Heimatweh

Die Schriftstellerin Hatice Akyün hadert mit ihrem Land

Von Dominik Baur

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Autorin Akyün: Es geht um Gefühle (Foto: Privat)

Hatice Akyün ist Duisburgerin. Sie liebt ihr Land, Deutschland. Doch neuerdings schiebt sich plötzlich ihr Migrationshintergrund in den Vordergrund. Ohne ihr Zutun. Inzwischen verzweifelt die Autorin an ihrer Heimat – und denkt an Flucht. Und das Schlimmste: Ihr ist der Humor ausgegangen.

 

„Sarrazin ist ein Bürokrat, der sein ganzes Leben lang von Steuergeldern bezahlt wurde“, sagt Hatice Akyün. „Auch von meinem Geld.“ Oder: „In der jetzigen Situation solidarisiere ich mich lieber mit den türkischen Hartz-IV-Empfängern als mit irgendwelchen Deutschen.“ Solche Sätze hätte man früher nicht erwartet von Akyün. Doch die Autorin will nicht mehr nur Vorzeigemigrantin sein; sie hat keine Lust mehr, als ein Musterbeispiel gelungener Integration durch Land und Medien zu ziehen.

Akyün sitzt im Mey. Es ist Mittag, draußen versinkt Charlottenburg im Schnee, drinnen nehmen die ersten Gäste Platz. Das Mey ist einer von Berlins angesagtesten Türken. Wolfram Siebeck, der Reich-Ranicki der Kulinarik, war neulich auch da. Ihn ließen die weißen Tischdecken und das gestylte Interieur stutzen. In seiner Kolumne im „Zeit-Magazin“ musste er sich selbst zurechtweisen: „Darf ein türkisches Restaurant nicht versuchen, elegant zu sein, du alter Rassist?“ Akyün nennt das Lokal ihr „Wohnzimmer“, so oft isst sie hier.

„Wir stehen wieder bei null“: Dieses Portrait ist eine Koproduktion mit dem Migazin. Lesen Sie dort ein Interview mit Hatice Akyün über ihre Abwanderungspläne.
Hätte man vor zwei, drei Jahren jemanden gesucht, der für das Unwohlsein vieler Menschen in diesem Land steht, für Menschen, die sich in Deutschland ausgegrenzt und ungewollt fühlen, nur weil ihre Eltern vor einem halben Jahrhundert als vermeintliche Gäste hierher kamen, man wäre vielleicht nach Neukölln gegangen oder nach Hamburg-Wilhelmsburg, aber ganz bestimmt hätte man sich nicht mit Hatice Akyün getroffen. Hatice Akyün? Das ist doch eine Angekommene! Das ist doch die Society-Reporterin und Bestsellerautorin, die sich auch gern mal im Kreise ihrer zahlreichen Pumps ablichten lässt. Eine, die das Leben zwischen Ipad und Champagner genießt. Die ihre Tochter mit zweitem Namen Johanna genannt hat und deren Lieblingsschauspieler Heinz Rühmann heißt. Der absolute Gegenentwurf also zu den „Kopftuchmädchen“ da draußen.

Und jetzt? Jetzt sitzt Hatice Akyün hier in ihrem Lieblingslokal und redet darüber, „ob es nicht vielleicht woanders schöner“ sei. Denn neuerdings treiben die 41-Jährige Gedanken um, die sie noch vor Jahresfrist nicht für möglich gehalten hätte. Sie denkt an Flucht. Sie überlegt sich, Deutschland den Rücken zu kehren und in die Türkei auszuwandern. Irgendwann fällt dann – ganz beiläufig – dieser Satz. Eigentlich ist es nur eine Feststellung: „Mir ist der Humor ausgegangen.“

„Ich habe als Kind hier nur gute Erfahrungen gemacht“

Die Stimmung hat sich geändert. Akyün merkt es, wenn sie mal wieder im Fernsehen oder im Radio war. Hinterher, das weiß sie schon, wird sie E-Mails in ihrem Postfach vorfinden. Mails, wie sie sie früher nicht kannte. Wie sie es wagen könne, Deutschland zu kritisieren, liest sie dann, und dass sie doch gefälligst dankbar sein sollte für all das, was dieses Land ihr gegeben habe. Ohne Deutschland, gipfelte jüngst eine dieser Mails, säße sie heute in Anatolien und hütete Schafe. Die Absender dieser Mails unterzeichnen mit vollem Namen. Samt Anschrift und Telefonnummer. „Das sind keine Rechtsradikalen“, sagt Akyün. „Das sind ganz normale Deutsche.“

Akyün hat die typische Vita eines sogenannten Gastarbeiterkindes. 1969 wird sie in dem anatolischen Dorf Akp?nar Köyü geboren. Noch am Tag ihrer Geburt macht sich der Vater auf den Weg nach Deutschland, das Land, das händeringend nach fleißigen Arbeitskräften wie ihm sucht. Drei Jahre später folgt die Familie. Akyün wächst in Duisburg-Marxloh auf. Damals, erzählt sie, habe es dort noch keine Deutschen und Türken gegeben – nur Arbeiter. Ihre Eltern sind Analphabeten. Und gläubig. Ihr Vater rollt fünfmal am Tag den Gebetsteppich aus, ihre Mutter trägt Kopftuch. Hatice hat eine glückliche Kindheit. „Ich hatte tolle Nachbarn, eine großartige Lehrerin, wunderbare deutsche Freunde.“ Deren Mütter helfen ihr bei den Hausaufgaben, sogar Weihnachten darf sie in den Familien der Freunde feiern. „Ich habe als Kind hier nur gute Erfahrungen gemacht, deshalb habe ich mich auch zu Deutschland sehr hingezogen gefühlt.“

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Parallelwelten: Akyün inszeniert sich auch gern mal glamourös (Foto: Privat)

Mehr durch Zufall gerät sie nach einer Lehre zur Justizangestellten in den Journalismus. Erst schreibt sie für die Lokalzeitung in ihrer Heimatstadt, später geht sie als Reporterin zur Lifestyle-Zeitschrift „Max“ nach Berlin. Dort schreibt sie über Jenny Elvers („Ich bin die Queen Mum der Luder“) oder die skandalumwitterte Botschaftergattin Shawne Borer-Fielding.

„Ich habe doch nichts Besonderes zu erzählen.“ Das ist Akyüns erste Entgegnung, als ihr eine Literaturagentin vorschlägt, ein Buch zu schreiben. Wer solle sich denn für ihr Leben interessieren? Ihr Vater habe sie nicht zwangsverheiratet, noch nicht einmal geschlagen. Was sie zu erzählen hatte, passte so gar nicht in das Spektrum der damals verbreiteten Migrantenliteratur. Doch genau das wollte der Verlag. Also setzte sich Akyün hin und schrieb. Über sich und ihr Leben. Über das Single-Dasein in ihrer Berlin-Mitte-Wohnung, über ihre Familie daheim in Duisburg; über die Suche nach einem großen blonden Deutschen, den sie sich an ihrer Seite wünschte, und ihr feuriges anatolisches Herz, das doch von leidenschaftslosen Mitteleuropäern immer wieder schockgefrostet wurde. Das Ergebnis lag 2005 in den Buchläden: „Einmal Hans mit scharfer Soße“.

„Ulknudel der Integration“

Unverkrampft spielt sie in dem Buch mit den Klischees über deutsche Helgas und türkische Alis. Es ist ein manchmal melancholischer, doch überwiegend heiterer Blick in die Parallelgesellschaften, in denen sie zu Hause ist. Diese werden nicht verklärt, kommen jedoch sympathisch und ungefährlich herüber. Das schönste aller Klischees verkörpert in diesen Beschreibungen ihr Bruder Mustafa, der wie eine gar zu überzeichnete Karikatur des türkischen Macho-Jugendlichen erscheint („Isch sach nur drei Worte: Hau ab!“). Er trägt Versace-Hemden, die „voll porno“ sind, und dreht seiner Schwester gern mal Louis-Vuitton-Taschen („Isch schwör is escht“) oder Handys an – „weil du mein Schiwesta bist“. Und auch Akyün schwört: Ist alles echt. Nichts habe sie Mustafa andichten müssen.

„Das ist ein verdammt beschissenes Gefühl“: Lesen Sie im zweiten Teil, warum sich Menschen wie Hatice Akyün in Deutschland nicht mehr gewollt fühlen.

 


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