Die große Enttäuschung Benedikt

Warum ich den Papst anklage

Von Uta Ranke-Heinemann

Copyright: Juanky Pamies Alcubilla
Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt: Zunächst gehofft, dass nach der Reformation Luthers jetzt seine Reformation erfolgen würde (Copyright: Juanky Pamies Alcubilla)

Die Sexual- und Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche blickt auf eine 2000-jährige Tradition zurück. Doch mit Papst Benedikt hat sie ihren Höhepunkt erreicht. Ganz gleich ob es um Aids, Verhütung, den Zölibat oder die Jungfrauengeburt geht – die Haltung der Ratzinger-Kirche ist unerträglich und macht jede Hoffnung zunichte.

Seit unserer gemeinsamen Studienzeit 1953/54 in München bis 2005 sah ich Joseph Ratzinger als einen bescheidenen, intelligenten Theologen. Damals musste man die Hauptthesen der Doktorarbeit ins Lateinische übersetzen. Und ich suchte einen Kommilitonen, der ebenfalls die Thesen seiner Dissertation übersetzen musste, damit wir das gemeinsam machen könnten. Da ich mich mit 17 Jahren auf der Schulbank des Essener Burggymnasiums mit meinem Klassenkameraden Edmund Ranke verlobt hatte, war Joseph Ratzinger genau der Richtige für mich: Er hatte schon immer die Aura eines Kardinals, hochintelligent bei Abwesenheit jeglicher Erotik. Er war das, was ich suchte: das reine Latein. Und ich sehe uns noch, wie wir beide einsam in einem der großen Hörsäle nebeneinander sitzen und die Thesen unserer Doktorarbeiten ins Lateinische übersetzen. Ich empfand seitdem eine große Achtung und Sympathie für ihn. Er war auch der einzige, der mir noch nach meiner Exkommunikation als Ketzerin 1987 freundliche (wie ich dachte) Briefe schrieb, während alle anderen Bischöfe und Kardinäle, die vorher so freundlich zu mir waren, nie mehr mir auch nur antworteten.

Erst 2005, als er Papst geworden war, gingen mir die Augen auf, dass er als Kardinal Ratzinger – seit 1981 war er Chef der Glaubenskongregation, früher „Inquisition“ genannt – unter Johannes Paul II. die Kirche regierte, ja, dass auch Johannes Paul II. unter seiner Regie stand. Ratzinger war es, der weltweit alle fortschrittlichen Theologen von ihren Lehrstühlen fegte, er war es, der sich auf allen Bischofssitzen geklont hat, er war es, mit dem die 2000-jährige Sexual- und Frauenfeindlichkeit ihren Höhepunkt erreichte. Er war es, der im Weltkatechismus 1992 lehrt, so zumindest verstehe ich ihn, es sei besser, die eigenen Töchter zur Vergewaltigung preiszugeben als homosexuelle Akte zuzulassen. Er war es auch, der das Kirchenrecht von 1983 abgesegnet hat, auf dem meine Exkommunikation wegen „beharrlichen Zweifels an einer Glaubenswahrheit“ gründet.

In meiner Auffassung, dass die Jungfrauengeburt nicht biologisch, sondern theologisch zu verstehen sei, hatte ich mich durch die Aussagen von Ratzinger bestätigt gesehen. Die Worte „kein biologisches Faktum“ hatte ich bei ihm gefunden und fand sie gut, also berief ich mich am 13.Juni 1987 in der Fernsehsendung des WDR auf ihn. Der Dominikanerpater Willehad Paul Eckert OP entgegnete mir: „Was Ratzinger sagt, ist falsch. Sie dürfen sich nicht auf ihn berufen.“ Am Montag 15. Juni 1987 vernahm ich aus dem Fernsehen, dass ich meinen Lehrstuhl verloren hatte. Ratzinger zitieren hatte mich also meinen Lehrstuhl gekostet.

Meine Sympathie für Ratzinger war seit 2005, seit seinem Pontifikat, in wachsende Enttäuschung umgeschlagen. Als er Papst wurde, hatte ich mich zunächst gefreut und gehofft, dass nach der Reformation Luthers jetzt die Reformation Benedikts erfolgen würde – bezüglich des Zölibats. Da der Zölibat nicht einmal ein Dogma ist, sondern laut Päpsten jederzeit abgeschafft werden könne, setzte ich meine Hoffnung auf ihn, dass er die Sexual- und Frauenfeindlichkeit seines Vorgängers beenden würde. Das Gegenteil trat ein.

Die Vertreibung der Frauen - außer Maria

Meine Hoffnungen wurden enttäuscht. Der Vatikan ist ein monosexuelles Junggesellenbiotop, in das nur die Jungfrau Maria noch Zutritt hat. Denn „Maria ist", wie Kardinal Tarcisio Bertone bei seiner ersten Rede als neuer Staatssekretär am 13. September 2006 im Vatikansender Telepace sagte, „fruchtbar und DOCH rein“.

Eine der Gefahren, die von einer solchen monosexuellen Kirche ausgeht, der in 2000 Jahren zwar die Vertreibung der Frauen, aber noch nicht die Entsexualisierung geglückt ist, ist die Pädophilie. Die Verbrechen, die von zwangsentsexualisierten Priestern an Kindern und Jugendlichen geschahen und noch geschehen, dies unaussprechliche Leid der wehrlosen Betroffenen schreien zum Himmel. Und Kardinal Ratzingers verhängnisvollste Tat war, dass er 2001 einen von zwei Pädophilie-Erlassen verfasste. (Der erste stammt von Kardinal Ottaviani 1962) Beide internen Schreiben betonen „die gerichtliche Alleinzuständigkeit der Glaubenskongregation als eines apostolischen Gerichtshofes“ in Pädophiliefällen von Klerikern. Gleichzeitig werden alle Bischöfe unter Strafe der Exkommunikation aufgefordert, alle Missbrauchsfälle  ausschließlich (!) an den Vatikan zu melden, was eine totale Behinderung der staatlichen Gerichte zur Folge hat und zu einer ständigen Versetzung der pädophilen Priester führt, die nach einer „Therapie“ ihr Unwesen jahrzehntelang weitertreiben. Über die Opfer verlieren diese Erlasse kein einziges helfendes Wort. Diese beiden lateinischen Erlasse sind nicht für die Schafe, sondern nur für die Hirten bestimmt und liegen im Tresor jedes Bischofs.

Dieser Essay ist eine stark gekürzte Fassung des Kapitels „Meine große Enttäuschung“, um die der Bestseller „Eunuchen für das Himmelreich“ von Uta Ranke-Heinemann in seiner erweiterten und aktualisierten Neuausgabe von 2012 ergänzt wurde. Zu beziehen ist das Buch beim kleinen Buchladen um die Ecke, den es natürlich stets zu unterstützen gilt, aber auch beim Großhändler Ihrer Wahl.

 
Paul Zacchias, Leibarzt des Papstes Innozenz X., vertrat 1661 die Auffassung, die vernunftbegabte Seele werde im Augenblick der Empfängnis eingegossen. Wäre es anders, würde das Fest "Mariä Empfängnis" eine vernunft- und seelenlose Zelle feiern. Das sei jedoch der allerseligsten Jungfrau "unangemessen". Diesen Gedanken griff 1854 Pius IX. auf, als er die "unbefleckte Empfängnis Mariens" zum Dogma erhob. Bei diesem Dogma geht es um den Tag, als Maria von ihrer Mutter Anna empfangen wurde. Und nicht darum, dass Maria Jesus vom Heiligen Geist empfangen hat, wie 99 Prozent der Deutschen glauben. „Unbefleckt“ heißt hier: „Unbefleckt von Erbsünde“. Pius IX. änderte wegen der Jungfrau Maria 1869 das Kirchenrecht. Bis dahin nämlich unterschied das Kirchenrecht in Anlehnung an Aristoteles zwischen dem beseelten und unbeseelten Fötus. Erst die Abtreibung eines beseelten Fötus war von Exkommunikation bedroht. Weil einem päpstlichen Leibarzt vor 350 Jahren ein vernunftloses Stadium Marias im Mutterleib ihrer Mutter Anna unvorstellbar erschien, haben wir heute die Präimplantationsdiagnostik, und ein sekundenalter Embryo gilt als Person, als Individuum (= Unteilbares), obgleich danach noch  Zwillingsteilung etc. stattfinden kann. So wird unsere politische Diskussion um die Gentechnik durch pseudoreligiöse Ideologien der Päpste behindert, denen es im Grunde um das Verhütungsverbot, d.h. um Sexualfeindlichkeit, geht, denn „Verhütung ist genau so zu verdammen wie Abtreibung“.

Ratzingers unmenschliches Querschnittgelähmten-Gesetz

Der italienische Bischof Lorenzo Chiarinelli hat im Juni 2008 einem Brautpaar die kirchliche Trauung verweigert, weil der Bräutigam nach einem Autounfall querschnittgelähmt und deshalb impotent sei. Es geht dabei seit Ratzinger nicht mehr um "Zeugungsimpotenz", sondern um "Beischlafsimpotenz", d.h. der Same ist ja da, aber er kann nicht papstgerecht transportiert werden, da keine Erektion möglich ist. Und so wurde dieser unmenschliche Canon 1084 von Ratzinger in das neue Kirchenrecht 1983 eingefügt.

Der Gelähmte und seine Partnerin werden mit Canon 1084 lebenslänglich auf das Stadium eines Kindes zurückbeordert, da jegliche Intimität nur in der Ehe erlaubt ist, andernfalls Todsünde bedeutet. Es ist unerträglich, dass Papst Benedikt bestimmt, ab welchem Grad der Lähmung eine Frau einen Mann nicht mehr lieben darf, ab welchem Grad der Verletzung ein Mann sein Leben einsam zu Ende zu leben gezwungen wird.

Kern der christlichen Botschaft

Mit Benedikts Vatikan, einem frauenlosen Terrarium, ist ein uralter religiöser Menschheitsirrtum zu seinem krönenden Abschluß  gelangt, denn seit Heidengedenken sind Menschenopfer (im Christentum Kreuzesopfer) und Sexualopfer, z.B.Kastration (im Christentum Zölibat), die bevorzugten Weisen gewesen, die Gottheit gnädig zu stimmen. In dem Apostolischen Schreiben „Die Würde der Frau“ 1988, Kapitel 20 bezeichnen Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger als Kern der Botschaft Jesu und als das Neue, das das Christentum gebracht hat „die Jungfräulichkeit“. Der christliche Glaube ist mit Papst Benedikt vollends zum Zölibats-Credo ausgetrocknet. Das Paradies, das Jenseits des Grabes, wird, wie ich abends im Vatikansender Telepace sehe, mit immer neuen heiliggesprochenen Nonnen, Mönchen und Priestern bevölkert, ist praktisch ein Kloster geworden mit Jesus als Abt, so dass man schon gar nicht mehr dort hinkommen möchte, weil man sich nicht verstanden fühlt.

Kondome nur für männliche Prostituierte, Ehefrauen im Höllenfeuer, vom Teufel besessene Kinder

Laut Weltkatechismus von Johannes Paul II. 1992, Nr. 1237 (von Ratzinger verfasst) sind alle Kinder (außer Maria) im Mutterleib vom Teufel besessen und werden erst durch die Exorzismen der Taufe vom Teufelskind zum Gotteskind. Papst Benedikt setzt wieder weltweit Exorzisten ein, um den Teufelsaberglauben zu stärken, nachdem er unter Johannes Paul II. gerade im Schwinden begriffen war. Aber Jesus war ein Antihöllenprediger. Die Höllenworte wurden ihm in den Mund geschoben.

Am 7. August 2004 sah ich auf BBC World eine junge Afrikanerin verzweifelt weinen. Sie hatte gerade erfahren, dass sie sich bei ihrem aidskranken Mann infiziert hatte. „Ich habe solche Angst vor dem ewigen Höllenfeuer, vor dem unser Pfarrer uns gewarnt hat, wenn ein Kondom benutzt wird.“ Der Reporter fragte den Pfarrer, ob er die Ehefrauen vor dem ewigen Höllenfeuer bei Kondomgebrauch gewarnt habe. Und der sagte: „Ja, auch bei Ansteckung und Todesgefahr sind Kondome nicht erlaubt. Ehefrauen, die sich bei ihrem aidskranken Ehemann angesteckt haben, das sind die Märtyrerinnen für den Glauben unseres Jahrtausends.“ Kondome sind nämlich nur „für männliche Prostituierte“ erlaubt, wie Papst Benedikt 2010 in dem Buch „Licht der Welt“ verkündet. Das setzt dem ganzen die Krone auf. Wieso denkt er an „männliche Prostituierte“, aber liefert Ehefrauen dem ewigen Höllenfeuer aus, wenn sie ein Kondom benutzen, um sich vor Ansteckung mit Aids zu schützen?

Beim Kondomverbot in der Ehe geht es ihm um die Sicherstellung der Fortpflanzung (d.h. Priesternachwuchs). Bluterkranke, die durch Bluttransfusion mit HIV infiziert wurden, dürfen lebenslänglich nicht mit ihrer Frau verkehren, auch nicht nach deren Klimakterium, weil Kondome eine von Gott verbotene Art der Verhütung sind. Und wenn der bluterkranke Ehemann das nicht fertigbringt, dann sei es besser, dass er seine Frau ansteckt, als dass er ein Kondom benutzt. Denn Verhütung ist Mord, erklärte schon 1990 Carlo Caffarra, der 2006 von Papst Benedikt zum Kardinal ernannt wurde.

Wenn Verhütung Mord ist, dann ist – diese Gedanken zu Ende gedacht – auch Zölibat Mord, denn auch die Zölibatäre bringen ihren Samen nicht auf den rechten Weg. Zölibat ist demnach eine vorverlegte Abtreibung.

Papst Benedikt nimmt jede Gelegenheit wahr, um die Ehe, wenn nicht zu verunmöglichen, dann wenigstens von A bis Z zu asketisieren, zu eunuchisieren, zu vermönchen und zu zölibatisieren. Warum entfernt er sich nicht endlich aus den ehelichen Schlafzimmern, die inzwischen der  Hauptaufenthaltsort für seine Verkehrskontrollen geworden sind? Er hat mit seiner Kondomtheologie Jesu Frohbotschaft zu einer Bordellbotschaft für männliche Prostituierte pervertiert. Der nichtprostituierten Restbevölkerung predigt er das ewige Höllenfeuer. Ich klage Papst Benedikt an wegen tödlicher Irreführung der Menschheit.

2009 sah ich in dem größten katholischen Sender EWTN monatelang einen „medizinisch-wissenschaftlichen“ Kursus, dass es wissenschaftlich erwiesen sei, dass Kondome Löcher haben. Jetzt frage ich mich: Empfiehlt der Papst den männlichen Prostituierten die Kondome nun trotz der Löcher? Oder wegen der Löcher? Oder seit wann haben Kondome keine Löcher mehr?

Auf die Frage „Was ist Leben?“ sprach der Nobelpreisträger und Entdecker der DNS-Doppelhelix, James Watson, in einem Interview von dem „Prinzip der Paarbildung in der Evolution“ und von der „Einfachheit und Schönheit“ dieses Prinzips. Diese Symphonie ewiger Liebe und ewiger Lust, diese Hochzeitsmelodie, die das Universum durchklingt, wurde nach 2000 Jahren Sexual- und Frauenfeindschaft von Benedikt total zerstört.

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