... und Scherstjanoi spricht sie aus. Live. (Foto: Martin Rasper)

Scherstjanoi rast, rödelt, rackert, rummst, rumort, ramentert und tut noch mehr Dinge, für die es aber keine Wörter gibt beziehungsweise für die sich die Wörter erst in dem Augenblick ergeben, wo man die Laute in den Gehörgängen hin- und hersausen lässt – er fluschzt, oooht, chcktickt, mmmhmt, schloddert, dengelt, braazt, määäht, oinkt, skrschlt, neeht, tschickt, splorscht, sietzelt, ommmt, fltschtlt, brnnnstelt, aarrght, klonkt und frmpfzlt, bis die Töne nicht mehr wissen, ob sie laut sein sollen oder luise.

Übrigens notiert er die Laute auch als Zeichen; das heißt, er kann sie nach einem unergründlichen System wiederholbar lesen und aussprechen. Insofern ist seine Kunst am ehesten eine Art Musik mit einer von ihm entwickelten Notenschrift. Sehen, lesen und vor allem hören kann man Valeri Scherstjanoi auf seiner wunderbaren Webseite: lautland.de.

 


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