„Ich war nie ein Cineast“

Mario Adorf im Interview

Von Dominik Baur

Copyright: Dominik Baur
Schauspieler Adorf: „Ich habe mich nie analysiert“ (Foto: Dominik Baur)

Auf eine derart lange Film- und Fernsehkarriere können in Deutschland nicht viele zurückblicken. Fernsehen habe er schon gemacht, da habe es noch gar kein Fernsehen gegeben, erzählt Mario Adorf im MAGDA-Interview. Und erklärt, warum man manchmal auch einem Francis Ford Coppola einen Korb geben muss.


München, Maxvorstadt. Eine geschmackvoll eingerichtete Altbauwohnung nicht weit vom Siegestor. Ein aufmerksamer älterer Herr reicht Espresso und Kekse. Älterer Herr? Kann man bei einem 82-Jährigen nicht von einem alten Mann sprechen? Nein, denn der Mann ist Mario Adorf.


MAGDA: Herr Adorf, waren Sie schon mal auf einer Oscar-Verleihung?

Adorf: Ja, ich war sogar schon mal unter einer Oscar-Verleihung. Das muss 1960 oder 1961 gewesen sein. Da wurde der Oscar im Hilton verliehen – wo ich gerade wohnte. Und ich konnte abends nicht zur Tür hinausgehen, weil da all die schreienden Mädchen und Kameras waren, wenn auch in viel kleinerem Rahmen als heute. Als ich zum Italiener essen gehen wollte, musste ich deshalb zum Hintereingang raus. Dafür musste ich durch das Kellergeschoss. Und da hörte ich über mir die Feier, den Applaus.

MAGDA: Hat Sie das damals beeindruckt?

Adorf: Nein, was mich beeindruckt hat, war etwas anderes: Als ich durch diesen Keller ging, kam ich an einem großen Spiegel vorbei. Vor diesem Spiegel stand ein Mann, der sein Toupet fixierte. Und dieser Mann war Gene Kelly. Dieser wunderbare Tänzer, dieser tolle Mann, steht da unten und macht sein Toupet fest. Irgendwie hat er mir leid getan. Diese Szene hat mich beeindruckt.

MAGDA: Sie waren aber später noch mal bei einer Oscar-Verleihung.

Adorf: Ja, als die Blechtrommel einen Oscar bekommen hatte; aber das war eher unerfreulich. Man hat vor allem gemerkt, wie unwichtig dieser „Ausländer-Oscar“ für die Amerikaner ist. Hier wurde das natürlich groß gefeiert, aber da drüben war das mehr so ein Pausenfüller, während die Gäste eine Zigarette rauchen gingen. Und ich war noch nicht mal eingeladen. Ich hab' mir meinen Flug selber gezahlt, kriegte von meinem Agenten eine Eintrittskarte – in der 23. Reihe oder so. Und für die Party im Anschluss hatte ich keine Karte. Der Regisseur Volker Schlöndorff wollte mich mitnehmen, aber ich kam nicht rein. Wenn ich mich recht erinnere, hat meine Frau dann zwei Eintrittskarten auf der Toilette gefunden. Sonst wären wir gar nicht auf die Party gekommen. Eine Oscar-Nominierung hat übrigens schon „Nachts, wenn der Teufel kam“ bekommen.

MAGDA: Ein Film von 1957. In der Rolle des Serienmörders Bruno Lüdkes ist Ihnen damals der Durchbruch als Filmschauspieler gelungen.

Adorf: Genau. Und im Jahr drauf gab es eine Oscar-Nominierung. Erfahren hab' ich davon allerdings erst drei Monate nach der Verleihung. Das ist schwer zu glauben, aber vom Oscar hat damals noch keiner geredet. Das kann man mit heute gar nicht vergleichen.

MAGDA: Wann haben Sie selbst Ihre Faszination für den Film entdeckt? Kann man sich das so vorstellen, dass der kleine Mario schon als Kind mit offenem Mund im Kino gesessen hat?

Adorf: Ich war mein ganzes Leben lang nie ein Cineast. Ich war immer ein Kinogänger. Das hat angefangen mit sechs oder sieben Jahren, da habe ich zum ersten Mal einen Film gesehen. Mit Spencer Tracy in der Hauptrolle. Aber ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, dass Schauspielerei ein Beruf für mich sein könnte. Ich bin in Mayen, einer Kleinstadt in der Eifel, aufgewachsen, da gab es noch nicht einmal ein Theater. Merkwürdig ist jedoch, dass mir meine ehemaligen Klassenkameraden bei unserem ersten Abiturtreffen nach 25 Jahren gesagt haben: Das hat uns überhaupt nicht überrascht. Das war für uns ganz klar, dass du Schauspieler wirst. Und ich hab' sie gefragt: Ja, warum habt ihr mir das nicht gesagt? Ich habe lange gebraucht, um das zu merken.

MAGDA: Und wann haben Sie es gemerkt?

Adorf: Den eigentlichen Ausschlag hat das Studententheater gegeben. Ich habe in Mainz studiert und bin dort mit dem Theater in Berührung gekommen. Anfangs noch ganz ohne den Ehrgeiz, dort mitzuspielen. Ich habe Plakate entworfen, sogar Bühnenbilder – und erst dann habe ich irgendwann gesagt: Ach, die kleine Rolle könnte ich vielleicht auch spielen. Von Mainz bin ich dann nach Zürich gegangen, wo ich als Komparse am Schauspielhaus gespielt habe, um Geld zu verdienen. Und von dort später nach München. Dort bin ich auf der Wohnungssuche in der Ledererstraße an der Falckenbergschule vorbeigekommen. Da bin ich reingegangen, und die haben mich dann genommen.

MAGDA: Das klingt ja einfach. Ihr Schicksal scheint von vielen Zufällen geprägt zu sein.

Adorf: Einer meiner Lehrer war der große Schauspieler Peter Lühr. Als ich dem erzählt habe, wie ich zufällig in die Schauspielerei gestolpert bin, sagte der: „Adorf, Zufall ist gar nichts. Das ist Fügung!“ Das fand ich ein schönes Bild; das hat mir dann auch besser gefallen als der Zufall.

MAGDA: Sie haben dann an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München das Theaterhandwerk gelernt. Wie kam es, dass dann später Film und Fernsehen doch die wesentlich wichtigere Rolle in Ihrer Karriere gespielt hat?

Copyright: Dominik Baur
„Ich glaube nicht an die totale Verinnerlichung einer Rolle“ (Foto: Dominik Baur)

Adorf: Ich hatte nach der Schauspielschule direkt einen Vertrag an den Kammerspielen und war da sechs Jahre lang Ensemble-Mitglied. Und schon nach einem Jahr Schule kam der erste Film. Kann man auch wieder sagen: Zufall. Ein Schulkollege von mir, Dieter Kirchlechner, später auch ein bekannter Schauspieler und Regisseur, der hat mich damals mitgenommen zum Stichwortgeben bei einem Vorsprechen für „08/15“, diese ersten Militärfilme damals. Aber der Regisseur hat nicht ihn, sondern mich genommen. So kam ich dann schon sehr früh zum Film.

MAGDA: Und auch zum Fernsehen...

Adorf: Ich war schon beim Fernsehen, da gab es noch gar kein Fernsehen. 1953 gab es noch Testsendungen. Und da hat der Regisseur Schauspielschüler gesucht, die für fünf Mark bei Testaufnahmen mitmachen. Das wurde damals noch live gesendet. Ganze Stücke, abends viertel nach acht. Ich bin also ein Fernsehschauspieler der ersten Stunde.

MAGDA: Was macht einen guten Schauspieler aus?

Adorf: Ich glaube, sehr viel ist Handwerk. Aber dieser letzte kleine Unterschied, der einen sehr guten von einem guten Schauspieler unterscheidet, da spielt dann vielleicht doch noch so etwas wie Talent mit. Ich habe mich aber als Schauspieler nie analysiert. Ich will nicht wissen, wie ich funktioniere, um das dann gezielt und bewusst einzusetzen. Mir war es immer wichtiger, Rollen mit viel Bauchgefühl anzugehen.

MAGDA: Kann man so eine Rolle einfach ablegen und Feierabend machen?

Adorf: Ich erinnere mich, dass meine Mutter, als ich den Massenmörder Bruno Lüdke gespielt habe, immer abends beim Essen sagte: Wie isst du denn? Ich bin damals in meinem Gehabe offenbar nicht ganz aus meiner Figur herausgetreten und habe den Löffel mit der Faust gehalten. Aber in Wirklichkeit glaube ich nicht an die totale Verwandlung oder die komplette Verinnerlichung einer Rolle. Das darf auch gar nicht passieren. Am Theater haben wir gelernt, auf Knopfdruck von einer Rolle in die andere zu springen. Ich habe manchmal an einem Tag drei Rollen hintereinander gespielt. Oder sogar zwei Rollen an einem Abend. Dann bin ich von der Kammerspielbühne rüber ins Werkraumtheater gelaufen und habe mich unterwegs umgezogen.

MAGDA: Wenn man ein Schauspieler von Ihrem Kaliber und mit Ihrer Erfahrung ist: Besteht dann nicht die Gefahr, dass man sich von so einem jungen Regisseur, der vielleicht gerade mal seinen dritten Film macht, nichts sagen lassen will?

Adorf: Nein, ich respektiere die Arbeit des Regisseurs. Er ist schließlich der, der den ganzen Film im Kopf hat. Ich konzentriere mich ja auf meine Rolle. Ich kann nicht immer wissen, was für die Geschichte wichtig ist. Deshalb kann mir der Regisseur auch sagen, wie ich etwas zu spielen habe. Manchmal bringe ich natürlich auch eigene Ideen mit ein, die dann der Rolle dienen – oder in seltenen Fällen sogar dem Film. Aber so weit geht mein Anspruch in der Regel gar nicht.

MAGDA: Sind die guten Regisseure, die die Ihren Schauspielern viel Freiheit geben, oder die, die genau wissen, was sie wollen, und davon kein bisschen abweichen wollen?

Adorf: Ich habe beides erlebt. Fritz Kortner war ja zum Beispiel einer, der es ganz genau so haben wollte, wie er es im Kopf hatte. Und wenn das Vorgespielte so einzigartig war wie bei ihm, dann lässt man sich das auch gern gefallen. Sonst ist es aber schon schöner, wenn einem der Regisseur Spielraum lässt.

MAGDA: Helmut Dietl, mit dem Sie ja auch zusammengearbeitet haben, erzählt in Interviews gern, dass er von seinen Schauspielern nur will, dass sie den Film genau so umsetzen, wie er ihn bereits im Kopf hat.

Adorf: Das ist richtig. Aber das mochte ich auch an ihm. Er hat eine so mutige Phantasie. Dietl hat diese sehr kritische und anspruchsvolle Haltung. Er besteht sehr lange darauf, dass es noch besser geht. Er treibt die Schauspieler immer weiter. Ich finde das gut. Viel besser, als wenn sich einer gleich zufrieden gibt.

MAGDA: Haben Sie bedauert, dass Sie bei seinem letzten Film „Zettl“ nicht dabei waren?

Wie sich Mario Adorf um eine Rolle im „Paten“ brachte und was Alfred Mazerath und Heinrich Haffenloher gemeinsam haben, lesen Sie im zweiten Teil des Interviews.


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015