Häuser mit Gedächtnis

Wer in Beirut eine Immobilie kaufen will, stößt schnell auf die Topographie der Vergangenheit

Von Susanne Fischer

Copyright: Susanne Fischer
In der Architektur Beiruts ist der Bürgerkrieg noch gegenwärtig.

Ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen ist in keiner Stadt der Erde leicht. Größe, Preis, Garten oder Balkon, Alt- oder Neubau, Stadtzentrum oder Speckgürtel, die Auswahl ist unendlich, und die Möglichkeiten zum Fehlkauf sind es auch. Daran erinnert bedrohlich die Rubrik mit den Zwangsversteigerungen.

Lage! Lage! Lage! rufen die Experten. Das gilt natürlich auch in Beirut. Wenn auch in leicht abgewandelter Form.

„Zu blöd, dahinten liegt gleich die Verteilerzentrale für Elektritzität“, seufzte mein Mann, als wir unlängst eine Wohnung am Stadtrand von Beirut besichtigen wollten. Der Makler hatte die Lage ungefähr beschrieben, aber nicht so detailliert, dass wir diesen Nachteil hätten erahnen können. Das heißt, ich wußte ja nicht einmal, warum die Nähe zur Verteilerzentrale gegen die Wohnung sprach. Wegen der Hochspannungsmasten? „Ganz einfach: Im Julikrieg 2006 haben die Israelis diese Verteilerzentrale bombardiert, und sie würden es im Fall eines neuen Kriegs sicher wieder tun.“

Für alte Villen bleibt in Boomzeiten wenig Platz. (Foto: Fischer)

Die Folgen zu großer Nähe zu strategischen Zielen oder solchen, die vom Militär so definiert werden, konnte ich im Elternhaus meines Mannes in Damour besichtigen. Die Risse im Dach sind eine Nebenwirkung der Bomben, die israelische Flugzeuge ebenfalls 2006 auf eine nahegelegene Autobahnbrücke abwarfen. Kollateralschaden heißt das wohl im Militärjargon.

Wer kauft überhaupt in Beirut? könnte man jetzt fragen, in einer Stadt, in der die Linie zwischen Krieg und Frieden immer wieder Unschärfen zeigt. Die Antwort lautet: viele. Der Immobilienmarkt boomt. Seit der letzten heftigen aber kurzen Krise im Mai 2009 ist es ruhig in Beirut, und die Hoffnung auf einen stabilen Frieden hat in manchen Vierteln die Preise verdoppelt. In der Innenstadt liegen die Preise zwischen 5000 und 12000 Dollar pro Quadratmeter, und das bei Wohnungsgrößen von mindestens 300 Quadratmetern.

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Nach oben keine Grenzen (Foto: Fischer)

Bei allem Enthusiasmus folgt der Boom einem strengen Muster: Christen kaufen in Ostbeirut und in den nördlichen Vororten, Muslime bevorzugen Westbeirut und die südlichen Vororte. Eine Ausnahme bilden die Golfaraber, die die modernen Glastürme an der Uferstraße in Westbeirut lieben, aber ebenso gern alte Villen und Luxus-Chalets in den Bergfrischen im Norden kaufen, die fast ausschließlich christliche Enklaven sind. Wenn ich die Immobilienanzeigen lese, habe auch ich längst den Scannerblick: Ostbeirut oder Nord-Metn (die Bergregion nördlich von Beirut), was anderes kommt nicht in Frage. Manchmal lese ich scherzhaft Angebote aus Dahiyeh vor, jenen südlichen Vororten Beiruts, in denen die Hisbollah seit den achtzger Jahren ihre Hochburg hat. Früher wäre eine Wohnung dort gar nicht so abwegig gewesen, bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 war in der Dahiyeh vor allem die christliche Mittelschicht zu Hause.

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Der Beiruter hat gern viel Platz. (Foto: Fischer)

Doch in fast 20 Jahren Bürgerkrieg sortierte sich das Land neu, und auch wenn es die Grüne Linie, die im Krieg das christliche vom muslimischen Beirut trennte, offiziell nicht mehr gibt, lebt sie in den Köpfen fort. Als ich 2008 nach Beirut zog, damals in die Rue Monot im Christenviertel Achrafieh, eine Straße gleich neben der ehemaligen Front, meinte ein muslimischer Freund halb im Scherz: „Da kann ich dich gar nicht besuchen, auf die Straße habe ich früher geschossen.“

Momentan wohnen wir zur Miete in Badaro, einem überwiegend christlichen, aber gemischtem Viertel. Es ist ruhig und zentral, in der Nähe gibt es einen großen Park (eine Seltenheit in Beirut), wir fühlen uns wohl und haben schon überlegt, ob wir nicht hier etwas kaufen sollen. Wäre da nicht das Haus gleich gegenüber, das bis heute die Spuren von Mörserbeschuß trägt. Für meinen Mann, der im Alter von sechs Jahren nur in Unterwäsche bekleidet um sein Leben fliehen mußte, ein steinernes Mahnmal: „Sollte es jemals wieder einen Bürgerkrieg geben im Libanon, wären wir hier verdammt nah an Westbeirut.“

 

Häuser mit Gedächtnis (Foto: Fischer)



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