Ich oder du, Alfred

Wie mir Verleger Neven DuMont meinen schönsten Rausschmiss bescherte

Von Philipp Maußhardt

Copyright: Hannes Mercker
Illustration: Hannes Mercker

Ein Lieblingsschlager von mir heißt „Marleen“, gesungen von Marianne Rosenberg. Marianne und Marleen lieben denselben Mann und so kommt es zu einer Aussprache, die in den Refrain mündet:

Marleen, eine von uns beiden muss nun geh’n.
Drum bitt’ ich dich zu geh’n, Marleen.


Dass man sich in einer emotional angespannten Situation noch so gepflegt unterhält und einen, wenn auch einseitigen Lösungsvorschlag des Problems vorträgt, gefällt mir sehr. Es erinnert mich an ein Gespräch mit dem Zeitungsverleger Alfred Neven DuMont, in dem es um dieselbe Frage ging: Einer von uns beiden muss nun geh’n. Wobei das natürlich mehr eine rhetorische Frage war, denn er war der Verleger und ich der Lokalchef des Kölner Stadtanzeigers.

Dass ich es war, der zu gehen hatte, verriet mir allein schon die Gesichtsfarbe meines Gegenübers, die während unseres Gesprächs von leichenblass über rosarot ins violette wechselte. Ich hatte als verantwortlicher Redakteur für die Lokalseiten der Zeitung einen Fehler begangen, einen schlimmen Fehler. In den Augen des Verlegers vielleicht sogar den schlimmsten Fehler, den er sich denken konnte. Denn in jenem letzten Gespräch, das mit meinem Rauswurf endete, wiederholte Alfred Neven DuMont mehrmals, „so etwas“ sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert.

Das Corpus Delicti

„So etwas“ konnten die Leser des Kölner Stadtanzeigers an jenem Tag meines Rauswurfs auf der letzten Seite des Lokalteils sehen und lesen. „So etwas“ handelte von einer kleinen Feier in einer Brauereigaststätte. Anlass der Feier war ein Jubiläum: Alfred Neven DuMont hatte im September 1953 die Leitung des Verlages übernommen, nun wollte er, 40 Jahre danach, darauf anstoßen. Die zu diesem Anlass gehaltenen Reden waren unbedeutend, weshalb ich beschloss, die Länge des Artikels eher kürzer zu halten und ihn auf der letzten Lokalseite zu platzieren. Interessanter erschien mir dagegen das Foto jenes Abends. Der Fotograf hatte, anders als bei ähnlichen Veranstaltungen üblich, länger ausgeharrt und gegen Ende des Abends den Verleger noch einmal fotografiert.

Auf diesem Bild hatte der als äußerst eitel bekannte Neven DuMont  nach etlichen „Glas Kölsch“ die Kontrolle über seine Gesichtszüge verloren, in der rechten Hand hielt er eine Zigarre, in der linken ein Kölschglas, dessen Inhalt auszukippen drohte. Die ansonsten wie Beton gegossene Frisur war verrutscht, die Haare hingen ihm in die Stirn. Alfred Neven DuMont lächelte selig und entrückt.

Mit einem Wort: Auf diesem Foto sah die Kölner Menschheit zum ersten Mal, dass hinter dem stets ernst dreinblickenden Firmenpatriarch, dem staatstragenden Präsidenten der Industrie- und Handelskammer, ein Mensch aus Fleisch und Blut steckte; der Gefühle hatte und zeigte – und sei es auch nur die Rührung über sein eigenes Jubiläum.

Trotz Warnungen mehrer Redakteure wählte ich dieses Foto aus. Nicht um ihn dem Spott der Kölner auszusetzen. Sondern um zu zeigen: Ecce homo!

Es war meine letzte Entscheidung beim Kölner Stadtanzeiger.



Mein schönster Rausschmiss: In fünf Millionen hohem Bogen ist er rausgeflogen,der Meistertrainer von Bayern München. Rausschmisse, Mijnheer van Gaal, sind allemaal brutaal. Die MAGDA-Autoren, die in dieser Serie erzählen, wie und warum sie mal rausgeschmissen wurden – sie flogen etwas flachere Bögen als Aloysius Paulus Maria, genannt Louis van Gaal. Aber ihre Geschichten sind heißer. Da geht es, anders als bei dem bisschen Rasenspiel, um Suff und Ruf, um Randale und Skandale, um Renitenz und Existenz. Rausgeschmissen zu werden – ein großartiges Erlebnis, dessen Segen sich selten sogleich offenbart. Es dauert eine Weile, bis die Delinquenten ihn spüren, und noch viel länger, bis sie ihren Rausschmiss schön zu schildern wissen. MAGDA hat geduldig nachgefragt. Und ist gespannt auf Ihren schönsten Rausschmiss.




 
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