„Ich war nie ein Cineast“ (Teil 2)

Mario Adorf im Interview

Von Dominik Baur

<- Zurück zu Teil 1

Copyright: Dominik Baur
Fernsehlegende Adorf: „Dem deutschen Film geht es gut“ (Foto: Dominik Baur)

Adorf: Ich habe mit Dietl über Jahre hinweg immer wieder über diesen Film gesprochen. Und da war klar, dass ich darin eine Rolle bekommen soll. Damals wusste er noch gar nicht, ob es jetzt ein Berliner „Kir Royal“ oder ein Berliner „Rossini“ werden würde. Und ich muss ehrlich sagen: Ich war dann zuerst schon ein bisschen beleidigt. Selbst wenn es nur eine kleine Reminiszenz auf den Haffenloher aus „Kir Royal“ gewesen wäre, das hätte dem Film nicht schaden müssen. Aber als ich dann gehört habe, dass der Film weder sehr erfolgreich noch besonders gelungen war, war ich doch ganz zufrieden, dass ich nicht dabei war. Ich habe ihn selbst aber nicht ganz gesehen.

MAGDA: Sie haben mit vielen berühmten Regisseuren zusammengearbeitet – gab es einen, der Ihnen der liebste war, den Sie wirklich bewundert haben?

Adorf: Nein. Ich habe den Billy Wilder sehr gemocht. Aber bei der Arbeit war er sehr amerikanisch. Da gab es keine Möglichkeiten, etwas lustvoll auszuprobieren. Das war harte Arbeit. Aber das ändert nichts an meiner Bewunderung und meiner Zuneigung für ihn. Und so hatte fast jeder seine guten und seine nicht so ganz guten Seiten. Selbst bei dem über alles geliebten und bewunderten Kortner, habe ich gelitten. Das war manchmal eine ziemliche Quälerei.

MAGDA: Hätten Sie denn gern einen Regisseur gehabt, der Ihren Weg begleitet – so wie es Elia Kazan für Marlon Brando war oder Federico Fellini für Marcello Mastroianni?

Adorf: Mastroianni und Fellini, das ist natürlich ein extremer Fall. Das war ja eine regelrechte Alter-Ego-Beziehung. Aber dass ein Brando einen Kazan hatte, oder ein Robert De Niro einen Martin Scorsese, das habe ich bewundert, nicht wirklich beneidet. Naja, ein bisschen vielleicht doch. Das ist aber kein Verlust, den ich empfinde. Sondern nur so ein Gedanke, dass es doch ganz schön gewesen wäre, einen Regisseur zu haben, mit dem man Projekte weiterführt. Doch das hat sich nicht ergeben.

MAGDA: Immerhin: Es gab auch so genug wichtige Regisseure, die mit Ihnen arbeiten wollten.

Adorf: Wobei ich viel weniger das Gefühl hatte, dass ich gewünscht wurde, als dass ich gebraucht wurde. Ein Regisseur kann sagen: Den will ich unbedingt haben, weil der so toll ist, oder er kann sagen: Wer soll das denn spielen? Das kann doch eigentlich nur der Adorf spielen. Dieses Gefühl hatte ich sehr viel häufiger. Aber das ist natürlich auch nicht unschmeichelhaft.

MAGDA: Francis Ford Coppola wollte auch mal mit Ihnen arbeiten – im „Paten“. Warum kam es nicht dazu?

Adorf: Coppola hat mir das Buch zu lesen gegeben und mich gefragt, ob ich eine Rolle darin gefunden hätte, die mich interessieren würde. Da habe ich wahrheitsgemäß gesagt: Ja, den Sonny Corleone. Und als Coppola meinte, den spiele schon James Caan, sagte ich natürlich: James Caan, das ist doch kein Sohn von Marlon Brando! Schauen Sie mich an! Ich bin der Sohn von Marlon Brando, ich kann das spielen. Ob ich denn keine andere Rolle gefunden hätte, fragte Coppola. Und ich sagte: Nein.

MAGDA: Und so haben Sie die Chance verspielt, im „Paten“ mitzuspielen, einem absoluten Klassiker der Filmgeschichte.

Adorf: Ja, das war vielleicht nicht sehr klug. Aber was hätte ich sagen sollen? Es gab da keine andere Rolle, die mich interessiert hätte. Hätte ich eine nennen sollen, nur damit ich heute sagen kann: Ich habe beim „Paten“ mitgespielt, da war ich dieser dritte Mörder, der mit der Schlinge? Nein, ich habe meine Ehrlichkeit nicht wirklich bedauert.

MAGDA: Kriegen Sie viele Rollen angeboten, die Sie ablehnen?

Adorf: Ja. Das war schon immer so. Wenn man jung ist, kriegt man ja sehr viel angeboten. Früher war so eine Faustregel: Nach neun Absagen muss man auch mal wieder eine zusagen.

MAGDA: Ihr Repertoire beinhaltet etliche Figuren, die heute noch jeder kennt. Wenn man mal davon absieht, dass Sie Winnetous Schwester erschossen haben, kommen einem sofort Alfred Matzerath aus der „Blechtrommel“, Heinrich Haffenloher aus „Kir Royal“ und „Der große Bellheim“ in den Sinn. An welche dieser Rollen erinnern Sie sich am liebsten?

Adorf: Wenn Sie mich so fragen, wäre das wohl der Haffenloher. Den Bellheim möchte ich gar nicht so hoch hängen, da gefallen mir andere, weniger bekannte Rollen, die ich gespielt habe, besser. Und der Matzerath war sicher eine sehr wichtige Rolle, aber mein Herz würde dann noch mehr am Haffenloher hängen – obwohl es eine viel kleinere Rolle war. Der hat eine große Wirkung gehabt, und es war eine große Befriedigung. Die Rolle hatte ein ganz bestimmtes Profil. Jetzt wo ich darüber nachdenke: Das hat sicherlich damit zu tun, dass Haffenloher – wie ja auch Matzerath – eine Dialektrolle war. Die liebsten Rollen waren mir, glaube ich, immer die im Dialekt. Mit Dialekt lässt sich offenbar mehr transportieren als mit dem Hochdeutschen.

MAGDA: Ihr wohl berühmtestes Zitat sagt Haffenloher. Ist Ihnen das auch schon mal passiert, dass jemand versucht hat, Sie mit seinem Geld zuzuscheißen?

Adorf: Nein, das ist mir selber noch nicht passiert. Ich war höchstens der Täter.

MAGDA: Und dass Sie Rollen nur wegen des Geldes angenommen haben?

Adorf: Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde „nein“. Aber ich habe nie wegen des Geldes eine Rolle in einem Film übernommen, von dem ich dachte, es würde ein schlechter Film.

MAGDA: Haben Sie trotzdem schon Angebote angenommen, wofür Sie sich heute schämen?

Adorf: Es gibt einen Film, für den ich mich vielleicht schämen könnte. Aber den habe ich nicht wegen des Geldes gemacht, sondern als Freundschaftsdienst. Der Film hieß „Als die Frauen noch Schwänze hatten“, ein italienischer Film von 1970 mit Senta Berger in der Hauptrolle. Da hat sich ein amerikanischer Darsteller umgebracht, und der Regisseur kam zu mir und fragte mich, ob ich einspringen könnte. Da konnte ich nicht „nein“ sagen. Aber ich glaube, das war ein schlimmer Film. Da habe ich mir schon ganz am Anfang gedacht: „Augen zu und durch!“

MAGDA: Sie haben die deutsche Filmgeschichte zum großen Teil selber aktiv miterlebt. Wie würden Sie die Lage des deutschen Films heute beschreiben?

Adorf: Dem deutschen Film geht es gut. Ich mag es nur nicht, wenn zu viel gejubelt wird. Zur „Rossini“-Zeit habe ich mal einen Artikel geschrieben, der hieß „Rossini im Kopf“, also „Rosinen im Kopf“. Ich habe davor gewarnt, den Aufschwung des jungen deutschen Films zu überschätzen. Wir sind ein kleines Land mit einer kleinen Sprache, wir können nicht mit Hollywood mithalten. Wir können nur schöne, kleine, deutsche Filme machen. Und ich kann nur sagen: Es ist schön, dass es in Deutschland wieder neue junge Regisseure gibt, die sehr interessante Filme machen. Und ich freue mich, dass ich da noch dabei sein kann. Es ist wirklich eine Ehre, was ich jetzt noch für tolle Rollen angeboten bekomme. Gerade hat der Dreh zu einem sehr schönen Filmprojekt begonnen.

MAGDA: Was spielen Sie da?

Adorf: Der Film heißt „Der letzte Mensch“. Im Jiddischen bedeutet ja das „Menschsein“, dass man ein guter, ein besonderer Mensch ist. Mir hat mal ein jüdischer Bekannter gesagt: „Adorf, Sie sind a Mensch!“ Das war ein sehr großes Kompliment. In dieser Geschichte nun geht es um die Suche eines alten Juden, der im KZ war und keine Angehörigen mehr hat. Um ein jüdisches Begräbnis zu bekommen, muss er nun jemanden finden, der bezeugen kann, dass er Jude ist. Er hat zwar diese Nummer auf dem Arm eintätowiert, aber der Rabbi sagt bloß: „Was meinen Sie, wie viele Leute diese Nummer haben? Sogar SS-Leute haben sie sich am Kriegsende schnell als Alibi machen lassen.“ Und dann beginnt für den alten Juden eine Reise – nach Ungarn, nach Rumänien, es ist fast ein kleines Roadmovie. Eine sehr anrührende Geschichte, aber in ihrer Erzählweise zugleich auch heiter, nicht so heavy, wie Holocaust-Geschichten sonst oft sind.

MAGDA: Sie leben in St. Tropez und München, sind schon in der ganzen Welt rumgekommen, Ihr Vater war Italiener, Ihre Mutter halbe Elsässerin. Was bedeutet der Begriff „Heimat“ für Sie?

Adorf: Heimat ist kein allzu großer Begriff für mich. Mein kalabresisches Erbe spielt für mich keine Rolle. Aber ich habe ein Heimatgefühl, wenn es um die Eifel geht. Da bin ich aufgewachsen, da komme ich her. Die Sprache, die Landschaft, die Steine, die Menschen – das ist für mich Heimat, da fühle ich mich wohl. Aber nicht in dem Sinne, dass ich dort leben oder meine Tage beschließen möchte. Dafür bin ich zu sehr Kosmopolit.

MAGDA: Wenn morgen Ihr Leben verfilmet würde, welchen Schauspieler würden Sie dann am liebsten in der Rolle des Mario Adorf sehen?

Adorf: Gott sei Dank gibt es da keinen. Die haben ja alle keine Ähnlichkeit mit mir. Allenfalls vielleicht der Christoph Waltz? Der kann ja so vieles spielen...

 



Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015