Das Labyrinth am Nil
Kairo - Ein Kaleidoskop
In Kairo kann man ohne Lenkrad noch eher Auto fahren als ohne Hupe. Doch ein Auto allein gibt es nicht, nur Verkehrsströme, die sich aus abertausend zwei-, drei-, vierrädrigen Vehikeln und ihrem Gehupe zusammensetzen. Sie fließen knatternd, stinkend, rumpelnd durch Straßen, Gassen, Kurven, über Schlaglöcher und Brücken. Sie quietschen, rosten, husten, stocken, wollen überholen, müssen abbiegen, notfalls aus der vierten, linken Spur ganz nach rechts. Dabei kommen sie einander so nah, dass mancher Fahrer sicherheitshalber seine Seitenspiegel hochgeklappt hat.
Die Fenster sind heruntergekurbelt, der linke Fahrerarm baumelt heraus, meist mit einer Zigarette in den Fingern. Jeden zehnten Wagen steuert eine verschleierte Frau, diese Fenster sind geschlossen.
Die Armaturenbretter der Taxis sind mit flauschigen Teppichen gepolstert, mit Mini-Lightshows hochgetunt. Oft liegt ein Koran im Fenster, oft hängt eine Gebetskette am Rückspiegel, oft ist dieser Rückspiegel einen halben Meter breit.
Kubistische Kapitale
Wie Fußgänger über die achtspurig verstopften Straßen kommen, ist ein Wunder. Sie stürzen einfach los, und obwohl kein Auto bremst, sie sich nicht umschauen, nicht anhalten und stur geradeaus steuern, gelangen sie unversehrt auf die andere Seite, als habe Allah den Strom für sie geteilt. Sie laufen auf der Straße weiter, retten sich nicht mal auf die Bürgersteige, wozu auch. Die sind kniehoch, aufgerissen, zerbrochen, vermüllt und schief. Und sie enden sowieso alle zehn Meter.
Kairo ist eigentlich monochrom, hellbeige-grau, ein unüberblickbarer Haufen ineinander verschachtelter Häuser, tausendundeinem Minaretten, Schnörkelbalkons, Prachtbauten und verblichenen Firmensitzen, mal zwanzig Stockwerke hoch, mal nur fünf. Morgens ragen nur die Spitzen aus dem Dunst. Alle Ruinen sind bewohnt, die Betonbrachialfassaden gegenüber mit den Händen zu greifen, die Gassen tief unten so eng und lichtlos, dass man die Schultern hochzieht.
Das Bunte kommt von der Wäsche, die auf Leinen vor den Fenstern trocknet. Dort wird sie schneller schmutzig, als wenn man sie tragen würde, denn in Kairo regnet es nie, aber es staubt immer. So sehr, dass keine Palme grün ist, und keine Blume blüht.
Zur Schau gestelltes Verbergen
Kairos Luft ist so schlecht, dass man sie nicht einatmen mag. Es gibt kein Café, kein Restaurant, aus dem keine Musik dudelt. Das Getöse kommt nie zur Ruhe. Durch das Chaos schlüpfen magere Katzen. Sie schleichen auch durch die Moscheen. Und in den Caféhäusern ziehen Männer an ihren Wasserpfeifen, lassen sich frische Glut nachlegen und schauen nicht hoch, wenn ein Schuhputzer im Kaftan ihnen seine Dienste anbietet.
Die wenigsten Männer haben dicke Bäuche. Sie sind in Jeans und Anzüge gewandet, oder in weiße, ockerfarbene Kaftane mit Turban, Häkelmütze und Bart. Die Frauen bedecken ihr Haar und ihre Schultern, tragen enge Jeans und T-Shirts, klimpern mit Armreifen, telefonieren mit dem Handy und treffen sich auf der Oktoberbrücke mit ihrem Liebsten, den sie nicht küssen, an den sie sich bestenfalls lehnen, um auf den Nil herunterzuschauen.
Von den anderen Frauen, denen in schwarzen Ganzkörper-Schleiern, sieht man nichts. Nur ihre Augen, oder die Brille, die sie durch die schmalen Sehschlitze quetschen, oder das dunkle Gaze-Tuch, das gleich ihren ganzen Kopf umhüllt, als hätten sie gar keine Augen. Das sind die, die dazu noch schwarze Handschuhe tragen, und wenn sie laufen, sieht man wieder eine Jeans hervorblitzen. So gehen sie auch in die Universität. Um zu frühstücken, heben sie einen der Schleier hoch, schieben Kaffeetasse und Fladenbrot darunter.
Fromme Wünsche
Ihre Kinder sind bunt angezogen, und auf dem Bazar reißen sie einem Verkäufer, der seine billige Ware kreischend in die Luft wirft, rote Polyester-Spitzenunterwäsche aus den Händen. In der gleichen Sonne liegen auch BHs in allen Größen, allen Blicken dargeboten. Und die Schaufensterpuppen mit den glitzernd engen rosa Kleidern sind nicht verschleiert, und die Fotomodelle auf den Plakaten, die für edle Handtaschen werben, auch nicht.
Wenn der Ruf zum Gebet über die Dächer und in alle Fenster zieht wie eine zähflüssige Wehklage, dann bleiben die wenigsten Männer stehen, um ihren Gebetsteppich nach Mekka auszurichten, was sich notfalls auch auf einer umtosten Verkehrsinsel bewerkstelligen lässt. Aber die meisten eilen weiter und halten den Trubel in Gang.
Im Gegensatz dazu stehen an allen Ecken, vor allen Läden und Werkstätten die abenteuerlichsten Stühle, alt, dreibeinig, schief und krumm, und Männer lungern darauf herum wie in Trance den ganzen Tag, schauen bloß und legen mittags eine Pappe in eine staubige Mauerecke, um darauf zu schlafen.
Vor jeder Bank, jedem Konsulat, jedem Museum sitzen Wächter in schwarzer Uniform, manchmal mit Gewehr und immer mit schläfrig-glasigen Augen.
„Welcome to Kairo!“
So rufen sie lächelnd dem Europäer zu und helfen ihm über die Straße, über die er sich nicht wagt. Aber wenn sie fragen: „Where are you from?“, so wollen sie etwas verkaufen. Und während der Ausländer noch erfreut antwortet, wollen sie ihn keinesfalls aus den Klauen lassen und unbedingt ein Trinkgeld für irgendwas ergattern. So endet manche Unterhaltung in erheblicher Enttäuschung. Aber nicht jede! Küsst sich ein europäisches Paar auf der Straße, dann rufen sie mit kindlichem Entzücken: „More! Again!“ Und wer suchend herumschaut, wird sofort gefragt, wohin er möchte, notfalls mit Händen und Füßen. Frauen sagen nie etwas, doch je tiefer man in Wohngebiete und Märkte eindringt, desto neugieriger mustern sie Fremde, während sie so tun, als prüften sie grellfarbene Handtücher.
Der Bazar ist eine Händlerhölle, ein regenbogenfarbenes, hochaufgetürmtes Einkaufslabyrinth, durch dessen hundert gewundene, holprige Gänge kein Auto mehr passt, nur noch Menschen, die riesige Pakete auf den Köpfen balancieren, vorbei an Geschirr, Parfumflaschen, Besen, Gewürzssäcken und Plastik-Bettdecken. Und wenn eine Europäerin sich im luftigen Sommerrock an einem Cafétisch niederlässt, um eine Zigarette zu drehen, entstehen im Gewühl und Gezappel seltsame Ruheinseln: Erst ein Händler, dann noch einer, schließlich zehn bleiben stehen und schauen fasziniert zu. Und sie kann dort wohl nur unbehelligt sitzen, weil sie von einem Mann begleitet wird, dem sie gehört.
Noch in der Totenstadt herrscht Leben
Wäre der Nil nicht, der die Stadt auseinander reißt, wären die Hochhäuser nicht, von denen aus man ganz weit hinten die Pyramiden sehen kann, wären da nicht vereinzelte, staubig grüne Parks, die Eintritt kosten - man erführe keinerlei Himmelweite, keine Atempause, nicht den Anflug von Stille und Bewegungslosigkeit. Am Boden wimmelt und hupt und ruft und handelt und werkelt es überall. Selbst die Totenstädte sind längst von Lebenden bewohnt, denn zu den geschätzten 21 Millionen Einwohnern gesellen sich täglich zweitausend neue.
In Kairo taumelt eine Welt in die andere. Ganze Straßenzüge bilden eine einzige Autowerkstatt mit rostigen Kfz-Antiquitäten, zu Kunstwerken drapierten Stoßstangen, schmierigen Ölkannen, Putzlappen und in rosa Papier gewickelten Reifen. Vor dem Ramses-Hilton, einem grauen Hotelbetonkasten mit 5-Sterne-Innenleben, schauen die Portiere in roten Uniformen auf ein Armenviertel, in dem sich Ziegen mit Schlappohren an verfallene Mauern drücken, Menschen mit und ohne Krücken mühsam vorwärts humpeln. Süßkartoffeln garen in Öfen, die auf klapprigen Leiterwagen stehen.
Auf dem Nil schwanken zuckersüß verzierte Schiffchen, deren Herz-Lichterketten nachts blinken wie buntes Augenzwinkern. Und das Polizeiboot hat sich im Schlamm festgefahren, schon den zweiten Tag, die Männer an Deck machen seitdem Arme und Beine lang. Auf der Insel Zamalek reiht sich eine hochummauerte Botschaft an die andere. In einem blitzsauberen, klimatisierten Supermarkt kann man dort französischen Käse kaufen. Vor den mehrstöckigen Hausbooten gleitet ein schlankes Sportboot vorbei, vorn rudert ein Mann, hinter ihm rudern drei verschleierte Frauen.
Touristenträume
Und in der Azhar-Moschee, dem jahrhundertealten religiösen Zentrum der islamischen Welt, halten sie für Touristenfrauen Kaftane mit Kapuze bereit, und ein Mann mit leiser Stimme führt durch viele Säulenräume, barfuß über Teppiche und küsst den Koran, während er arabisch vor sich hinmurmelt. Am Ende gibt er sich nicht mit einer großzügigen Spende für die Moschee zufrieden, sondern fordert peinlich aufdringlich noch eine für sich, so dass die Ehrfurcht, die der Tourist eben noch spürte, in sich zusammen sackt.
Und es war noch nicht die Rede von mitreißenden Musikern auf Ausflugsschiffen, die Gäste in Trance spielen können, und vom würdevollen achtzigjährigen Oberkellner im Café Riche, das vor sechzig Jahren einmal ein bedeutender Intellektuellen-Treffpunkt war und erschöpften Touristen als Fluchtburg dient. Und nicht von den Brotverkäufern, die zwei Meter große Paletten auf dem Kopf balancieren, mit hunderten Baladis, von denen keines herunterfällt, obwohl sie mit dem Fahrrad unterwegs sind, in Gegenrichtung des Verkehrs, selbstverständlich.
Gabriele Bärtels lebt als freie Autorin und Fotografin in Berlin.
Ein extatisches Porträt Kairos zeichnete Abdelwahab Meddeb in seinem Essay "Wie ein gefallener Engel", der in Heft 42 der Zeitschrift Lettre erschien.
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