Gespräch mit Wulfi

Ein Hardcore-Atheist mit Sendungsbewusstsein

Von Claus-Peter Lieckfeld

Ich verorte mich selbst „irgendwo im Niemandsland des Agnostizimus“, habe aber einen atheistischen Freund, der mir gelegentlich zusetzt. Ein Gespräch, aus der Erinnerung aufgeschrieben:

Freund Wulfi sträubt die Augenbrauen zur Stacheldrahtbarriere: „Agnostiker … pahhh! … da sind mir die Gläubigen schon lieber …“, sagt Freund Wulfi, ein Hard-Core-Atheist, der seinen Atheismus mit mehr Sendungsbewusstsein und Eifer vertritt als die allermeisten Christen und Muslime ihren Glauben.

Ich atme tief durch wie einer, der weiß, dass ihm ein 10.000-Meterlauf bevorsteht: „… was meinst du mit: sind mir lieber“?

„Wenn mir jemand sagt, ich bin überzeugt, dass ein Gott existiert oder viele Götter, dass ein Leben nach dem persönlichen Tod möglich ist, dass wir von außerweltlichen Mächten gelenkt werden, dass vor zweitausend Jahren eine Jungferngeburt stattfand und so weiter und so fort …, dann kann ich dagegen argumentieren. Wenn aber einer sagt: Man weiß es nicht, dann ist das Flucht in die neutrale Ecke …“

Eigentlich will ich Wulfi keine Gelegenheit bieten, sich wieder mal exakt da heiß zu reden, wo ich Überhitzung besonders wenig mag. Aber ich stehe bereits auf der schiefen Ebene. Und schon fast im Rutschen sage ich: „Na und! Was soll´s? Es gibt viele Dinge, die man nicht weiß und vielleicht nie wissen wird. Ist es da nicht redlich zu sagen: Ich weiß nicht!“

Wulfi grinst. Er hat das Gefühl, dass sein Haken sitzt. „Ja, dabei könnte man es belassen. Wenn nicht Religion und ihre sachwaltenden Organisationen die Welt mit Terror, Verbrechen und Verderben überzogen hätten und noch überziehen. Muss ich dir das wirklich noch mal alles aufzählen? Kreuzzüge! Ketzer- und Hexenverfolgung! Heilige Kriege! Bannflüche gegen jedweden Fortschritt und Aufklärung – über die Jahrhunderte. Eine die Menschen verkrüppelnde Sexualmoral! Heiliger Terror des Islam! Ganz zu schweigen von den vielen verkorksten Gemütern, die in psychoterroristischer Furcht vor dem Fegefeuer kümmern.“

„Stopp, stopp, stopp! Du vermengst wieder die Frage nach der Existenz Gottes mit dem, was Menschen unter Berufung auf Gott getan haben … verbrochen haben.“

Wulfi wird wild. „Ah ja, das kennen wir doch! Die alte Leier! Gott ist Güte, und es fällt keine Daunenfeder zu Boden, ohne, dass er es will. Aber wenn ganze Völker ausradiert werden, und wenn 'seine Schöpfung' geschreddert wird, dann hat das alles nichts mit ihm zu tun. Wenn die Priester im Tross von Pizzaro den gefolterten Indios das Kreuz vor die brechenden Augen hielten, dann war das … also, mir wäre es Recht, wenn du den Satz zuende bringst!“

„ … dann war das unterlassene Hilfeleistung und Beihilfe zum Mord. Und du meinst: Es sei ein Anti-Gottesbeweis?“

„Ein Indiz und ein Punkt der Anklage in einer unvorstellbar langen Kette. Entweder Gott ist, wie die Kirchen sagen, der liebe Gott, allmächtig und gütig. Dann verhindert er Terror und Mord in seinem Namen. Oder es ist ihm einerlei, ob gemordet wird. Dann ist er vermutlich nicht allmächtig und mit Sicherheit nicht gütig. Oder, dritte Möglichkeit – und das ist die einzig vernünftige Erklärung:  Er rührt sich nicht, weil sich nicht rühren kann, was es nicht gibt.“

„Und aus diesen vielen Entweder-Oder folgt für Dich: Die Verkündigung der Nichtexistenz Gottes.“

„Unter andererm: ja! …. Sagtest du gerade 'Verkündigung'? Ich verkündige nicht, mein Lieber, in stelle fest!“

„Hmm, ich würde gern etwas anderes fest-stellen.“

„Nämlich?“

„Religionsfreiheit. Und die uneingschränkte Freiheit a-religiös zu leben. Strikte Trennung von Staat und Kirche. Alle Religionsausübung muss im Einklang mit der Charta der Menschenrechte stehen. Jeder Kirche, jeder Glaubensgemeinschaft, jeder Religion ist der Suprematsanspruch verboten. Fertig und Amen!“

„Das wird nicht gehen. Den Religionen wohnt der Alleinvertretungsanspruch und das Rechthaben inne.“

„Alle dürfen rechthaben, solange sie nicht verlangen oder gar durchzusetzen versuchen, dass ihre Auffassungen alleinseligmachend und allgemein verbindlich sind.“

„Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast: Du sprichst gerade von Kirche und organisierter Religion, nicht von der Frage, ob es Gott gibt oder nicht.“

„Stimmt. Aber unabhängig davon, ob es Gott gibt oder nicht – ich halte das nach wie vor für nicht feststellbar – wünsche ich mir eine Welt, in der niemand Dinge durchsetzen kann, die der Charta der Menschenrechte widersprechen.“

„Immer schön allgemein bleiben …“

„Zum Beispiel: Die AIDS-Positionen des Vatikan grenzen an fahrlässige Tötung. Klarer Verstoß gegen die Charta der Menschenrechte. Wo Religionen - oder genauer: deren Sachwalter – Respektierung der Menschenrechte nicht gewährleisten können und sogar offen zuwider handeln, gehören sie bekämpft.“

Wulfi nickt, grinst und sagt: „Te absolvo, amice!“
 

Ebenfalls aus dieser Reihe:



Was halten Sie vom Christentum? Rund ein halbes Jahrhundert ist es her, dass eine Anthologie erschien, die einen Schrei der Empörung auslöste. Ihre Titelfrage „ Was halten Sie vom Christentum?“, von Karlheinz Deschner gestellt, veranlasste unter anderen Heinrich Böll, Max Brod, Arnold Zweig und Arno Schmidt zu Antworten, die mit christlichen Werten und kirchlichem Wirken provokativ abrechneten. Alle Jahre wieder bietet die Adventszeit Anlass, diese Frage zu wiederholen. In einer mehrteiligen Serie nimmt sich auch MAGDA in diesen Wochen der Frage an.



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