„Ja, mei!“

Pumuckl-Schöpferin Ellis Kaut im Interview (Teil 2)

Von Dominik Baur

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Copyright: BR/Infafilm/Original-Entwurf "Pumuckl"-Figur: Barbara von Johnson
Unschuldig wie immer: Pumuckl (Bild: BR/Infafilm/Original-Entwurf "Pumuckl"-Figur: Barbara von Johnson)

MAGDA: Und die Übung der Frontbriefe hat sich später beim Pumuckl ausgezahlt...

Kaut: Was in beiden Fällen geholfen hat, war die Fähigkeit, das Heitere an der Sache zu sehen. Wenn ich meinem Mann schrieb, stellte ich mir gern vor, da wird er jetzt lachen.

MAGDA: Ging Ihnen das beim Pumuckl auch so – dass Sie den Leser oder den Hörer vor Augen hatten und dachten, da wird er jetzt lachen?

Kaut: Nein und ja. Ich habe es einfach genossen, fröhlich zu sein. Wenn mir etwas geglückt schien, habe ich manchmal am Schreibtisch gesessen und leise vor mich hingelacht.

MAGDA: Schon als Kind hatten Sie den Wunsch, berühmt zu werden. Wäre Ihnen lieber, Sie hätten Ihre Bekanntheit der Bildhauerei oder der Fotografie zu verdanken und nicht so einem kleinen rothaarigen Fratz?

Kaut: Nein, der Pumuckl war schon das Intensivste. Da steckt viel von mir drin - viel mehr als etwa in der Bildhauerei.


©2010 Buchagentur. 'Pumuckl'-Geschichten von Ellis Kaut. www.pumuckl.de. Lizenz durch MM MerchandisingMedia GmbH. www.merchandisingmedia.com. Pumuckl Figur: Brian Bagnall, Barbara von Johnson (Originalentwurf), MM MerchandisingMedia GmbH
Der Kobold: Fragt man Ellis Kaut, welche Frage sie nicht mehr hören kann, muss sie nicht lange überlegen: „Wie ist ihnen denn der Pumuckl eingefallen?“ Unzählige Male hat sie bereits die Geschichte erzählt, wie sie ihren Mann bei einem Skiurlaub getratzt und ihm Schnee in den Kragen rieseln lassen hat; daraufhin habe der zu ihr gesagt: „Du bist ein richtiger Pumuckl.“ In Wirklichkeit aber natürlich lässt man sich einen Pumuckl nicht einfallen. Der Nachfahre der Klabautermänner schätzt es überhaupt nicht, als Hirngespinst abgetan zu werden. Wer es dennoch tut, muss sich auf allerhand Schabernack gefasst machen. Sichtbar ist der kleine rothaarige Kobald einzig und allein für den Meister Eder, weil er einmal an dessen Leimtopf kleben geblieben ist. Nun muss er für immer bei ihm bleiben. Koboldsgesetz!
Der „Pumuckl“ ist ein Kind des Hörfunks. Als Hörspiel im Bayerischen Rundfunk startete er 1961 seine Karriere. Hans Clarin lieh dem Kobold von Anfang an seine unverwechselbare Stimme. Die Rolle des Meister Eders wurde zunächst mit Franz Fröhlich, später dann mit Alfred Pongratz und Gustl Bayrhammer besetzt. Letzterer mimte den Schreinermeister auch in den 52 Folgen der Fernsehserie (Regie: Ulrich König), die von 1982 bis 1989 in einem Hinterhof im Münchner Lehel abgedreht wurden. Mit enormem Aufwand wurde dabei der Pumuckl als Zeichentrickfigur in reale Filmszenen eingebaut.
In den letzten Jahren stand der Pumuckl auch im Mittelpunkt eines unschönen Rechtsstreits zwischen Ellis Kaut und Barbara von Johnson, die den Kobold als erste im Auftrag der Autorin gezeichnet hat. In der Fernsehserie wurde eine von Kauts Schwiegersohn Brian Bagnall gestaltete Figur verwendet. Johnson wurde gerichtlich ein Urheberrecht an der Figur des Pumuckls auch in seiner späteren Erscheinung zugesprochen.

MAGDA: Der Pumuckl hatte seine größten Erfolge in Bayern. Welche Bedeutung hat das Bayerische für die Geschichten?

Kaut: Eine große. Wir Bayern haben eine besondere Art Herz. Natürlich haben die anderen auch eines, aber das ist nicht dasselbe. Und der Dialekt ist ganz wichtig. Ein gutes Beispiel ist unser „Ja, mei.“. Da liegt eine ganze Welt in zwei Lauten. Damit kann man alles sagen. Zum Beispiel: „Ja mei, so is’ halt.“ Und wenn der Meister Eder sagt: „Mei, schee is!“ Das ist mehr, als wenn ich eine Seite lang erkläre, was schön ist.

MAGDA: Das heißt, der Pumuckl funktioniert nur in diesem einen Dialekt?

Kaut: Nein, aber er funktioniert nicht im Hochdeutschen. Es gab ja auch mal einen Kölner Pumuckl, den Fizzibitz. Die Kölner hatten dagegen protestiert, dass beim WDR Bayerisch gesprochen wird. Also musste ich die ganzen Dialoge in Hochdeutsch schreiben – das war schrecklich. Das klingt so gestelzt. So unecht. Aber dann hatten die beim WDR einen Meister Eder, der das Ganze auf Kölsch gesprochen hat. Und mit dem Dialekt wurde die Geschichte wieder lebendig.

MAGDA: Der Pumuckl selbst ist ja nur ein Wahlmünchner. Die Klaubautermänner leben schließlich auf dem Meer und nicht auf dem Kleinhesseloher See. Zumindest in der Fernsehserie hat er sogar etwas Preißisches an sich, wenn er den Meister Eder mit seinem „Tschüüüüüüß“  ärgert.

Kaut: Über das Tschüß haben sich viele aufgeregt. Aber das war die Idee des Regisseurs. Bei mir hat der Pumuckl nie Tschüß gesagt.

MAGDA: Sein Blick auf die Welt hat immerhin etwas Münchnerisches, er hat was von Karl Valentin – wenn auch die lebensbejahende Variante.

Kaut: Ja. Das ist diese kindliche Freude an Sprachspielereien. Ich bin oft an einem kleinen Gedicht vom Pumuckl länger gesessen als an einer ganzen Szene. Dieses Konstruieren aus Nicht-ganz-stimmen und Doch-stimmen oder Verdreht-stimmen, das ist eine ganz besondere Art, die Sprache zu betrachten.


Kunst ohne Pumuckl: Ellis Kaut schreibt nicht nur, sie malt, photographiert und modelliert (Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin; Repros: Dominik Baur)


MAGDA: Waren Sie auch in die Hörspiel- und Fernsehproduktionen mit einbezogen?

Kaut: Nur bei großen Fragen. Sonst habe ich mich da fast nie eingemischt. Dass der Hans Clarin den Pumuckl sprechen soll, da waren wir uns einig. Auch dass die Fernsehserie eine Kombination aus Zeichentrick und richtigem Film sein sollte, die Idee hatte ich von Anfang an. Und der Gustl Bayrhammer als Meister Eder war mein Vorschlag. Damit habe ich aber offene Türen eingerannt. Er war der beste Eder, den man sich denken kann.

MAGDA: Sie waren befreundet?

Kaut: Nein, eine richtige Freundschaft habe ich zu keinem der Schauspieler gehabt. Ich habe da strikt zwischen Pumuckl und Privatem getrennt.

MAGDA: Stimmt es, dass Sie sich viele Folgen der Fernsehserie damals gar nicht angeschaut haben?

Kaut: Einige habe ich wahrscheinlich bis heute nicht gesehen. Ich habe mir nichts kaputt machen lassen, sondern die Geschichten so in Erinnerung behalten, wie sie in meiner Vorstellung waren. Nachdem ich das Manuskript abgegeben hatte, wollte ich eigentlich nichts mehr wissen. Ich habe mir übrigens auch nie was von Kollegen angeschaut.

MAGDA: Wieso denn das?

Kaut: Ich nehme sehr schnell Dinge auf. Ich wollte vermeiden, dass ich unbewusst etwas übernehme, wenn ich Geschichten von jemandem anderen sehe oder höre. Ich wollte nie den Vorwurf hören: Das gibt’s ja schon vom Herrn Meier oder vom Herrn Huber.

MAGDA: Das heißt, Sie haben keine Kinderliteratur gelesen?

Kaut: Ich lasse mich ungern in meiner Phantasie stören. „Pippi Langstrumpf“ habe ich gelesen, aber sonst kaum etwas. Die Astrid Lindgren habe ich einmal persönlich kennengelernt. Wir haben einen sehr netten Tag miteinander verbracht.

MAGDA: Lesen Sie viel?

Kaut: Belletristik habe ich früher gelesen, jetzt lese ich fast nur noch Sachbücher – zurzeit ein Buch über das Gehirn und eines über den freien Willen.

MAGDA: Sollten Sie irgendwann in siebenundzwanzigdreizehn Jahren nicht mehr sein, was wäre Ihnen wichtiger: Dass man sich an Sie erinnert oder an den Pumuckl?

Kaut: Das ist eine schwierige Frage, aber ich würde sagen: Dass man sich an mich erinnert. Vielleicht steckt in mir ja doch noch mehr drin als nur der Pumuckl.


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