In der Monarchie

Reisen in östlicher Richtung, zum Beispiel nach Prag und Jablonec

Von Fritz-Jochen Kopka

Copyright: Fritz-Jochen Kopka
Was hinter Prager Fensterscheiben passiert, wissen wir nicht. (Fotos: Fritz-Jochen Kopka)

Ich sitze im Zug nach Prag. Das ist Tschechien. Kann man auch Böhmen sagen? Ich höre den Sound, wenn Tschechen deutsch sprechen. Da klingt sogar ein Karel Gott melancholisch. Oder Spejbl und Hurvinek, die Marionetten. Das ist, scheint mir, ein böhmischer Klang. Wie mag Franz Kafka sich angehört haben? Und Kisch? Reines hochdeutsch? Oder auch ein wenig böhmisch?

Der Zug ist pünktlich. In der Mitte des Bahnsteigs salutiert wie versprochen mein Freund, der aus Leipzig angereiste Herr Pietsch in karierten Globetrotter-Jackett und rosa Oberhemd. Davon besitzt er zwei. Ich hätte zwölf kaufen sollen, sagt er, sie waren sehr günstig, und schön sind sie auch, bis auf dieses kleine Wappen hier. Was ich im Laufe dieser Tage noch beobachten darf: Herr Pietsch wäscht und fönt sich jeden Morgen die Haare. Den Fön nennt er Luftdusche. Er absolviert allmorgendlich 65 Armbeugen, auch Liegestütze genannt. Meine Güte. Ja. Das ist sein Lieblingsspruch. Der ist mal positiv, mal negativ zu verstehen. Zwölf rosa Oberhemden. Meine Güte.

Wann warst du zuletzt in Prag? Weiß ich nicht mehr. Jedenfalls noch in den Zeiten der Stagnation als Mitglied einer kleinen Delegation des Komitees für Unterhaltungskunst. Meine Güte. Der Prager Hauptbahnhof ist gründlich rekonstruiert. Hat den Glanz und den Duft der westlichen Welt kopiert. Farbige Plastik, Rolltreppen, Ladenzeilen, Bistros, Boutiquen. Ich muss Tschechenkronen ziehen. Den Euro hat Tschechien noch nicht. Herr Pietsch fragt, ob ich die amerikanische oder die österreichische Bank unterstützen wolle. Natürlich die kleinere.

Auf das erste Mittagessen in Prag habe ich mich gefreut, wenn ich auch kein Knödelfreund bin. Aber zunächst sehe ich, dass die Prager Hunde noch kranker sein müssen als die in Berlin, die Haufen sind noch zahlreicher und sehen noch ekliger aus.

Herr Pietsch schaut nach oben. Verweist auf das habsburgische Gelb der Fassaden, auf rekonstruierte Gebäude hin, auf Eisenbahnbrücken, auf westliche Handelsketten, die sich etablieren. Bautätigkeit erfreut ihn, lässt ihn aber auch Abflachungen befürchten.

Wir landen im Pivovarsky Klub, der einige hundert Biersorten im Angebot hat, darunter so ausgefallene wie das Bamberger Schlenkerla. Der Laden ist voller Tschechen, die das Biertrinken wie eine angenehme Pflicht ausüben („Wir haben hier einen Ruf zu verteidigen, mein Herr!”), aber im kühlen Kellergewölbe finden wir Platz. Ich werde inne, dass Herr Pietsch, der große Freund Böhmens, noch nicht dazu gekommen ist, tschechisch zu lernen, er nimmt es sich für die jeweils nähere Zukunft vor, die er, weil sie vor ihm herläuft, nie erreicht, jetzt bestellt er etwas, das sich als Kassler herausstellt; ist ihm fast ein bisschen zu gewöhnlich für die fremde Stadt, aber er freut sich beim Hauptgang immer schon auf die abschließenden Mehlspeisen. Ich bin mit Gulasch, Knödeln  und frischem Bier gut bedient. Was bleibt uns übrig, als glücklich zu sein in der Stadt Kafkas und Kischs, deren Bürgersteige mit hellgrauen und schwarzen Mosaiksteinen in akkuraten Mustern gepflastert sind. Eine Heidenarbeit muss das gewesen sein, aber Zeit hat man in Prag, und die Löhne der Steinsetzer sind niedrig genug. Tief unter dem Pflaster liegen die U-Bahnstationen vergraben, die Rolltreppen fahren fast so weit hinunter wie in Moskau, das gibt der Stadt eine Geheimnishaftigkeit, die man in Berlin vermisst, wo alles dicht unter dem Pflaster ist.

Alle Hände voll zu tun oder auch sich auszuruhn

So kommen wir in die Mitte der Stadt. Gehen durch die Lucerna-Passage. „Mella Mars in der ›Lucerna‹”, schreibt Kafka am 20. Februar 1911 ins Tagebuch, „eine witzige Tragödin … Beim Auftreten hat sie ein müdes, allerdings auch flaches leeres altes Gesicht, wie dies für alle bewussten Schauspieler ein natürlicher Anlauf ist. Sie spricht sehr scharf, auch ihre Bewegungen sind so, von dem durchgebogenen Daumen angefangen, der statt der Knochen harte Sehnen zu haben scheint. Besondere Wandlungsfähigkeit ihrer Nase durch die wechselnden Lichter und Vertiefungen der ringsherum spielenden Muskeln. Trotz der ewigen Blitze ihrer Bewegungen und Worte pointiert sie zart.” Kafka sah viel, beobachtete genau und beschrieb gnadenlos. Zu seiner Zeit hatte Prag einen Umbruch hinter sich gebracht. Aus einer deutschen war eine tschechische Stadt geworden. Der Grund war die enorme tschechische Zuwanderung. Bei 600 000 Einwohnern gab es noch eine Minderheit von 32 000 Deutschsprechenden, die überwiegend im Zentrum wohnten und der Oberschicht angehörten. Eine Insellage.

Wir verbringen den Rest des Tages im Restaurant „Monarchie”, bewundern die Porträts der Kaiser Franz Joseph und Karl sowie die großen, exakt gehängten Tafeln mit den Wappen der Kronländer. Der Kellner ist höflich und distanziert. Herr Pietsch fühlt sich so animiert, dass er erwägt, das achtgängige Menü zu bestellen, bescheidet sich dann aber mit Gnocchi und heißem Käse, gerösteten Entenscheiben und Salat und zum Abschluss einer Mehlspeise mit Pflaumenmus. Dazu eine Flasche Rulandske bile, mährischer Weißburgunder. Nur die Musik passt nicht, Boney M. und die Bee Gees in Endlosschleifen. Haydns Streichquartette wären nicht schlecht gewesen.

Viel Betrieb auf dem nächtlichen Wenzelsplatz. Kosmopolitisches Stimmengewirr. Bunt geschmückte junge Sintifrauen mit frivolen Blicken. Verlegene Damen, die die Passanten in Erotikshows locken wollen. Ein junger Mann, der Schimpftiraden ausstößt, schweigt, Schimpftiraden ausstößt, schweigt. Er bleibt an der Tramhaltestelle stehen, wechselt auf die andere Seite, fährt mit der Bahn den Weg, den er kam, zurück. Wahrscheinlich auch so eine tickende Zeitbombe, wie sie heutzutage durch die Straßen der Großstädte rollen. Herrn Pietsch fällt ein filigraner junger Mann mit blauschwarzen Haaren auf, der die drohende Platte durch einen kunstvollen Frisurvorhang kaschiert, jedes Haar scheint einzeln in die Hand genommen worden zu sein. Er kommuniziert mit einem fülligen Mädchen, könnte sein in Französisch. Tänzer oder Choreograph. Sie steigt eine Haltestelle vor ihm aus. Kein Bedauern von irgendeiner Seite.

Unser Hotel heißt wie der Stadtteil Karlin (Karolinenthal). Herr Pietsch ist angetan: ein solides Haus für wenig Geld (1050 Kronen). Doppelzimmer mit Dusche und WC extra.

Am Morgen ist das orientalisierende Hotelrestaurant noch leer. Wir haben vergessen, dass in der Nacht die Zeit umgestellt wurde. Pietsch wünscht keinen Kaffee aus Thermoskannen, er bittet um einen ordentlichen italienischen Capuccino, aber der missvergnügte Kellner möchte zwecks Faulheit die Espressomaschine nicht extra anwerfen. Am Nebentisch fotografiert sich ein verliebtes Paar. Es ist ja egal, aber wie kommt mancher Mann zu mancher Frau…

Wir nehmen unser leichtes Gepäck und verlassen das Karlin. Nieselregen in Prag. Missmutige Touristengruppen auf dem weltläufigen Busbahnhof. Auf dem Titelblatt von Pietschs Sportzeitung ist groß Petra Kvitova abgebildet, dem Böhmenfreund Pietsch kein Begriff. Mann, das ist im Moment die beste Tennisspielerin der Welt! Juckt ihn nicht. Er interessiert sich für Fußball, die Geschichte der böhmischen Eisenbahn, Bücher, preußische Haltung, nun gut, für Frauen auch. Tennis nein. Auch die einfältig-fröhlichen böhmisch oder richtiger mährisch unterlegten Schlager von Lutz Jahoda, die ich ihm mit zugehaltener Nase und offener Ironie vorsinge, kennt er nicht („Um halbe acht am Samstag spielt der Novacek zum Tanz, ich sag dir, der kann’s…”).

Der Masaryk-Bahnhof wird rekonstruiert, ohne dass man schon wüsste, was aus ihm werden soll, ein pathetisches Arbeiterdenkmal wirkt wie übrig geblieben aus Zeiten, die eben nicht so einfach vergehen. Im Hauptbahnhof trinken wir Espresso. Herr Pietsch labt sich an einer Süßspeise und am Sarkasmus des Bistrochefs, der fast schon Wiener Niveau hat. Für den Weg nach Jablonec hat er zwei Routen ausgedruckt, die kürzeste Verbindung und die romantische Strecke, fünf Mal umsteigen, wobei man wunderbare alte Bahnhöfe besichtigen könne, nichts da, sage ich, wir nehmen den direkten Weg, der dauert auch schon fünf Stunden. Pietsch scheint enttäuscht, aber auch erleichtert zu sein.

Romantik a la Jablonec

Ein sauberer Zug mit gemütlichen Passagieren. Draußen vereinsamte Bahnhöfe, autistische Gehöfte, anachronistische Wälder. Die Zeit vergeht mit dem Handbuch des Kröner Verlags über Historische Stätten in Böhmen und Mähren, an dem mich nur die zahlreichen Abkürzungen und das Übergewicht der kirchengeschichtlichen Seite stören. Wenn ein Gleis kreuzt, lebt Pietsch auf und ruft: Das ist die Strecke nach Wien!

Ab Tanwald fahren wir mit dem Schienenersatzbus nach Smrzovka. Oder deutsch Morchenstern. Wo die Neiße entspringt, erläutert Pietsch, zwischen Tanvald und Morchenstern also auch die Wasserscheide Ost- und Nordsee. Er deutet auf schöne Häuser und stillgelegte Betriebe, all dies läst ihn grübeln wie einen Landesvater, der zwischen Wohlgefallen und Sorge schwankt.

Die Bahn ab Smrzovka ist schon ein richtiger Provinz- und Urlauberzug mit familiärer Atmosphäre. In Jablonec nad Nisou (Gablonz an der Neiße) hält er an mehreren Stationen, die unsere ist der Hauptbahnhof. Wir stapfen den Berg hinauf zum Hotel. Die Straße ist wegen Bauarbeiten aufgerissen und kaum gesichert. Wir wohnen zünftig im Hotel Sport, können einen Blick ins Stadion werfen. Die Zimmer sind ordentlich, haben Dusche und TV-Gerät, kein Telefon, das ist klar. Nach kurzer Frist treibt uns der Hunger durch den dunklen Wald noch weiter bergan zur Nickelkoppe, das wunderbare Haus „Petrin” mit schönem Restaurant, deutsch sprechendem, gleichwohl strengen Kellner. Bedauerlich, dass wir die einzigen Gäste sind. Wir tun, was wir können, essen und trinken reichlich. Landesvater Pietsch macht sich weiter Sorgen um sein Böhmen. Ein Urlauberparadies ist Jablonec wohl nicht, und die berühmte Schmuck- und Glasindustrie scheint nur noch ein Schatten vergangener Zeiten.

Das Verhängnisvolle am Hotel Sport ist seine Frühstückslosigkeit. Das Hotel besteht aus zwei etwa gleich großen Gebäuden. Ich blicke auf die Balkons des anderen Hauses. Eine Dame mittleren Alters tritt hinaus und zieht eine Lulle durch. Was ich abstoßend finde. Auf einigen Balkons sind Lebensmittel abgestellt, Milchflaschen, Säfte, Butter, Käse und Wurst vermutlich. Wenig später treten zwei Mädchen in Trainingsanzügen auf den Balkon und saugen ebenfalls an ihren Lullen. Das ist diesen jungen Sportsfreundinnen sicher untersagt, sie tun hier nun das Verbotene, und ich sehe ihnen dabei zu. Vermutlich ist Rauchen logistisch einfacher, als ein Frühstück zu organisieren. Die Frau ist bereits bei ihrer zweiten Lulle angelangt.

Wir müssen hinunter in die Stadt. Herr Pietsch hat keinen belastbaren Plan, wie man hier zu einem anständigen Frühstück kommen könnte, so gut kennt er Gablonz anscheinend nicht. Das Wetter ist golden. Schöner Herbst plötzlich. Wir sehen verwahrloste Häuser, aufgegebene Häuser, einen traurigen Vorgarten. Pietsch meint, die Tschechen glaubten noch nicht daran, dass das ihres sei. Aber ist es nicht eher so, dass man die Verwahrlosung nicht mehr sieht, wenn man ein Teil von ihr ist und mit ihr lebt?

Herrn Pietsch fällt ein, dass die Böhmen nicht das besitzen könnten, was wir Frühstückskultur nennen. Wer weiß, ob wir offene Cafés finden, Kaffee, Brötchen und Eier. Dann öffnet sich eine Tür, dahinter ist es düster und total verraucht. Wortlos wenden wir uns ab. In einem hellen Café am Markt ist ebenfalls dicke Luft. Was für einen Fortschritt stellt doch das Rauchverbot in Deutschland dar, für wie selbstverständlich hält man doch bereits die bessere Luft in den Kneipen. Das nächste Restaurant heißt Adam, da gibt es wenigstens eine Unterteilung in Raucher- und Nichtraucherräumlichkeiten. Im Raucherraum starten abgeschlagene Typen mit einem großen Bier in den Tag. Um wieder Fuß zu fassen im Leben. Herr Pietsch erklärt, dass er nie eine Zigarette angefasst hat. In seiner Familie ist die Geschichte eines Großvaters überliefert, der nach dem Krieg die Lebensmittelkarten gegen Zigaretten eintauschte und damit die Ernährung (und auch das Leben) der ganzen Familie gefährdete.

Friede den Lauben, Friede den Palästen

Wir holen unser Zeug vorn am Büffet. Auch diese Frau spricht nicht Deutsch, aber wir bekommen Kaffee, Pietsch Kuchen und ich zwei übriggebliebene kleine Brote, Weißbrot, wie sich herausstellt, mit Kochschinken, aber unterm Kochschinken liegt Fleischsalat, meine Güte! Nach der Kür die Pflicht. Herr Pietsch will mir sein Gablonz zeigen. Aber was ist das, sein Gablonz? Die Talsperre zum Beispiel. Ich interessiere mich mehr für das Urbane, die Straßen, die Häuser, die Leute, die Läden, die Kneipen, keine Talsperre bitte.

Herr Pietsch steckt das weg. Zeigt mir die Stadt. Die Villen der Schmuck- und Glasfabrikanten. Sie sind nicht mehr da. Schmuck und Glas, wie leicht bricht daaas… Hier lebten bis zum zweiten Weltkrieg eben vorwiegend Deutsche. 30 000 Deutschen, 3000 Tschechen. Dieses Verhältnis etwa. Jetzt sind viele der Villen verlassen oder am Verfallen. Als Investor könnte man verzweifeln. Jablonec, lese ich, hat 45 000 Einwohner. Daran ist zu zweifeln, wenn man die leeren Häuser sieht. Herr Pietsch zeigt mir stolz das prächtige Theater, rekonstruiert, aber irgendwie stumm, nein, es gibt Gastspiele, und es scheint auch ein Ensemble zu existieren, sie spielen eine Woody-Allen-Bearbeitung. Wir entdecken einen Laden, der Techtle Mechtle heißt, das wird ja aber wohl kein Puff sein. Und dann: ein Antiquariat! Das erste Antiquariat, das ich in Gablonz sehe!, sagt Pietsch begeistert. Mehrere alte Baedecker. Spottpreise, findet Pietsch, die kosten bei uns das Zehnfache. Es ist eine schmale Straße, gegenüber werden Abwässer abgepumpt, Lärm und Gestank. Wir betreten den Laden. Ein schmales Handtuch. Vorn rechts sitzt schwer oder leicht beschäftigt der Antiquar, ein grauer Mann, leicht wie eine Feder, der uns, das ist sein Job, kaum zur Kenntnis nimmt. Herr Pietsch entdeckt mit geübtem Blick vier oder fünf Erstausgaben von Ilja Ehrenburg aus dem Malik Verlag, natürlich spottbillig, für unsere Verhältnisse. Kisch, Aus Prager Gassen und Nächten, und Capek, alles Erstausgaben. Ich sehe die von Walter Trier illustrierte Williams & Co. Ausgabe von Mark Twains Tom Sawyer und Huck Finn, sehe auch alte Plakatstreifen, meistens Hollywood- und Ufa-Filme, Anni Ondra, Max Schmelings Frau, ist hier noch Anni Ondrackova. Wir gehen wieder. Der Antiquar zuckt kaum mit der Wimper. Mittag essen in der Stara Posta, der Alte Post. Ein preiswertes Restaurant, in dem nicht geraucht wird, solide eingerichtet und  gut besucht. Das teuerste Gericht, Fleisch vom Grill mit Pommes 80 Kronen, also drei Euro. Der Kellner spricht deutsch und übersetzt uns die Karte. Er hat ein Schwejk-Gesicht. Wir finden dieses Lokal einfach klasse, das haarscharf kalkuliert und daher viele Gäste hat nach dem Motto Kleinvieh macht auch Mist.

Es geht auch anders, aber so geht es auch

Mir geht durch den Kopf, dass ich zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren wieder in die östliche Richtung gereist bin und dabei die gute Seite der Vergangenheit treffe. Niedrige Preise, verlangsamte Zeit, als wäre das ein ursächlicher Zusammenhang. Und das Bier macht die Zeit noch langsamer. Pietsch braucht es, um die Bettschwere für einen anständigen Mittagsschlaf zu bekommen. Hinauf auf den Berg. Auch auf dieses Pflaster hat Kafka seinen Fuß gesetzt. Die Gablonzer Unternehmer verlangten einen Vertreter der Prager Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt  zu sprechen. Der Konzipist Dr. Kafka reiste an, hielt einen Vortrag und begegnete in der Debatte dem Unwillen der böhmischen Kapitalisten, denen der Unfallschutz in ihrem redlichen Profitstreben nur hinderlich war.

Am Empfang des Hotels hat Frau Munzikova das Zepter übernommen, eine junge, charmante, korrekt-distanzierte Schönheit, ist die hier, fragt man sich, nicht unterfordert?

Nach der Mittagsruhe stellt sich heraus: Herrn Pietsch ließ das Antiquariat keine Ruhe, er erhob sich schnell und eilte hinunter in die Innenstadt, und das sind die Bücher, die er kaufte:

Ehrenburg, ›Ohne Atempause› in dieser sehr besonderen dt. EA von 1936 bei MALIK in London erschienen, gedruckt in Oslo... Ziemlich selten und daher teuer. In Gablonz 11 €, im ZVAB ab 50. Der Baedeker war ›Wien und Niederdonau‹, einzige Auflage 1943. etwas angegammelt, aber komplett für 18€. ZVAB von 33 – 190. Und dann noch den Capek, ›Die erste Kolonne‹, auch eine schöne Ausgabe von 1938 bei Julius Kittl Nachfolger in Mährisch-Ostrau, dt. EA zu 3 €. Im web ab 18 – 45. (Da würde ich gern noch mal mit hübschem Budget durchgehen, äußert Pietsch sich später, na ja, der Tag wird kommen, wenn auch nicht so bald...)

Und? Wie weit konntest du den Antiquar herunterhandeln? Herr Pietsch weist das von sich. Der alte Mann sei das typische Opfer der Niederschlagung des Prager Frühlings, sicher entlassen worden, in die Provinz verdrängt und gezwungen gewesen, ein mühseliges Leben zu fristen. So einem gibt man, was er verlangt.

Am Morgen drängt die Zeit. Wir eilen zum Bahnhof, lösen die Tickets, ich nehme einen Kaffee aus dem Automaten, kommt für den Feinschmecker Pietsch nicht in Frage. In Liberec kaufen wir belegte Brötchen und abermals Kaffee, steigen in den Zug nach Dresden, frühstücken und blicken auf drei merkwürdige Tage zurück. Ich dachte eigentlich, sage ich, dass Gustav Husak tot ist, aber schau mal, da sitzt er… Herr Pietsch staunt. Es ist ein böhmischer Rentner, der genauso aussieht wie Husak vor vierzig Jahren. Diese Physiognomien sind hier nicht selten, aber nun sind wir wieder in Deutschland. Das heißt: erstmal in Sachsen.


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