Happy Birthday, Michael Jackson!

Dem King of Pop zum ersten Wiedergeburtstag

Von Silke Schauder

 

Vor einem Jahr löste der plötzliche Tod von Michael Jackson einen weltweiten Tsunami der Trauer aus. Und eine weitere Welle der Nachahmer: Kein anderer Künstler produzierte so viele Imitatoren, Doppelgänger und ihm nacheifernde Fans wie er. Allen voran ein belgischer Krankenpfleger, der 50.000 Euro in Schönheitsoperationen investierte, um seinem Idol näher, weil ähnlicher zu sein.

Auf seiner Fan-Website werden Versatzstücke seiner Identität verhökert: Handschuhe, Hut, Smooth Criminal-Outfit, Thriller-Jacke, dazu unzählige Devotionalien wie Michael-Jackson-Tasse, Michael-Jackson-T-Shirt, Michael-Jackson-Tasche, Michael-Jackson-Socken. Sie bieten dem gläubigen Anhänger die durch den Fetisch der Ware vermittelte, allerdings rein imaginäre Teilhabe am Idol.

Nur Michael Jackson wollte nicht Michael Jackson sein – darin bestand seine persönliche Tragödie. Der berühmteste Mann der Welt, der die provokante Selbstaussage der Beatles, bekannter als Jesus zu sein, spielend leicht übertraf, behandelte sich selbst wie einen Alien, einen Eindringling, der dringend einer Korrektur bedürfe. Durchaus schlüssig erklärte er einem Journalisten: „It hurts to be me.“ Und in seiner Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Oxford verglich er sich mit dem Frosch Kermit aus der Muppet Show, der es schwierig fand, grün zu sein.

Sein oder Schein sein, das ist hier die Frage

In seinem verzweifelten Gestus zwischen Body art, Selbstverstümmelung und schwerer Störung der Eigenwahrnehmung ließ Jackson sich bis zur Unkenntlichkeit umgestalten. Wie ein Chamäleon seiner Träume wandelten sich sein Gesicht und sein Körper, bis er nur noch Maske, Schatten, Karikatur seiner selbst war, bis er unter Schleier, Sonnenbrille und Schminke nur mehr seine bodenlose Abwesenheit verbarg - ein Fabelwesen, ein Mutant, ein Cyborg. Es ist müßig, zu fragen, ob Michael Jackson echt oder künstlich war. Alles an ihm war künstlich echt. Oder echt künstlich.

Mit bewundernswürdiger Konsequenz führte er den Identitätsbegriff der Moderne ad absurdum und wurde so zum lebenden Beweis für das Deleuze’sche Postulat, daß sich in der Postmoderne das Subjekt vom Zwang zur Ähnlichkeit befreit, um reines Bild zu sein.

Müssen wir uns Michael Jackson trotzdem als einen glücklichen Menschen vorstellen? Wir dürfen davon ausgehen, daß, wie alle Ideale, auch das seine nur asymptotisch, in der Verfehlung zu erreichen war. Ein Gesicht ist ein endlicher Raum, und Jacksons Wunsch nach Veränderung ging gegen unendlich. Letztendlich wartete er wohl darauf, kein Gesicht mehr zu haben, zur reinen Erscheinung, zum immateriellen Bild zu werden. Deshalb nahm er auch seine aufdringlich fotografierenden Fans vor seinen Leibwächtern in Schutz: „All those images make me be.“ Lasset die Fans zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich.

Neverland, Foreverland

Als Grenzgänger ohne Grenze hob Jackson alle gängigen Kategorien auf: Weiß-Schwarz, Mann-Frau, Kind-Erwachsener, Engel-Teufel, Echt-Künstlich, Mensch-Maschine, Natur-Kultur, Fiktion-Wirklichkeit, Tod-Leben. Er war und ist all dies gleichzeitig, und gleichzeitig nichts davon - ein seltsames Zwitterwesen, das bei aller Transzendenz und hypnotischen Wirkung auf seine hysterisch kreischenden Fans merkwürdig unerotisch blieb, im Kontakt befangen und in seiner eigenen Märchenwelt isoliert. Seine vermeintlich scharfen Videoclips mit seiner Scheinfrau Lisa Marie Presley („You are not alone“), der hinreißenden Naomi Campbell („In the closet“) und der schier imperialen Frau David Bowies, Iman („Remember the time“), spiegelten die Wirkung, die diese Traumgeschöpfe auf seine Männlichkeit haben sollten, immer nur vor.

Den totalen Krieg, den Jackson allen Grenzen erklärt hatte, gewann er nicht nur gegen den brutalen Vater, seines Zeichens Kranführer in einer Stahlfabrik, der den kleinen Jungen mit eisernem Drill zum Weltstar hochgehievt hatte. Durch seine Schönheitsoperationen und die Hautaufhellung trat er überhaupt aus seiner Ahnenreihe heraus, er verließ Abstammung, Vererbung, Ähnlichkeit und jegliche biologische Verbindlichkeit, der er schließlich, auch durch die künstliche Zeugung seiner Kinder, nichts mehr schuldete. Prince Michael Junior und Paris Katherine Michael ließ er mit dem Sperma eines Weißen zeugen, für Prince Michael II „Blanket“ engagierte er eine Leihmutter. Bezeichnend, daß alle drei monarchische Namen tragen - als wollte er mit ihnen eine neue Dynastie begründen, die sich nur noch aus seinem eigenen Narzißmus ableitet, der Geschlechtlichkeit aber rein gar nichts mehr verdankt.

Finanziell und künstlerisch ruiniert, körperlich und seelisch ein Wrack, zum Ausverkauf seiner Kunst- und Kitschsammlung und zur Versteigerung von Neverland gezwungen, hatte er einen letzten genialen Einfall. Damit würde er noch einmal ganz groß herauskommen, und noch einmal, nur einmal noch Michael Jackson sein. Hatte er nicht gesagt, alles, was ihm sein Vater beigebracht habe, war, weder seinen Auftritt noch seinen Abgang zu verpassen? Und so inszenierte er sein über Monate hinweg angekündigtes Comeback als Wiedergeburt im Foreverland. Mit seinem grandiosen Vorhang am 25. Juni 2009 gelang ihm der Sprung aus dem Aus in die Unsterblichkeit: This is it!

Happy Birthday, Michael Jackson.

 

* * *

 

Silke Schauder ist Autorin, Übersetzerin und Dozentin für Klinische Psychologie an der Université Paris 8.

 



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015