„Ja, mei!“

Pumuckl-Schöpferin Ellis Kaut im Interview

Von Dominik Baur

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Autorin Ellis Kaut: „Schreiben ist eine Qual“ (Foto: Dominik Baur)

„Der Pumuckl war das Intensivste“, sagt Ellis Kaut. Und doch, so scheint es, hat niemand mehr unter dem kleinen Kobold gelitten als sie. Im MAGDA-Interview spricht die Grande Dame der Klabautermänner über das Schreiben, das Glück und warum beide nichts miteinander zu tun haben.

München-Obermenzing, ein schlichter Wohnblock. Im zweiten Stock wohnt Ellis Kaut. Die Wände der Wohnung hängen voll mit Bildern – viele selbst gemalt, andere photographiert. Die Dunkelkammer gibt es noch, sie ist aber nicht mehr im Einsatz, seit die Schriftstellerin auf digitale Photographie umgestiegen ist. Auf dem Sideboard im Wohnzimmer stehen kleine Skulpturen – auch sie Werke der Autorin. Zwei Stunden hat Kaut Zeit fürs Gespräch. Dann muss sie los. Die 89-Jährige hat noch immer einen dichten Terminplan.

MAGDA: Der Meister Eder hat den Pumuckl manchmal zum Teufel gewünscht – oder zumindest raus aufs Meer zu den anderen Klabautermännern. Ging Ihnen das auch so?

Kaut: Es ist wie bei echten Kindern: Man könnte sie manchmal zum Teufel jagen, aber man liebt sie doch. Mehr als der Pumuckl selbst waren es aber die Manuskripte – die sind mir schon das eine oder andere Mal auf die Nerven gegangen.

MAGDA: Man hört, Sie schreiben nicht gern.

Kaut: Das stimmt. Schreiben ist sehr anstrengend. Man sitzt die ganze Zeit am Schreibtisch, und am Ende hat man nichts als ein Blatt Papier.

MAGDA: Wie gehen Sie damit um?

Kaut: Zu der Zeit, als  ich den Pumuckl geschrieben habe, hatte ich einen großen Garten, und da hat es mich dann um zwei Uhr, nachdem ich drei bis vier Stunden geschrieben hatte, hinausgetrieben. Ich habe mit allen zehn Fingern in der Erde gewühlt, um mich wieder zu befreien und zu vergessen. Nach dem Schreiben war ich immer todmüde.

MAGDA: Woran lag das?

Kaut: Ich kann es gar nicht so genau sagen. Das Schreiben ist so eine intensive Arbeit, man muss sich vollkommen konzentrieren. Ich konnte es beim Schreiben nicht einmal ertragen, wenn mein Mann durchs Zimmer gegangen ist.


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Die Autorin: Dass sie in Stuttgart geboren wurde, ist ein Teil ihrer Biografie über den sich Ellis Kaut nicht so gern auslässt. Schließlich passt es nicht so recht zu dem Bild des echten Münchner Kindls, dessen Titel sie 1938 auch offiziell tragen durfte. Kauts Vater, ein gebürtiger Münchner, war Prokurist einer Bank, ihre Mutter eine schwäbische Bauerntochter. „Meine Kindheit“, so Kaut, „war so normal, wie nur eine Kindheit sein kann.“ Nach der Schule absolvierte sie ein zweijähriges Schauspielstudium, arbeitete aber nur kurz in dem Beruf. Während des Zweiten Weltkriegs studierte sie Bildhauerei an der Münchner Kunstakademie.
Bei Kriegsanfang heiratete Kaut den Journalisten Kurt Preis. Nicht zuletzt angeregt durch ihn, begann sie das Schreiben. Nachdem sie bereits als Sprecherin für verschiedene Sendungen des Bayerischen Rundfunks tätig war, schrieb sie seit den Fünfzigern auch Hörspiele. So schuf Kaut außer dem „Pumuckl“ auch den „Kater Musch“ oder den „Schlupp vom grünen Stern“, der später von der Augsburger Puppenkiste adaptiert wurde. Ellis Kaut hat eine Tochter, Ursula Bagnall. Vor wenigen Monaten hat Kaut ihre Autobiografie „Nur ich sag ich zu mir. Mein Leben mit und ohne Pumuckl“ veröffentlicht.

MAGDA: Immerhin hatten Sie hinterher eine Geschichte in der Hand, auf die Sie stolz sein konnten.

Kaut: Stolz war ich nie. Für mich war das zunächst einmal nur ein Stück Papier, das mich viel Mühe gekostet hat.

MAGDA: Nur ein Papier? Da stand eine Geschichte drauf, mit der Sie Menschen glücklich gemacht haben.

Kaut: So konnte ich das nie sehen. Ich hatte immer eine gewisse Distanz zum Manuskript.

MAGDA: Hat sich das später geändert, als Sie die Geschichten dann als Buch, Hörspiel oder Fernsehsendung vor sich hatten?

Kaut: Auch da hab’ ich gefremdelt. Ich weiß noch, wie sich mein Mann für mich gefreut hat, wenn die Belegexemplare vom Verlag kamen. Ich dagegen habe das Buch in die Hand genommen, es durchgeblättert, von vorn nach hinten, von hinten nach vorn, und dann habe ich’s irgendwo aufs Regal gestellt.

MAGDA: Sie sind gelernte Bildhauerin, malen, fotografieren. Fremdeln Sie auch bei Ihren anderen künstlerischen Arbeiten?

Kaut: Nein, das ist etwas ganz anderes. Das klingt jetzt furchtbar eitel, aber ich mag nur dann etwas machen, wenn ich es hinterher aufhängen kann. Hier in meiner Wohnung hängen überall Bilder von mir. Wenn ich an denen vorbeigehe, schlägt das Herz etwas höher. Da bin ich stolz drauf. Das ist das Freiwillige, der Pumuckl ist Pflicht.


Copyright: Dominik Baur Ellis Kaut über ...

... Selbstbetrug zu Zeiten des Krieges:

... den Erfolg des Pumuckl:

MAGDA: Das hört sich tatsächlich wie eine Qual an.

Kaut: Schreiben ist weitgehend eine Qual. Manchmal habe ich es richtig verdrängt. Sobald ich beispielsweise ein Manuskript abgeliefert hatte, wusste ich nicht mehr, was ich geschrieben hatte.

MAGDA: Warum haben Sie’s dann gemacht?

Kaut: Das Schreiben ist ein Zwang. Wie ein Kerker ist das. Ich spürte eine große Verantwortung – wie wenn man ein Kind annimmt und es großzieht. Beim Malen habe ich ein Papier, das ich zerreißen kann, wenn es nix geworden ist. Wenn ich dagegen das Gefühl gehabt hätte, ein schlechtes Manuskript abgegeben zu haben, wären mir Zweifel an mir selbst gekommen.

MAGDA: Und beim Malen ist das anders?

Kaut: Da ist es mehr ein Spiel. Und es ist komisch: Die gemalten Bilder beeindrucken mich selber, während mich das beschriebene Blatt Papier nie beeindruckt.

MAGDA: Das erste Mal haben Sie ja geschrieben, um jemand anderen zu beeindrucken.

Kaut: Ja, meinen Mann - mit einem Artikel in den „Münchner Neuesten Nachrichten“. Und es hat funktioniert. Wir waren dann über 50 Jahre lang glücklich verheiratet.


... Pumuckl ohne Hans Clarin:

... die Post-Pumuckl-Generation:

... Pumuckl als Verantwortung:
Bild: BR/Infafilm/Original-Entwurf 'Pumuckl'-Figur: Barbara von Johnson

MAGDA: Was ist Schreiben für Sie? Ihr Freund und Kollege Max Kruse, der Schöpfer des „Urmels aus dem Eis“, hat Schreiben als gefrorenes Denken bezeichnet.

Kaut: Das ist gut. Ich würde vielleicht nicht gerade „gefrorenes Denken“ sagen, sondern „festgehaltenes“. Aber ich weiß, was er meint, und er hat Recht.

MAGDA: Und dieses Festhalten ist das Anstrengende? Weil einem das Denken immer wegrennt?

Kaut: Ja, ja! Ein Blatt Papier dagegen, das ich bemale, läuft mir nicht unter den Händen davon. Aber die Sätze oder eine Figur, die müssen stimmen.

MAGDA: Sich überhaupt etwas einfallen zu lassen – ist das auch anstrengend?

Kaut: Etwas in Worte zu bringen ist schwieriger. Eingefallen ist mir immer was.

MAGDA: Sie haben mal gesagt, Sie haben den Pumuckl so deutlich vor Augen, dass Sie eigentlich nur mitschreiben müssen.

Copyright: BR/Infafilm/Original-Entwurf "Pumuckl"-Figur: Barbara von Johnson
Gustl Bayrhammer als Schreinermeister mit seinem Kobold: "Der beste Eder, den man sich denken kann" (Bild: BR/Infafilm/Original-Entwurf "Pumuckl"-Figur: Barbara von Johnson)

Kaut: Das stimmt schon. Das Wesentliche an der Pumuckelei sind die Dialoge. Ich habe den Eder und den Pumuckl durch ihre Dialoge, durch ihre Reaktionen geschildert.

MAGDA: Wenn das Schreiben Sie nicht glücklich macht, was dann?

Kaut: Zum Beispiel das Modellieren. Das Lebendigwerden von einem einfachen Stück Ton, das ist was Phantastisches.

MAGDA: Und was macht Sie im Leben glücklich?

Kaut: Ja, mei. Es steckt ja schon im Wort drin: Wenn etwas glückt, das macht glücklich.

MAGDA: Würden Sie sagen, Sie hatten ein glückliches Leben?

Kaut: Ja. Aber es ist nicht so, dass alles einfach glatt verlaufen wäre. Von wegen, hurra, der Pumuckl ist da und mit ihm das große Geld - nichts dergleichen.

MAGDA: Ihre Teenager-Jahre fallen genau in die Zeit des Dritten Reichs. War es damals möglich, glücklich zu sein?

Kaut: Ja natürlich. Es kam nur aus einer anderen Ecke, das Glück. Ich habe in dieser Zeit meinen Mann kennengelernt. Ich war 17 Jahre alt, und da macht einen das Leben glücklich. Man liebt einen Mann, und wenn der da ist, ist die Welt in Ordnung. Das Böse in der Welt existiert nicht.

MAGDA: Ein, zwei Jahre nachdem sie Ihren Mann kennengelernt haben, musste er allerdings schon in den Krieg, da konnten sie das Böse nicht mehr ausblenden.

Kaut: Dann wurde die Angst ja auch immer größer. Die Angst vor Bomben. Die Angst, dass der geliebte Mann nicht wiederkommt. Feldpostbriefe waren ja nie ein Beweis, dass er noch lebte. Die waren ja oft eine Woche unterwegs.

MAGDA: Aber er kam wieder.

Kaut: Ja, hatten wir nicht ein irrsinniges Glück? Die meisten seiner Kameraden in der Bayerischen 7. Division fielen in Russland. Aber er überlebte und geriet in Kriegsgefangenschaft. Selbst unser Haus hat den Krieg überstanden. Ganz Schwabing war kaputt, zwischen lauter Ruinen standen nur noch zwei Häuser: Eines davon war das, in dem wir wohnten.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, was der Pumuckl mit Frontbriefen zu tun hat, warum das Bayerische wichtig für den Erfolg des Kobolds war und warum Ellis Kaut keine Kinderbücher liest!


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