Ein Juchtenkäfer kommt nicht allein

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit über Stuttgart 21

Von Wolf Reiser

Copyright: Zeitenspiegel
„Alles, was recht ist, aber es muss mal wieder Ruhe einkehren“: Die Wutbürger von einst wollen sich nicht mehr mit der Obrigkeit anlegen (Foto: Zeitenspiegel)

Württemberg steht in ein paar Wochen nicht vor der Wahl zwischen S21 plus und Hugo Chavez – was eigentlich schade ist. Allerdings schaut ganz Deutschland auf diese Wahl und Europa und Ägypten. Und man darf gespannt sein, wie diese neu entdeckten, exklusiv abgeholten, vollemanzipierten Augenhöhe-Bürger auf das aktuelle Befriedungsklima reagieren. Es steht im März eine echte Wahl ins Haus, auch weil alle beteiligten Parteien in hohem Maß lädiert daherkommen.

Wolf Reiser:
Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21

Am 30. November 2010 verkündete Heiner Geißler also das Ergebnis der mehrwöchigen Anhörung. Er machte das auf seine Art und Uli Hoeneß hätte es anders gemacht und Reich-Ranicki auch. Aber nun erfüllte eben Heiner Geißler dieses Hochamt als Dorfrichter Adam und wohnte, halb Dalai Lama und halb Henry Miller und stets sehr gnädig dieser durch und durch komischen Schlacht der fleißigen Folienschreiber, Karriereschleimer, Konferenz- und Powerpoint-Profis bei.

Er hatte die halbwegs erträgliche Last zu schultern, neutral zu wirken, und er meisterte das als ob ihm Lee Strasberg Extrastunden gegeben hätte. Zunächst ging es darum, beiden Teams den Wind aus den Segeln zu nehmen, im Zuge einer Friedenspflicht diesen kleinen Baustopp mit den Weihnachtsferien so geschickt zu verknüpfen, dass den Gegnern des Projekts die Laune auf ihre „Lotta Continua“  der permanenten Revolution ordentlich verging.

Neun ausgiebige Sessions, mehr als achtzig Stunden lang, führten einem Millionenpublikum vor Augen, dass es selbst ausgewiesenen Baulaien, verkehrspolitischen Luschen und empört-betroffenen Naturschützern gelingen kann, in ein paar Monaten eine gescheite Alternative zu dem gespenstischen Bahn&Regierungskonstrukt aufzustellen. Dies wurde geleistet, es war mitunter so spannend wie öde, manchmal rührend und auch inspirierend und hübsch aufbereitet für ein Spiel, dessen Ausgang von Beginn an leider feststehen musste.

Der Bürger als Mitmensch

Das Anhörungsverfahren hatte, so Heiner Geißler „regionale und überregionale Gründe und ist nur zu verstehen auf dem Hintergrund einer massiven Vertrauenskrise der Politik im Allgemeinen und einer speziellen, ebenfalls massiven Kritik an der Art und Weise des Zustandekommens und der Durchführung des Projekts S21“.

Massiv und speziell – das trifft alle Nägel auf alle Köpfe.

Heiner Geißler klappte am Ende seines Schlichtungsspruchs den Leitz-Ordner zu und löste bei dem dauerenthemmten DB-Logistiker Volker Kefer einen weiteren Schmunzelanfall aus: „Ein Bürgerentscheid ist rechtlich unzulässig. Bei einer bloßen Bürgerbefragung hätte das Ergebnis keinerlei Auswirkungen auf den Fortgang des Projekts. Die Deutsche Bahn ist nicht verpflichtet, einem solchen Votum zu folgen.“

Und das war es dann auch. Ruhe auf allen Sitzen. Nur den Vertretern der Grünen war anzumerken, dass sie sich bereits mit dem zukünftigen Verkehrsministerium beschäftigten. Bloß jetzt kein falsches Wort, drückten ihre Mienen aus. Bevor das vergnügte Quartett Grube, Kefer, Mappus und Gönner im vorweihnachtlichen Trubel verschwand, gab ihnen der Schlichter noch den Auftrag, in Zukunft den Bürger als Menschen zu sehen, als Mitmenschen sogar.

Das klang in etwa so, wie wenn ein gütiger Richter einem eben mit Bewährung davongekommenen Bankräuber nahe legt, sich beim nächsten Überfall ein bisschen hübscher anzuziehen, also irgendwas von Ulli Knecht oder Hugo Boss, aber nicht wieder diese Strumpfmasken aus dem Schnäppchenmarkt. Seither wirkt dieses S21-Spektakel aus der Ferne betrachtet wie ein grandioses Theaterstück, das aber momentan wegen Erkrankung sämtlicher Hauptdarsteller vom Spielpan genommen wurde.

„Wutbürger? Sehe ich aus wie ein Wutbürger?“

Zum Jahreswechsel herrschte Ruhe rund um den Stuttgarter Bahnhof, und Wehmut beschlich das romantische Gemüt. Ich vertrat mir ein wenig die Füße und schaute mir den alten Bahnhof nochmals an, in durchaus musealer Stimmung, wissend, dass hier bald eine Global City entstehen wird und kein Stein auf dem anderen bleiben wird, Bullaugen, Stahl und Glas und elektrisch aufgeladene industrielle Erdwärme.

Ob Zugpersonal, Imbissbetreiber, Zeitungsverkäufer, Kneipenbesucher, Taxifahrer – die konnten das S21 nicht mehr hören. Die meisten waren bis vor kurzem noch entschiedene Gegner, aber nun herrschte die reine Ermattung und Resignation: Baut den Tiefbahnhof, aber schnell und günstig und so, dass auch für mich was dabei herausschaut.

Um diese Meinungswende zu rechtfertigen, schimpften sie über die Staus, die ständigen Absperrungen, das kindische Trillergepfeife, die reingeschmeckten Berufsautonomen und den schlechten Ruf, den man seither habe. „Wutbürger. Wutbürger? Sehe ich aus wie ein Wutbürger?“ fragte Gabi vom Wurststand. „Alles, was recht ist, aber es muss mal wieder Ruhe einkehren,“ meinte Gabis Freund und spritzte scharfen Senf knapp an meinem Weckle vorbei.

Sie wirkten so ein wenig wie zerknirschte Kinder nach einer Mordsparty in Abwesenheit der Eltern, die sich jetzt bei den Nachbarn zu entschuldigen haben für das ganze Getöse und versprechen müssen, dass das nie wieder vorkommt.

Die Logik der Schwabenseele

Irgendwo joggte da auch eine Gruppe gut aussehender, athletischer Jungschwaben um den Bahnhof herum und feierte mit T-Shirts und Baseballmützen den Sieg der Befürworter. Die Verkäuferin der Parfum-Boutique fluchte über die Bewohner der Halbhöhe, diese verlogene Brut, Salonlinke, Berufserben, die einen dicken Daimler haben und diesen hinten mit all den Anti-S21-Aufklebern vollkleben, Wichtigmacher, eine Sauerei – und sie sagte das so, als ob in Württemberg jeder Daimlerfahrer alternativlos und automatisch für S21 sein muss.

Die reicheren Schwaben werden ohnehin den kommenden dreißig Baujahren entfliehen und ans Meer ziehen, Korsika, Miami, Pot Patsch. Die älteren Schwaben erleben das munizipale Tiefstapeln rein biologisch nicht mehr, und die ärmeren Schwaben werden letztlich ganz happy sein, wenn sie da unten im Talkessel oder entlang der Magistrale zwischen Wladiwostock, der Geislinger Steige und Gibraltar einen tollen Job kriegen im Tunnel und beim Weichenstellen.

Was würde bis zur Wahl passieren? Es ist der CDU und FDP zuzutrauen, dass sie mit dem Spätzlefilz ihre abtrünnigen Leute bis März wieder einsammelt und mit der Beschwörung eines bolschewistischen Putsches wieder ihre Stimmen einkassiert. Das wäre auch die logische Konsequenz angesichts der Struktur der Schwabenseele.

Reue und Scham würden einkehren und in die pietistische Selbstbefragung münden: „Wie konnten wir das unseren Fürsten nur antun?“ Die SPD wird versuchen auf 20 Prozent der Stimmen zu kommen und sich zu dem Thema S21 nicht mehr äußern. Ob die kollektive Wut in irgendeiner Form mit einem Erfolg belohnt wird, hängt von den Grünen ab, die durchaus Wahlsieger werden könnten. Nur: Das sind in Württemberg nicht die Grünen, die man kennt, fürchtet oder verehrt. Es sind Gartenzwerge.

Realo pur

Als Boris Palmer, noch Tübinger Obermeistermeister, am letzten Schlichtungstag der Runde fernblieb und stattdessen seinen einschläfernden Kollegen Winfried Kretschmann vorschickte, wurde klar, dass der Poker um zukünftige Ministerien längst begonnen hatte. Seit Wochen streiten CDU und Grüne darum, wer eigentlich konservativer sei und ob im Abreißen oder im Bewahren ein Zeichen für konservative Klasse abzulesen wäre.

Schwabens Grüne sind Realoflügel pur, und Württemberg ist ihre Heimat. Fritz Kuhn, Rezzo Schlauch, Cem Özdemir und Reinhard Bütikofer– alles Grüne, die gesinnungsmäßig längst in der Mitte der CDU angekommen sind und die demzufolge ohne Skrupel und mit dem Okay von Trittin und Claudia Roth noch im März mit den Christdemokraten koalieren werden. S21 ist für die Grünen zu einem Verhandlungsgegenstand geworden für persönliche Karrieren und strategische Ziele. Das ist bitter, aber wahr.

Und die Bahn wird die Paralyse nach dem Geißler-Spruch dazu nutzen, massenweise Aufträge an Land zu ziehen, um einen Ausstieg unbezahlbar zu gestalten. Und der normale Schwabe von der Straße? Hat er seine gekränkte Seele etwas geheilt durch die Montagsdemos? Will er sich nochmals einen Faktencheck antun? Wird er wieder unten im Talkessel sein, wenn die nächsten Bonatzflügel gestutzt werden und die Rotbuchen mitsamt den Käfern in den Schredder kommen? Es wäre ihm durchaus zuzutrauen, denn die Feindbilder sind und bleiben vollständig erhalten und werden ihre Ansichten um keinen Strich ändern und auch nicht ihr Überlegenheits-Gebaren.

Kurz bevor es dunkel wurde, trat ich an einen Stand nahe des Bahnhofeingangs, wo alles so war, wie es immer so ist bei Ständen, wenn geschäftstüchtige Alternative einen Holzverhau in die Welt setzen - ob bei der Startbahn-West, beim scheinheiligen Münchner Tollwood oder damals in Schwäbisch Gmünd, gegen die Pershings.

Dylan und der Käfer

Im Hintergrund eierte Rockmusik aus einem Flohmarkt-Bluster und die minus 22 Grad setzten dem alten Tape mächtig zu, es rumpelte wie die Waggons der DB beim Befahren des Kopfbahnhofs. Es roch nach Sandelholz, und es stapelten sich Infos und Papers und bewusst auf Nicht-Hochglanz angelegte Broschüren und Anleitungen zum „An-den-Baum-Ketten-ohne-Trouble“ nebst einer Visitenkarte eines auf Baumketten spezialisierten Rechtsanwalts.

Dann wollte eine ältere Dame einen Juchtenkäfer, falls ich das richtig verstanden hatte. Dieser Käfer hat mit S21 deswegen zu tun, dass er, sollten die knapp dreihundert Bäume weggesägt werden, vom Aussterben bedroht sein würde. Da aber auch die Gut-Schwaben nicht blöde sind, haben sie diesen Käfer quasi als Symbol und Gesinnungsbeweis in Form gegossen und bieten ihn in verschiedenen Größen an als Mitbringsel oder Briefbeschwerer.

Die Verkäuferin, hennarötlich und mit jenen leicht beleidigten Southern-Belle-Lippen nickte zweifelnd und rief ihrem Standpartner zu, ob es denn noch Juchtenkäfer geben täte. Nur noch im Zweierpack, so die Antwort, denn die Einzelkäfer wären total ausverkauft. „Im Zweierpack nur noch“, gab Henna den Stand der Dinge an die Kundin weiter. „Au“, sagte die enttäuscht und wollte nach kurzer Bedenkzeit wissen, ob das dann doppelt so teuer wäre wie ein Einzelkäfer. „16 Euro“, bellte der Mann, der sich weiter hinten in Ofennähe aufhielt, wo der Rekorder ein wirklich uraltes Dylan-Lied in die Mühle nahm.

„16 Euro“, wiederholte die Frontfrau. „16 Euro?“, meinte dann die Kundin und fügte resignierend hinzu, „Ha ja, wenn ich schon mal da bin“ und überreichte einen Zwanzig-Euro-Schein. Dafür gab es also den Doppelkäfer, den sie in ihren Jutebeutel steckte. Nach einer Minute stand sie immer noch da und wurde gefragt, ob sie sonst noch etwas möchte.

Der Zug des Hasses

„Ja“, sagte sie schwach, „halt meine 4 Euro Rausgeld.“ Darauf deutete Henna auf ein Schild, auf dem stand, dass jede Form von Rausgeld automatisch als Spende gilt. „Ach so“, sagte die Dame, „dann weiß ich das jetzt auch, vielen Dank“, und begab sich ins Innere des Bonatz-Baus, wo aus allen Lautsprechern die heutigen Verspätungen aufgezählt wurden, „Abolodscheiß for inkonviniensch...“

Ich steckte eine Münze in den Pappkarton für Spenden und musste laut loslachen, worauf man mich strafend musterte. Es war ein ganz frühes Dylan-Lied, hatte mindestens ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und ich spitzte die Ohren: „Es fährt ein gepanzerter Zug durchs Land, er rollt schon seit vielen Jahren, was ihn antreibt ist keine Kohle, sondern Angst und blanker Hass. Wer je sein Rattern gehört und seinen blutroten Schatten gesehn, der kennt auch meinen Namen und wird meinen Song verstehn...“

Der Nachtzug nach München wurde aufgerufen, und ich griff nach meiner Tasche und hörte noch beim Weggehen: Hat der Hass, der in ihm gärt und kocht, dir je zu denken gegeben? Hast du je seine Passagiere, diese Wahnsinnsgestalten, gesehen? Ist dir je bewusst geworden, dass du ihn stoppen musst? Dann kennst du meinen Namen und wirst meinen Song verstehn...“

Dann wollen wir mal sehen, wie das alles weitergeht demnächst in und um Stuttgart herum...

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