Köter und Diamanten

Über Hundemagazine und das Leben in einer schönen Welt

Von Marc Bielefeld

Dame mit Hündchen - Motiv aus „Posh Dog“

Es ist schon erstaunlich, womit sich die Leute heute beschäftigen. Womit sie sich herumschlagen und ihre vermutlich erbärmliche Neige Lebenssaft vergeuden. Es muss entsetzlich langweilig sein da unten in den Katakomben. Es muss voller Würmer sein.

Man hört oben von grausamem Gejammer und Gezeter, Migranten, Verdrossenheit sonderbarer Strickart, ephemeren Lappalien. Die einen schreien dies, die anderen das. Die rammeln sich gegenseitig. Man hört von Sarrazin, wer ist das? Hört von rätselhaften Krisen, Blasen, irgendwelchen Bemessungsgrundlagen. Man hört von Reformen, Kirchendesastren, Mindestlöhnen, schon dieses Wort. Was tun die Menschen? Was machen die?

Vielleicht sind die Menschen dumm oder arm. Am Ende womöglich beides. An was glauben die? An die Politiker? An den Klaubautermann? An die Errettung durch Gott? Sie schleichen durchs Leben, kriechen, faseln von Marktwirtschaft, sozialer obendrein. Das ist gut, das ist wirklich gut. Es gibt ein Geheimnis, das eigentlich keines ist. Jedenfalls ist alles ganz einfach, wenn in einer Welt mit Bürotischen und Parlamentsgebäuden diese Bürotische und Parlamentsgebäude zwei Welten für immer voneinander trennen.

Das Geheimnis, das keines ist, geht so: Die Kunst hoher Volks- und Personalführung besteht darin, die Plebejer und Angestellten so schnell über den Tisch zu ziehen, dass sie die dabei entstehende Reibung als Nestwärme empfinden. Es ist wirklich ganz einfach. Man muss sehr schnell ziehen und sehr entschlossen. Alles andere klebt, führt zu Gestank.

Keine halben Sachen!

©  Stefan Schomann
Auf die richtigen Accessoires kommt es an: Zum Taschenbuch den Taschenhund

Man hört, dass es kalt wird unten. Macht nichts, hier oben ist’s warm. Ist ja auch kein Wunder. Hier oben wird nicht larmoyiert, salbadert, gekurpfuscht. Oben, nur ein Beispiel, bringt man Magazine raus, die keine halben Sachen sind. Auf der einzig richtigen Seite des Bürotisches liest man neuerdings „Posh Dog“, eine „Luxury and limited Edition, Pet Products“. Die Rede ist, um einen Eindruck zu vermitteln, von der neuen ricerca d’eccellenze e lussi di ogni giorno per vizi canini. Wer kein Italienisch kann, soll zur Hölle fahren.

Es geht in diesem Magazin um Hunde, um Hundehäuser, es geht auch um Spas und Yachten. Die erste Anzeige in diesem hochglanzschwarzcoverigen Magazin weiß: „Dog is a God.“ Nicht Gott ist Gott, der Hund ist Gott. Regel Nummer eins. Neben dieser Erkenntnis geht eine sehr langbeinige Frau, sie hat zwei weiße Hunde. Daneben steht eine tragbare Hundehütte, ein weißer, für den Hund begehbarer Lederkoffer, der mit Fell ausgekleidet und so teuer ist, dass man mit der Kaufsumme mehrere Jahrzehnte eine Sozialwohnung mieten könnte.

Auf den nächsten Seiten sitzt Fiffi in einem mit lilafarbenem Samt ausgelegeten Hundekörbchen aus Platin. Margherita Burgener, solche Namen sollte man kennen, wirbt für Diamanten. Goldketten für Hunde, später. Hundegemälde vor Spielzeughundewohnmobilen im Retro-Design, Fifties. Abermals folgend, einige Seiten darauf: Diamanthalsketten für den Gott auf vier Pfoten. Goldketten. Saphirne Halszierden. Und dann kommt noch sie: Die Fliege für den Hund, nicht am Smoking gebunden, sondern um den Fellhals, collare gioiello in velluto nero con piccolo fiore in titanio colorato e diamante al centro. Papillon di rubini e diamanti.

Diamonds are a Dog's Best Friend

©  Stefan Schomann
Beuteltier

Alles für den Fiffi. Und man muss sich diese italienische Wortmusik auf der Zunge zergehen lassen. Diamanti! Rubini! Es folgen noch ein paar Hüte für die Dame, Grand-Hotel-Tipps für den Herrn, Rivaboote, goldene Trinknäpfe, Doggen. So macht man Magazine, die glaubwürdig sind. Regel Nummer zwei. So lebt man das Leben, das wahr ist. Regel Nummer drei. Es ist die Ausgabe Giugno 2010, sie kostet zehn Euro, das ist weniger als nichts.

Kalt soll es unten jetzt sein. Die rammeln sich da gegenseitig. Glauben nicht an Hunde und ewige Gesetze, sondern an ihren Gott und Politiker. Glauben an den Wetterbericht, die Lottozahlen, an die Journalisten, an die Bibel, ans Fernsehen, an Gottschalk, an den Papst, an den Dalai Lama, an Wellness, an Biomüsli, Kreuzworträtsel, Vorsorge, Rente, Haushalte, Zahlen, Statisken, Zukunft, Umwelt, Tiefkühlpizza, Schule, Reformen, Visionen, Monatsgehälter, Kündigungsfristen, Sozialstaaten.

Man muss sehr schnell ziehen. Man darf niemals zögern. Es ist ganz einfach.

 

©  Stefan Schomann
Underdogs


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