„Die DDR war eines der verschwatztesten Länder“

Regisseur Leander Haußmann im Interview

Von Dominik Baur

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Regisseur Haußmann: „Was hat man da auf mich eingeschlagen!“ (Foto: Dominik Baur)

Hilft Humor in einem totalitären Regime? Wie wichtig ist Anerkennung für einen Regisseur? Warum starb Ernst Lubitsch? Und seit wann gibt es im Müggelsee Haie? Fragen, die man eigentlich nur Leander Haußmann stellen kann. Der Mann inszeniert Filme, Theaterstücke und Flughafenproteste. Und ist zum Glück recht gesprächig.

Berlin Mitte, Ecke Torstraße/Prenzlauer Allee. Hier steht das Soho House, einer der exklusivsten Clubs der Stadt. Von der Dachterrasse aus hat man einen phänomenalen Blick über die Stadt. Wer hier Mitglied werden will, braucht eine Empfehlung. Auch Madonna treffe man hier bisweilen an, wenn sie in der Stadt ist, erzählt Leander Haußmann. Fotografieren und Telefonieren sind im Club gleichermaßen unerwünscht. Als das Mobiltelefon des Regisseurs klingelt, wird er freundlich, aber deutlich des Raums verwiesen. Nach Gesprächen mit seiner Mutter und mit Sven Regener kommt Haußmann wieder, lässt sich auf das Ledersofa fallen, bestellt sich noch einen Spritz und einen Espresso. Es kann losgehen.


MAGDA: Herr Haußmann, können Sie eigentlich auch ernst?

Haußmann: Was heißt schon ernst? Wenn Sie das reine Drama meinen: Ich glaube nicht, dass es das gibt. Es gibt nur Erzähler, die es schaffen, aus dem Leben jede Form von Ironie und Humor rauszufiltern und es so erscheinen zu lassen, wie es ihrer Meinung nach ist. Und wie es auch das Feuilleton gern hätte: düster und traurig. Aber so ist es nicht.

MAGDA: Ist es manchmal gerade das an sich sehr Unlustige, das den besten Stoff für eine Komödie hergibt?

Haußmann: Auf jeden Fall. Deshalb ist das auch immer mein Ansatz, wenn ich eine Geschichte entwickle. Als wir zum Beispiel „Sonnenallee“ konzipiert haben, war klar, dass das ein Film werden sollte, der das als Tragödie gescheiterte Thema DDR unter die Leute bringt. Das geht manchmal gut, manchmal auch nicht.

MAGDA: Sie sind ja selbst in einem totalitären System aufgewachsen. Hat Ihnen Ihr Humor damals geholfen – oder gar geschadet?

Haußmann: Natürlich kann Humor helfen. Der Humor, vor allem die Ironie, ist ja etwas Unangreifbares, weil es sich doppelt- oder dreifachbödig im Bereich des nicht Beweisbaren bewegt. Und weil der Humorlose es nicht entschlüsseln kann. Diejenigen, die diese Geheimsprache verstehen, sind in der Regel die kritischen Geister.

MAGDA: Und wie ging es Ihnen als einem dieser kritischen Geister in einem Staat wie der DDR?

Haußmann: Natürlich hatte auch ich Angst. Noch heute habe ich einen wiederkehrenden Albtraum, in dem ich ins Gefängnis komme. Auf der anderen Seite gab es die Angst, die eigene Individualität und Integrität zu verlieren. Und an meinem Vater, der zehn Jahre lang Berufsverbot hatte, habe ich ja ganz konkret gesehen, welche Opfer dies bedeuten konnte. Nichtsdestotrotz stelle ich mit großem Bedauern fest, dass mittlerweile ein Osten entstanden ist, wie ihn der Westen gern hätte: die DDR als brutale und kompromisslose Diktatur, die die Menschen unglücklich und depressiv gemacht hat und in der es nichts zu lachen gab. Und da kann ich als jemand, der's erlebt hat und der selbst auch einen Ausreiseantrag hatte, nur sagen: So war's halt nicht. Auch wenn es die Geschichtsschreibung vielleicht gerne so hätte.
 

 
MAGDA:
Wie war es denn?

Haußmann: Die DDR war zum Beispiel keineswegs so schweigsam, wie sie immer dargestellt wird. Im Gegenteil: Die DDR war eines der verschwatztesten Länder, die es unter der Sonne gegeben hat. Es wurde auch unglaublich viel gemeckert. Ich frage mich oft, was die bei der Stasi mit den ganzen Informationen gemacht haben. Die mussten sehr aufpassen, dass sie unter den ganzen Meckerern auch den einen gefährlichen rausfischten. Und wir haben auch durchaus mitgekriegt, was im Westen passiert ist; wir wussten davon viel mehr als die Menschen in der Bundesrepublik von uns. Als die „Tagesschau“ vor ein paar Jahren ihr 50-jähriges Bestehen feierte, kam da kein einziger Ossi zu Wort – genau da zeigt sich das Missverständnis. Denn die „Tagesschau“ war für uns ja das Wichtigste überhaupt. Aber das will niemand wahrnehmen. Nein, wir sollen diejenigen gewesen sein, die die schlechte Musik gehört haben, die die miesen Filme gemacht haben, die die beschissensten Gedichte geschrieben haben und die außer Heiner Müller und Christa Wolf sowieso niemanden hatten – und die waren natürlich alle bei der Stasi. Aber dieses Bild zeigt einen zu engen Ausschnitt der Wirklichkeit. Der Rock'n'Roll kam auch zu uns – und wurde von uns wahrgenommen. Die DDR war mehr als diese schlichte Metapher auf Diktatur. Sie bestand nicht nur aus Stasi und Verfolgten, sondern da war noch etwas dazwischen. Und dieses Etwas machte 90 Prozent der Bevölkerung aus. Aber die Parallelwelt, in der wir lebten, lässt sich heute nur sehr schwer vermitteln.

MAGDA: Ein bisschen versuchen Sie es ja mit Ihren Filmen.

Haußmann: Ja, aber es wird immer schwerer. Es geht immer mehr verloren, und andere, die es nicht erlebt haben, eignen sich das Thema DDR künstlerisch an und stoßen damit auch noch auf große Anerkennung.

MAGDA: Sie meinen „andere“ wie den westdeutschen Regisseur Forian Henckel von Donnersmarck, der mit seinem „Das Leben der Anderen“ sogar einen Oscar bekommen hat.

Haußmann: Da gibt es noch einige mehr, zum Beispiel Christian Petzold mit seinem jüngst so umjubelten Film „Barbara“. Als ich meinen letzten Film, „Hotel Lux“, vorbereitet habe, habe ich mal Heinrich Breloer getroffen, und der wollte mir erzählen, wie es in der DDR war. Und da habe ich dann gesagt: Jetzt reicht's langsam.

MAGDA: Aber grundsätzlich darf es doch keine Voraussetzung sein, dass man etwas selbst erlebt hat, um sich mit einem Thema künstlerisch befassen zu dürfen.

Haußmann: Nein, das natürlich nicht. Aber es gibt eine Sache, die sich verbietet: zu behaupten, so sei es tatsächlich gewesen. Das ist dann Hybris. Das habe ich auch dem Donnersmarck gesagt. Ich habe gesagt: Lasst den Film nicht in die Schulen! Wenn's um Kunst oder Film geht, meinetwegen, aber nicht, wenn's um Geschichte geht. Das schien ihm gar nicht zu gefallen.
 

 
MAGDA:
Sie selbst verfolgen mit Ihren Komödien „Sonnenallee“ und „NVA“ gar nicht erst die Absicht, ein originalgetreues Abbild der historischen DDR zu zeichnen.

Haußmann: Aber vielleicht helfen diese Filme – mit den Mitteln der Komödie –, das gängige Bild ein wenig zu korrigieren.

MAGDA: Wie viel Abstand ist denn notwendig, um über ein Thema lachen zu können?

Haußmann: Gar keiner. „Sonnenallee“ hätte ich beispielsweise auch schon zu DDR-Zeiten machen können – ich hätte es bloß nicht machen dürfen.

MAGDA: Könnten Sie also heute eine Komödie über den neuen Berliner Großflughafen drehen? Sie sind schließlich selbst ein zorniger und lautstarker Gegner.

Haußmann: Auf jeden Fall. Es stellt sich nur die Frage, aus welcher Perspektive man diese Komödie erzählen würde. Mein Thema wäre sicherlich nicht die Kapitalismuskritik. Meine Kritik wäre eher an den Leuten, die meinen, sie müssten sich für die Belange der anderen nicht interessieren, solange es sie nicht direkt betrifft. Solange kein Flugzeug über mein Haus geflogen ist, bin ich auch nicht auf die Straße gegangen. Also würde ich sicherlich über jemanden erzählen, der sich ein Haus gekauft hat und zu einer Art Michael Kohlhaas wird und gegen eine Übermacht antritt.

MAGDA: Das heißt, sich können sich auch im Moment starker Wut immer noch einen selbstironischen Blick bewahren...

Haußmann: Unbedingt.

MAGDA: Haben Sie diese Selbstironie auch noch, wenn es um Ihre Filme geht? Wie gehen Sie mit Kritik um – sei es nun die des Feuilletons oder die der Zuschauer.

Haußmann: Wenn man einen Film macht, dann gibt es nur einen einzigen Grund dafür: einen selber. Man möchte diesen Film machen. Man verspürt eine Mission, und man blendet alles andere aus: was der Kritiker sagen würde, was der Zuschauer sagen würde. Man ist der einzige Zuschauer, den es auf der ganzen großen Welt gibt.
 

 
MAGDA:
Aber Sie wollen doch bestimmt auch Anerkennung.

Haußmann: Natürlich freut mich Anerkennung. Bei Kinopremieren liebe ich es zum Beispiel, meine Filme mit Publikum zu sehen. Da ist es für mich das größte Glück, immer wieder den Lacher an derselben Stelle zu bekommen, zu sehen, dass keiner rausgeht, und wenn am Schluss applaudiert wird. Aber man muss sich auch immunisieren – gegen den Publikumserfolg wie gegen die Kritiken. Früher konnte ich es nach einer Film- oder Theaterpremiere kaum erwarten, bis die „FAZ“ draußen war, und dann musste ich doch lesen, dass ich Scheiße gebaut habe. Ich bin gerade mit meinem Büro umgezogen, und da sind mir alte Kritiken zu „Sonnenallee“ in die Hände gefallen. Das war ein einziger Verriss. Genauso die Kritiken zu meiner inzwischen legendären Aufführung von „Romeo und Julia“ in München. Oder „Herr Lehmann“ – was hat man da auf mich eingeschlagen! Inzwischen kennt fast jeder Zweite in Deutschland diesen Film. Ein Regisseur muss sich sagen: Die Zeit ist der beste Zuschauer. Lubitschs größter Misserfolg war ja „Sein oder Nichtsein“, im Rückblick sein größter Erfolg. Damals ist keiner reingegangen, er wurde verrissen, und Lubitsch ist voller Gram darüber gestorben. Es gibt so viele Beispiele extremer Fehlurteile, die erst die Zeit korrigiert hat: Hitler wurde gewählt, van Gogh hat kein einziges Bild verkauft...

MAGDA: Sie haben schon mehrfach mit erfolgreichen Autoren zusammengearbeitet. Ist es Ihnen dann wichtig, dass der Autor sich hinterher in dem Film auch wiederfindet? Oder ist es gerade notwendig, dass man sich vom Original befreit?

Haußmann: Ich komme ja vom Theater, also von der interpretierenden Kunst, und ich erwarte vom Autor, dass er das auch so sieht. Ich habe mich immer gefreut, wenn „Sonnenallee“ nachgespielt worden ist und Leute ihr eigenes Ding daraus gemacht haben. Wenn ein Stoff interpretierfähig ist, dann ist er überlebensfähig. Die meisten Autoren sehen das aber nicht so. Das ist ein Konflikt, der ist nicht zu lösen.

MAGDA: Es gibt also Ärger?

Haußmann: Das kann passieren. Aber der Konflikt kann auch fruchtbar gemacht werden. Manchmal ist es wie bei Sven Regener und mir. Sven hat lange gebraucht, um sich mit meiner Verfilmung von „Herr Lehmann“ zu arrangieren, aber jetzt hat er seinen Frieden damit gemacht und ist auch stolz darauf. Und das hat dazu geführt, dass wir weiter miteinander gearbeitet haben und demnächst sogar miteinander Regie führen.

MAGDA: Der „Element of Crime“-Sänger und Buchautor Sven Regener wird jetzt auch Regisseur?

Haußmann: Ja, wahrscheinlich drehen wir im Sommer gemeinsam „Hai-Alarm am Müggelsee“.

MAGDA: „Hai-Alarm am Müggelsee“???

Haußmann: Ja, ein totales Nonsens-Projekt. Das Drehbuch dazu haben Sven und ich in drei Monaten geschrieben. Eine leichte und witzige Geschichte. Und das Schönste daran ist der kurze Weg zur Arbeit: Endlich mal habe ich einen Drehort bei mir vor der Haustür.
 

 
MAGDA:
Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Haußmann: Das ist ganz unterschiedlich. In diesem Fall saßen Sven und ich einfach mal zusammen und haben so rumgesponnen. In anderen Fällen, wie bei „Hotel Lux“, kommt der Produzent mit einem Stoff auf mich zu. Außerdem habe ich jeden Tag mindestens 20 Ideen, mache Beobachtungen, lese Zeitungsberichte. Und manches davon wächst dann im Kopf. Zur Zeit ist da unter anderem auch die Idee für einen Horrorfilm. Ich bin ja ein großer Horrorfilmfan. Am Ende siegt das, was am längsten hält.

MAGDA: Zum Schluss noch was Privates: Sind Sie eigentlich froh, dass Hermann Hesse nicht Ihr Großvater geworden ist?

Haußmann: Die Gefahr bestand tatsächlich, meine Großmutter war schließlich drei Jahre mit ihm verheiratet. Aber das einzige, was mich an der Sache traurig macht, ist, dass mir dadurch ein immenses Erbe entgangen ist. Nein, im Ernst: Ich bin natürlich froh, weil ich dadurch einen anderen Großvater hatte und ich sonst nicht ich wäre.

MAGDA: Sie kommen aus einer Künstlerfamilie, Ihr Vater Ezard Haußmann war ein bekannter Schauspieler, Ihre Mutter Doris Haußmann ist eine erfolgreiche Kostümbildnerin. Die Theaterwelt war Ihnen wohl von klein auf vertraut. Fanden Sie das immer inspirierend oder hatten Sie auch mal eine rebellische Phase und wollten Jura oder BWL studieren?

Haußmann: Nein, das Ungewöhnlichste war, dass ich Maler werden wollte. Aber Künstler – das stand nie in Frage. Dass ich dann – nach einer Druckerlehre – doch erstmal Schauspieler wurde, ließ sich irgendwie nicht vermeiden. Obwohl mein Vater darüber nicht sehr glücklich war. Mein Sohn will jetzt übrigens auf keinen Fall Schauspieler oder Regisseur werden.

MAGDA: Sondern?

Haußmann: Singer-Songwriter. Das hatten wir noch nicht.
 

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„Wenn man einen Film macht, dann gibt es nur einen einzigen Grund dafür: einen selber“ (Foto: Dominik Baur)

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