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Haitis Tragödie

Wie aus Frankreichs reichster Kolonie ein Armenhaus wurde

Von Emanuel Eckardt

Copyright: Michel friedel
Hotel Oloffson in Port-au-Prince: Ein Traum von Hotel, ein Alptraum von Land (Foto: Michael Friedel)

 

Kaum zu glauben. Das „Hotel Oloffson“hat das Erdbeben überstanden. Der Regierungspalast, die Kathedrale, Betonbauten und Wohnhäuser stürzten in sich zusammen. Nur dieses fragil wirkende Bauwerk aus Holz hielt dem Erdbeben stand, wurde zur Informationszentrale in einer Welt ohne Telefon und klassische Kommunikationsmittel durch Twitter-Berichte von Richard Morse, dem Eigentümer des historischen Unikums. Ein Weltkulturerbe.

Graham Greene hat es beschrieben, als Schauplatz seines bösen Romans über die Diktatur des Duvalier-Clans. „Mit seinen Türmchen und Balkonen und hölzernen  Verzierungen sah es zerbrechlich und altväterisch und hübsch und lächerlich aus.“ Im Hang hinter dem Haus turnten die Ziegen und die weißen windschiefen (und offenbar erdbebensicheren) Zimmer trugen die Namen der Berühmtheiten, die hier schon genächtigt hatten.

Das Erdbeben von Haiti ist der letzte Akt einer Tragödie, die vor mehr als zweihundert Jahren begann. Ende des 18. Jahrhunderts war Saint-Domingue, der westliche Teil der Insel Hispaniola, die reichste Kolonie Frankreichs. Sie produzierte mehr als die Hälfte des weltweit verbrauchten Kaffees, schaufelte mehr Zucker nach Europa als alle karibischen Inseln zusammen. Diese einzigartige wirtschaftliche Blüte verdankte die Kolonie dem fruchtbaren Boden und der Arbeit von rund 900 000 Sklaven, die seit dem 16. Jahrhundert aus Afrika hierher verschleppt wurden.

Schwarze Sklaven, 90 Prozent der Bevölkerung, schufteten unter grausamen Bedingungen. Der „Code Noir“ , ein Gesetz aus dem Jahre 1685, von Frankreichs König Ludwig XIV. persönlich unterzeichnet, verfügte, dass alle Sklaven, obwohl sie nur als Sachwerte galten, katholisch getauft werden mussten. Eheschließungen bedurften der Zustimmung der Eigentümer, Sklavenkinder bekam der Besitzer der Mutter. Die Sklaven litten Hunger, Zehntausende starben jedes Jahr; wer Lebensmittel stahl, wurde ausgepeitscht und durch das königliche Wappen, die Lilie der Bourbonen, gebrandmarkt. Versuchte ein Sklave zu fliehen, wurde ihm ein Ohr abgeschnitten, beim zweiten Fluchtversuch die Kniekehlen durchtrennt; der dritte Versuch endet mit bestialisch inszenierten, qualvollen Hinrichtungen.

Von der Revolution zum Sklavenaufstand

Groß war die Hoffnung, als 1789 in Paris nach dem Sturm auf die Bastille die Revolutionäre die allgemeinen Menschenrechte proklamierten. In Saint-Domingue revoltieren die Mulatten, die Mischlinge, die von weißen Herren gezeugt und von schwarzen Müttern geboren und meist frei gelassen wurden, sobald sie volljährig waren. Sie besaßen eigenes Land und ein Viertel aller Sklaven. Nun verlangten sie die vollen Bürgerrechte – und bekamen sie.

Der Aufstand der Sklaven ließ nicht lange auf sich warten. 1791 stand der Norden der Kolonie in Flammen, weiße Siedler und ihre Familien wurden ermordet, ihre Plantagen verwüstet. Die Weißen nahmen furchtbare Rache, massakrierten Tausende Schwarze. Das Chaos wurde zum Flächenbrand, Saint-Domingue und die Insel Hispaniola zum Spielball europäischer Supermächte. Die Französische Republik entsandte Soldaten; die weißen Herren der Insel, immer noch Royalisten, suchten heimlich das Bündnis mit den Engländern. Spanien hielt den Osten besetzt. Im Westen herrschten Mulatten, im Norden schwarze Sklaven. Sie waren es, die diesen Krieg entschieden, denn sie konnten einen Feldherrn aufbieten, der den wilden Haufen in eine disziplinierte und effiziente Armee verwandelte.

Der schwarze Spartakus war klein und unansehnlich. Selbst seine Freunde beschrieben ihn als rechtschaffen hässlich. François-Dominque Toussaint L´Ouverture, um 1743 als Sklave in Cap Francais, dem heutigen Cap Haïtien, geboren, verheiratet und Vater zweier Kinder, schloss sich erst den Aufständischen an, nachdem er die Familie seines Herrn in Sicherheit gebracht hatte. Zunächst hatte er mit seinen Truppen für die Spanier gekämpft. Doch als Frankreich per Dekret die Sklaverei beendete, schlug er sich mit 4000 Soldaten auf die Seite der Republik und trieb Briten und Mulatten vor sich her.

 

 

Copyright: Michel friedel
Die Zitadelle La Ferrière: Stein gewordener Größenwahn (Foto: Michael Friedel)

Ein Sklavensohn wird Frankreichs General

Als Frankreich 1795 im Frieden von Basel auch der mehrheitlich von Weißen und Mulatten bewohnte Ostteil der Insel zugesprochen wurde, war Toussaint dort längst einmarschiert. 1798 kapitulierten die Engländer, 1799 die Mulatten, bald auch die spanische Garnison von Santo Domingo. Nun war Toussaint L’Ouverture unumstrittener Herrscher der Insel. Frankreich ernannte ihn zum Brigadegeneral. Seine inzwischen auf 20 000 Mann angewachsene Armee trug französische Uniformen.

Der General herrschte selbstherrlich und souverän, gab der Kolonie eine eigene Verfassung, ohne sich allerdings von Frankreich loszusagen, und ernannte sich auf Lebenszeit zu ihrem Gouverneur. Die Kommissare der Kolonialmacht hatten nichts mehr zu melden. Er jagte sie fort; den Letzten warf er in den Kerker.

Doch in Frankreich hatte inzwischen ein Mann die Macht an sich gerissen, der keinen Widerstand duldete. Im Februar 1802 entsandte Napoleon Bonaparte ein Expeditionsheer unter General Leclerc, dem Ehemann seiner Schwester Pauline. Innerhalb von zwei Wochen besetzten die französischen Truppen die gesamte Insel. Auf seinem Rückzug hinterließ Toussaint L’Overture verbrannte Erde. Er legte Städte und Dörfer in Schutt und Asche, floh ins Landesinnere, gab schließlich auf.

Im Mai 1802 unterzeichnete er in Cap Français die Kapitulation. Der Brigadegeneral wurde mit allen militärischen Ehren empfangen, aber das war eine Falle. Toussaint L’Ouverture wurde gefangen genommen und nach Europa gebracht.

Saint-Domingue kam nicht zur Ruhe. Napoleon selbst legte die Lunte an das Pulverfass, indem er bekannt gab, die Sklaverei wieder einführen zu wollen. Die Schwarzen griffen zu den Waffen, der Widerstand der französischen Expeditionstruppen fiel in sich zusammen. Die Armee des Generals Leclerc wand sich in Krämpfen, Soldaten lagen apathisch in ihren Garnisonen, spuckten schwarzes Blut, starben zu Hunderten einen elenden Tod.

„Ich habe keine Soldaten, um die Toten bestatten zu lassen“, schrieb Leclerc an seinen Schwager Napoleon. „Es regnet unablässig. Die Neger vermehren sich wie Ungeziefer, obwohl ich jeden Tag genügend erschießen lasse. Ich selbst bin krank...“ Am 2. November 1802 starb auch der General. Die Franzosen zogen ab, eine geschlagene Armee. Von 34000 Soldaten kehrten nur 2000 lebend nach Frankreich zurück. Es war Napoleons erste große Niederlage. Das Gelbfieber hatte die Schlacht um die Insel entschieden.

Im Mai 1803 starb Toussaint L’Ouverture einsam in einem Kerker des Fort Joux nahe der Schweizer Grenze. Den letzten großen Triumph seines Freiheitskrieges hat der schwarze Napoleon nicht mehr erlebt. Am 1. Januar 1804 erklärte sich die französische Kolonie Saint-Domingue für unabhängig, als erster Staat in Lateinamerika, der die Kolonialherrschaft beendete - und gab sich den alten indianischen Namen Haiti.

 

 

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Jean-Jacques Dessalines, erster der vielen unglücklichen und unfähigen Diktatoren des Landes (Foto: Michael Friedel)

Ein Staat im Würgegriff der Diktatoren

Revolution und Bürgerkrieg hatten eine halbe Million Menschenleben gefordert und das Land verwüstet. Tropischer Regen hatte die Dämme auf den Plantagen zerstört, auf denen niemand mehr arbeitete. Sie wurden nie mehr repariert, der Boden erodierte, wurde zur Wildnis. Eine neue Tragödie nahm ihren Anfang. In Haiti begann der Totentanz der Diktatoren, der selbst im späten 20. Jahrhundert kaum zu Ende war.

Jean-Jaques Dessalines, ein ehemaliger Sklave, ließ sich in Cap Haitien zum Kaiser krönen und alle Weißen massakrieren. Seine Bluttaten bremsten den Elan der gerade erwachenden europäischen und amerikanischen Bewegung gegen die Sklaverei. Als er die Zwangsarbeit wieder einführen wollte, brachte er sein eigenes Volk gegen sich auf. Neue Aufstände flackerten auf. Er wurde erschossen.

 

Henri Christophe, der erste "König" von Haiti (Foto: Michael Friedel)

Der Streit hatte das Land gespalten. Die Südrepublik war in drei Teile zerfallen, das Nordkönigreich geriet in die Hände des schwarzen Generals Henri Christophe, fortan Henri I., König von Haiti. Er drehte das Rad zurück, inszenierte auf den Trümmern der Kolonie ein Königreich barocker Prachtentfaltung. Er ernannte schwarze Prinzen, Herzöge und Grafen, ließ verschiedene kleinere Lustschlösser errichten, und ein großes nach dem Vorbild des preußischen Sanssouci.

Wie es ihm gelang, sein Volk in neue Sklaverei zu treiben, ist heute kaum zu verstehen. Unter seiner grausamen Fuchtel entstand die Zitadelle Cap Ferrière, jene gewaltige, uneinnehmbare Festung, eine Trutzburg zur falschen Zeit am falschen Platz, die nur den einen Zweck hatte: den Franzosen zu trotzen, falls sie es jemals wagen sollten, zurückzukehren.

Wie ein Panzerkreuzer im Nebelmeer, unsinkbar, unüberwindlich ragt die Zitadelle La Ferrière aus einer anderen Zeit. Monumental, monströs, ein gigantisches Missverständnis mit 365 Fenstern. Und in jedem steht eine Kanone. Das achte Weltwunder, so wird es in Haiti gern genannt, ist ein Mahnmal der Angst, ein mächtiger Fremdkörper, eine Wahnsinnstat auf 980 Meter hohem, unzugänglichen Fels, mit bis zu 40 Meter hohen, vier Meter dicken Mauern. Fünfzehn Jahre lang, von 1805 bis 1820, schleppten 200000 Menschen Steine und Kanonenkugeln auf diesen Berg. Mehr als 20 000 kamen dabei um, das absurde, tragische Ende einer Revolution, die eine blühende Insel verwüstete.

Der Bau war eine vollkommen sinnlose Tat. Die Franzosen kamen nicht mehr. Sie ließen nichts zurück, als ein zerstörtes Paradies und ihre Sprache. 1820 setzte Henri Christophe seinem Leben ein Ende. Er schoss sich ins Herz, mit einer silbernen Kugel.

 



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