Heute gibt's Kohl - ohne Kohl

Der Altkanzler bekommt eine Million und wird endgültig zum Denkmal

Von Dominik Baur

Copyright: Dominik Baur
Nein, dieser junge Herr ist nicht der Altkanzler - sondern nur der Autor der Zeile "Heute gibt's Kohl" (Fotos: Dominik Baur)

Da sind sie noch mal, die "Helmut, Helmut!"-Rufe, und auch diese immer wieder kehrenden, längst schon unerträglich gewordenen Takte der Scorpions, die damals zum Soundtrack einer historischen Stunde mutierten. Der Stunde, als Helmut Kohl vom Mantel der Geschichte gestreift wurde.

Es ist freilich nur ein Einspielfilmchen, in dem Helmut Kohl zugejubelt wird, doch die Stimmung im Saal des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt ist nicht weniger ehrfürchtig als auf den beiden Leinwänden. Allenfalls ein bisschen gediegener. Kohl wird hier am Montagabend mit dem Roland-Berger-Preis für Menschenwürde geehrt, "für sein historisches politisches Lebenswerk, das seinen Höhepunkt gefunden hat in der Vertiefung der europäischen Integration und der Wiedervereinigung Deutschlands sowie in dessen Eingliederung in das vereinigte Europa und das westliche Bündnissystem". So heißt es. Kohl als Menschenrechtler?

Eine illustre Runde hat sich das ausgedacht, hat beschlossen, den ehemaligen Kanzler in eine Reihe mit Preisträgern wie der iranischen Menschenrechtlerin Shirin Ebadi oder der Organisation Reporter ohne Grenzen zu stellen. Diese Runde reicht vom ehemaligen Uno-Generalsekretär Kofi Annan über Ex-Außenminister Joschka Fischer und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus bis hin zur Ärztin, Dirigentengroßnichte, Verlegersgattin und „Tatort“-Blondine Maria Furtwängler.

Das Publikum ist nicht weniger bunt. Ex-Ministerpräsident Stoiber hat sich ebenso eingefunden wie Neu-EU-Kommissar Oettinger. Charlotte Knobloch ist da, Regine Sixt und Alexandra Oetker auch, Botschafter und Aristokraten, ein ehemaliger und ein amtierender Bundespräsident. Letzterer übergibt sogar den Preis. Natürlich fehlt auch Society-Verleger Florian Langenscheidt nicht. Kai Diekmann, der einst der "taz" ihr einziges Kohl-Interview bescherte und die Schlagzeile "Heute gibt's Kohl" dichtete, ist auch da, nebst Gattin Katja Kessler. Das ist er seinem väterlichen Freund Kohl schuldig.

Copyright: Dominik Baur
Stifter Roland Berger

Doch genau der ist der einzige, der fehlt. Im fernen Ludwigshafen erholt er sich noch von einer Gallenblasenoperation und muss das Brimborium aus der Ferne genießen, das drei Wochen nach seinem 80. Geburtstag noch immer um ihn gemacht wird. Als Vertreter hat er Ministerpräsident Roland Koch geschickt. Der bekommt nun von Horst Köhler den Preis überreicht.

"Der Kanzler der Einheit" - immer wieder wird an diesem Abend dieser schon arg abgenutzte Titel für Kohl beschworen. Er habe "wie wenige andere Gutes für Frieden und Freiheit getan", schwärmt Köhler; er habe "in einer geschichtlichen Situation von außergewöhnlicher Sprengkraft richtig gehandelt", lobt der Stifter des Preises, Roland Berger, "Chaos und Blutvergießen vermieden, Staatsmänner und Bürger in Ost und West überzeugt und Besonnenheit gezeigt."

Gewiss, Kohl ist gegen Mauern gelaufen, wie Laudator Wladyslaw Bartoszewski metaphert. Immer wieder. Und eine zumindest hat er dann auch zum Einsturz gebracht. Gut, das Bild stimmt nicht ganz - schließlich waren es die Menschen in der DDR, die auf die Straße gegangen sind -, aber es ist schön. Es erklärt jedoch nicht die Sehnsucht nach einem Mythos Kohl, die sich derzeit in bestimmten Kreis besonders stark bemerkbar macht.

Es sind, so scheint es, Kohl-Wochen in Deutschland. "Ein großer Staatsmann!" - "Der Motor der europäischen Einigung!" Da wird einer gefeiert wie sonst nur Helmut Schmidt in der "Zeit". Von schwarzen Kassen spricht keiner. Selbst der Schriftsteller Uwe Tellkamp fordert schon den Friedensnobelpreis für Kohl. Er sei schließlich der rechte Mann am rechten Ort zur rechten Zeit gewesen.

Der Mann, der immer damit kokettiert, er wolle kein Denkmal sein, und doch so versessen auf den Platz in den Geschichtsbüchern war wie kaum ein anderer, kann sich längst nicht mehr wehren. Das Denkmal, das gibt auch Bartoszewski zu, steht bereits.

Und nun setzt sich Kohl auch noch selbst ein weiteres: Der Großteil des mit einer Million Euro dotierten Preises fließt in die Universität Heidelberg. Die muss dafür eine "Helmut Kohl Gastprofessur für Europäische Kultur und Politische Philosophie" einführen.



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015