Ich lenke, also bin ich

Radler strampeln immer auch gegen Klischees an. Das muss nicht sein. Ein 10-Punkte-Programm

Von Kai Schächtele

Dieses klischeehafte Bild zeigt zwar das Fahrrad des Autors, aber eher unabsichtlich. Er legt Wert darauf, dass er nicht Rad fährt, um die Umwelt zu schützen. (Foto: Kai Schächtele)

Als Radfahrer hat man es nicht leicht in unserem Land. Wie Kalk hält sich das Klischee, Radfahrer seien verkniffene Umweltschützer, in deren Umgebung es unweigerlich nach Reformhaus riecht und die vor lauter schlechtem Gewissen nächtelang nicht schlafen können, weil sie einen Flug nach Südamerika gebucht haben. Ich mag nicht bestreiten, dass es solche Radfahrer gibt, und auch sie haben ihre Daseinsberechtigung.

Aber ich gehöre definitiv nicht zu ihnen, und diejenigen, die so sind wie ich, werden immer mehr. Radfahren ist nicht mehr wie in den siebziger Jahren eine reine Ökobewegung. Heute ist Radfahren auch eine Lebenshaltung. Es ist deshalb ebenfalls an der Zeit, die Sicht aufs Radfahren endlich zu entkalken.

Ich fahre nicht Rad, weil...

... ich erstens damit die Umwelt schützen würde. Ich weiß zwar, dass es mit dem Planeten den Bach runtergeht und wir mit seinen Ressourcen sorgsam umgehen sollten. Aber trotz Ökostrom und militanter Mülltrennung muss ich bekennen, dass es mit meinem Umweltbewusstsein nicht allzu weit her sein kann, wenn ich in Berlin das CO2 einspare, das ich dann hundertfach mit einem Interkontinental-Flug in die Atmosphäre puste. In der Öffentlichkeit würde ich das natürlich nie sagen, weil ich damit das Argument, ich würde auf dem Rad mehr für die Umwelt tun als jeder Autofahrer und könne mir deshalb ja wohl auch ein bisschen mehr rausnehmen, leichtfertig aus der Hand gäbe.

...ich zweitens grundsätzlich etwas gegen Autos hätte. Ich habe nichts gegen Autos, ich habe nur etwas dagegen, im Auto mehr zu sehen als ein Fortbewegungsmittel mit einer scheußlichen Energiebilanz.

... ich mir drittens kein Auto leisten könnte. Ich kann es mir nur nicht erlauben, ein Auto zu besitzen, das ich nicht benutzen kann. Denn wenn ich einen Parkplatz in Wohnungsnähe gefunden habe, würde ich einen Teufel tun, den aufzugeben, nur weil ich lieber mit dem Auto ins Kino fahre. Ich bin nicht nur Parkplatzsuchhasser, sondern auch Schwabe, dem es körperliche Schmerzen bereitet, Geld auszugeben für den Unterhalt eines Autos, das dann nur herumsteht. Ich gehe ja auch nicht ins Restaurant, bestelle etwas zu essen und lasse es dann stehen, weil ich ungern aufs Klo gehe.

... ich es viertens als meine Aufgabe ansehen würde, die Menschheit zu bekehren. Wenn die Leute es für ein Zeichen von Lebensqualität halten, in einer ratenfinanzierten Limousine im Stau zu stehen, soll es mir recht sein. Auf den Radwegen ist es ohnehin schon eng genug.

... ich fünftens jedes Jahr zu einem ausgedehnten Radurlaub aufbrechen würde, der den Rahmen meines Rads um einen Österreich-, Südtirol- oder Schweden-Sticker reicher macht. So weit kommt´s noch. Ich lasse mir doch nicht mein schönes Rad verschandeln.

... ich sechstens gern kampfradeln würde. Es ist ja in Mode gekommen, den Radfahrern zu unterstellen, sie würden nur deshalb Rad fahren, damit sie ungestört durch die Gegend rüpeln können. Wenn man mich schon stigmatisieren will, dann wenigstens richtig. Ich bin eher von der Sorte sympathischer Kleinganove – ein Mann im Tweetsakko und mit Schiebermütze, der erst das Großmütterchen über die grüne Fußgängerampel tapsen lässt, bevor er dann bei Rot über die Ampel fährt. Und außerdem sind Autofahrer ja nicht deshalb die verantwortungsvolleren Verkehrsteilnehmer, weil sie bei Rot anhalten. Sie tun das nur, weil sie vorn und hinten ein Kennzeichen haben. Ihr Verhalten ist also nicht verantwortungsvoll, sondern feige.

... ich mich siebtens auch sonst an keine Verkehrsregel zu halten bräuchte. Gut, es mag vorkommen, dass ich manchmal auf der falschen Radwegseite lande oder eine Einbahnstraße gegen die Fahrrichtung benutze. Das tue ich aber erstens nur mit schlechtem Gewissen und zweitens nur aus guten Gründen. Zum Beispiel, weil ich gerade eine neue Super-Velo-Brothers-Bestzeit aufstellen muss. Dafür muss man dann wirklich nicht gleich einen Strafzettel aus der Tasche ziehen. Ich gewinne immer öfter den Eindruck, dass es uns in dieser Gesellschaft an der nötigen Toleranz mangelt. Fahren und fahren lassen – so steht es schon in der Bibel, sinngemäß.

... ich es achtens schätzen würde, mein Leben aufs Spiel zu setzen. Das habe ich ganz gern und will es noch einige Zeit behalten. Dass ich in den kalten Monatengelegentlich mit nur einer Bremse oder ohne Licht unterwegs bin, liegt nicht daran, dass ich lebensmüde wäre; vielmehr liebe ich mein Leben so sehr, dass ich mich davor fürchte, meinen misanthropischen Fahrradmechaniker zu besuchen. Der ist im Winter noch griesgrämiger als sonst.

... ich neuntens die Straßenverkehrsordnung mit Füßen treten wollte. Ich tue mich nur schwer, mich an Regeln zu halten, die erstens für ein Land von Autofahrern gemacht sind und die zweitens oft genau die Gefahren heraufbeschwören, die sie vermeintlich verhindern. In meinen Augen ist die Straßenverkehrsordnung eine Art Ethikkatalog: Man kann sich daran halten, solange es keine guten Gründe gibt, es nicht zu tun.

... ich zehntens gern nass würde, fröre oder schwitzte. Aber was ist Kälte, Regen oder Achselschweiß gegen das gute Gefühl, das Richtige zu tun?

Gut, dass wir das ein für allemal geklärt haben.

 

 

Copyright: Dominik Baur

Das neue Buch von Kai Schächtele ist bei Random House erschienen. Hier kann man es anschauen und probelesen.


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