Leben und Sterben in Kalkutta

Abenteuer Indien (III): Hilfe für die Hoffnungslosen

Von Angelika Jakob

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Hier kommt die Praxis zum Patienten: Die Bewohner der Elendsviertel erhalten von deutschen Ärzten medizinische Hilfe
alle Fotos: Angelika Jakob

„Wenn nicht schnell etwas passiert, ist das Mädchen tot“, stellt Dr. Gurlitt fest. Der Frankfurter Internist und Kardiologe rumpelt in einer klapprigen Ambulanz durch die Slums von Kalkutta, um einen sterbenskranken Säugling ins Krankenhaus zu bringen. „Dehydriert und unterernährt, 39 Grad Fieber, kurzatmig durch eine Lungenentzündung - die Kleine hat nicht viele Chancen.“ Ihre Ärmchen sind so dünn, daß die Haut trockene Falten wirft. Unmöglich, dort eine Kanüle mit Nährlösung zu setzen, und aus der Kopfhaut ist sie beim letzten Schlagloch rausgerutscht. Die Sirene heult, aber hier hupen alle ständig, das beeindruckt niemanden. Karren, Kühe, Rikschas zockeln zwischen überladenen Lastwagen, Bussen und altmodischen gelben Taxen dahin. Die Großmutter des Babies starrt auf den Boden, die große Schwester weint.

 

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Für das Kind könnte die erste Autofahrt auch schon die letzte sein. Dr. Gurlitt kann nur versuchen, seine Überlebenschancen zu erhöhen


Cornelius Gurlitt hat eigentlich Urlaub. Um sechs Wochen wegbleiben zu können, mußte er all seine Überstunden an der Frankfurter Uniklinik zusammenkratzen. Oberflächlich gesehen, könnte er für etliche Arztromanklischees herhalten. Er ist 38 Jahre alt, groß, schlank, hat blaue Augen und sensible Züge. Er könnte tauchen in Ägypten, auf Safari durch die Savanne schaukeln, im Himalaja kraxeln, das alles wären Herausforderungen gewesen für einen Abenteurer wie ihn. Doch das ist es nicht, was er sucht.

„Was mache ich hier eigentlich?“ stöhnt er. „Ich kann ja sowieso nicht helfen.“ Doch genau deshalb ist er nach Kalkutta gekommen. Vor einigen Monaten blieb er auf der Website der „Ärzte für die Dritte Welt“ hängen. Einem Verein, der Ärzten seit fast dreißig Jahren ausgesprochen unattraktive Urlaubsangebote macht: Sechs Wochen Dauereinsatz in einem Slum, natürlich ohne Bezahlung, wobei jeder die Hälfte des Flugpreises auch noch aus eigener Tasche berappen muß. Dafür gibt es Kakerlaken im Zimmer, Höllenlärm in der Nacht, Arbeit und Elend bis zum Umfallen.

Die Göttin

Auf der Howrah-Brücke quetscht sich der Verkehr zentimeterweise voran. Eine Kali–Statue wackelt auf der Ladefläche eines Lasters und streckt die lange rote Zunge raus. Um sie herum hopsen und johlen Leute mit rot bemalten Gesichtern, der Fahrer steht auf der Hupe. Kali, „die Schwarze“, die triumphierende Göttin, die Zerstörerin der Dämonen des Bösen wird im Hugli-Fluss versenkt werden, um sich wieder in braunen Schlamm aufzulösen, aus dem sie geformt wurde.

„Leben und Sterben haben hier eine andere Bedeutung als bei uns“, sinniert Gurlitt. „Vielleicht liegt das am Hinduismus. Jedenfalls ist die Frau viel zu spät in unsere Praxis gekommen mit dem Kind. Ist ja auch ein Mädchen. Die haben schlechte Karten, ganz schlechte.“ In den Slums und auf den Straßen von Kalkutta, heißt es, sterben dreißig Prozent der Neugeborenen im ersten Lebensmonat. Auf die ersten fünf Jahre bezogen, geht man von einer Sterblichkeit von mindestens zehn Prozent aus. Doch letztlich weiß kein Mensch, wieviele Babies in den Slums geboren werden und wieviele von ihnen sterben.

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Spät, womöglich zu spät kommt diese Frau mit dem todkranken Kind in die mobile Praxis

„Was bringt es, ein kleines Leben zu retten in diesem Hexenkessel von Armut?“ Eine rationale Antwort auf diese Frage gibt es womöglich nicht. Vielleicht sagt Gurlitt deshalb fast trotzig: „Ich bin nur hier, weil ich Abenteuer liebe, ich mach das nicht aus Nächstenliebe.“ Immer wieder kontrolliert er Atmung und Puls des Winzlings, der um sein bißchen Leben kämpft, und streichelt das magere Köpfchen. Im Howrah South Point Krankenhaus ist kein Arzt in Reichweite. Gurlitt zuckt traurig mit den Schultern. Als Mitglied der „Ärzte für die Dritte Welt“ hat er nur Gaststatus, keine Arbeitserlaubnis. Er kann nur hoffen, daß sich bald ein indischer Kollege um das Kind kümmern wird.

„Ein Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte“, schrieb Günter Grass über die Metropole im Gangesdelta. Monsunzerfressene Paläste und Stadtvillen säumen die holprigen Boulevards und zeugen vom längst vergangenen Reichtum der ehemaligen Hauptstadt Britisch-Indiens. Seither wuchs die Zahl der Einwohner auf zwölf, dreizehn oder vierzehn Millionen, niemand weiß das so genau. Die Hälfte davon lebt in Slums.

Hauptstadt der Helfer

„Love until it hurts“, Liebe bis zur Selbstaufgabe, forderte Mutter Theresa, die sich 1946 berufen fühlte, zu helfen. Auch der halbdokumentarische Bestseller „City of Joy“ von Dominique Lapierre spielt in den Slums von Kalkutta. Ein polnischer Bruder teilt dort das Leben der Armen und erfährt die Seligkeit des Helfens.

In Kalkutta begann auch die Geschichte der „Ärzte für die Dritte Welt“. Der Jesuitenpater Bernhard Ehlen hatte die Idee, daß mehr Ärzte bereit wären, in Armutsregionen zu helfen, wenn man ihre Einsätze auf sechs Wochen begrenzte. 1983 schob er das erste Projekt an, jenseits des Flusses im Stadtteil Howrah, wo sich die ausgedehntesten Slums erstrecken. Die Sozialstation „Howrah South Point“ stellt die Infrastruktur für die deutschen Mediziner: Dolmetscher, Krankenschwestern, Fahrer, Köche, dazu Praxisräume und Ärztewohnungen. Inzwischen unterstützt „Ärzte für die Dritte Welt“ mehrere hundert Partnerorganisationen in neun Ländern, und deutsche Ärzte leisten seither jährlich über 300 Einsätze.

In Howrah wechseln sich je sechs Ärzte ab. Einer von ihnen bleibt ein ganzes Jahr, kümmert sich um die Koordination und sorgt für Kontinuität. Zur Zeit ist das Dr. Tobias Vogt. Je zwei Ärzte bilden ein Team. Sie arbeiten in zwei festen Praxen und in einigen mobilen Einheiten, die soziale Brennpunkte ansteuern.

Gemeinsam mit zwei Fahrern, zwei Dolmetschern und vier Arzthelferinnen quetschen Gurlitt und Vogt zweimal in der Woche Tische, Stühle, Medikamentenkoffer, Lebensmittel, Wassertanks und sich selbst in zwei zu Ambulanzen umfunktionierte alte Mercedesbusse. In einem Vereinsheim im Stadtteil Bankrah richten sie dann ihre Praxis ein. Auf dem Brachland zwischen dem Bahndamm und einem kleinen See siedeln ein paar tausend Menschen in ärmlichen Lehmhütten, doch der Einzugsbereich der Ambulanz ist größer. Viele Patienten nehmen weite Wege auf sich, stellen die „German doctors“ für sie doch die einzige Möglichkeit dar, ärztliche Behandlung zu bekommen.

Die Prozession der Patienten

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Müttersprechstunde: Eine Helferin erklärt Hygienemaßnahmen. Doch die Lebensumstände der Frauen sind meist zu schwierig, um die Vorschriften befolgen zu können

Vor dem Heim warten seit den Morgenstunden etwa 200 Patienten, hauptsächlich Frauen mit Kindern. Eine Arzthelferin ermittelt Gewicht, Blutdruck und Temperatur. Wer zum ersten Mal kommt, ersteht eine Krankenkarte für den symbolischen Preis von zehn Rupien, in die alle Daten eingetragen werden. Die Patienten bewahren die Karten auf, und weil sie etwas gekostet haben, gehen sie nicht so leicht verloren. Bei einem Gewicht über sechzig Kilo werden die strengen Helferinnen mißtrauisch: die wirklich Armen sind unterernährt. Eine erwachsene Frau wiegt oft nur 35 bis 45 Kilo.
 
Der Ventilator schaufelt feuchte Hitze, den Geruch von Desinfektionsmitteln und Schmerz und Pein durch die Hütte. Mrs. Bandona näht einem Betrunkenen eine Platzwunde am Kopf, „der ist garantiert von seinen Nachbarn geschlagen worden. Dann haben sie ihn notdürftig verbunden und hierher geschickt“, brummt sie. Für Stunden ziehen sie nun an den Ärzten vorüber: Patienten mit Malaria, vereiterten Ohren, Durchfall, Verbrennungen, Brüchen, Entkräftung, Krätze, Furunkel, Asthma und anderen schlimmen Krankheiten.

Manche müssen ins Krankenhaus: eine fünfköpfige Familie mit Verdacht auf TBC, eine Frau mit drei Tage altem Armbruch und einige unterernährte, fiebrige Kinder, die einfach aufgepäppelt werden müssen. Alle brauchen Begleitung. Die Klinik weist Patienten ab, wenn nicht klar ist, wo das Geld für die Behandlung herkommen soll. 1000 Rupien kostet ein Bett am Tag, soviel wie ein Erwachsener im Monat in einer Fabrik verdienen kann. In aller Regel übernimmt die Hilfsorganisation die Kosten.

„All body pain!“ faßt die dicke, energische Dolmetscherin das Gejammer einer Mutter mit zwei kleinen Kindern zusammen und mustert sie mißbilligend. Gurlitt wird nichts finden, außer daß der Regen ihre Lumpenhütte weggeschwemmt hat, der Mann tot ist oder weg oder in der Schnapshölle. Er hört, daß der Slum-Mafioso das, was von der Hütte übrig ist, räumen lassen will, wenn sie nicht bis nächste Woche 500 Rupien an „Miete“ bezahlen. So viel können die größeren Kinder beim Müll sortieren niemals verdienen. Und so wird zu den Millionen Familien, die in Kalkutta auf der Straße kampieren, noch eine Mutter mit vier Kindern dazukommen. Gurlitt impft die Kleinen und schickt eine Helferin mit der Frau nach Hause, um herauszufinden, was passiert ist.

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Tabletten werden genau abgezählt ausgegeben. Symbole machen die Dosierung auch für Analphabeten verständlich

Natürlich will jeder Tabletten haben, ganz egal welche. Weil Pillen gut tun oder weil man sie verkaufen kann: An den öligen Kerl zum Beispiel, der draußen steht, mit seinem Handy spielt und sich schon ein paar Tütchen mit Medikamenten gesichert hat. Daß der Dicke von den Armen ganz dreist Eintrittsgeld zur Praxis kassiert, ist nicht zu beweisen - und selbst wenn, könnte man nichts dagegen tun.

Tobias Vogt hält ein Thorax–Röntgenbild gegen das Fenster. Es stammt von einem ausgemergelten Rikschazieher. Böse Schatten deuten auf offene Lungentuberkulose hin. Die gehört für Rikschakulis neben Asthma und Knüppelschlägen von Polizisten zum Berufsrisiko. „Am übelsten sind die multiresistenten Tuberkulosen, die entstehen, wenn die Programme der Regierung nicht ordentlich durchgeführt werden“, erklärt Vogt. „Diese Variante breitet sich weltweit aus.“ Jeder Kranke mit offener TBC steckt im Lauf eines Jahres zehn bis fünfzehn weitere Menschen an.

Hauptstadt der Hoffnungslosigkeit

„An die Hitze, den Gestank und das alles kann man sich gewöhnen. Aber nicht an die Hoffnungslosigkeit. Das ist das Schlimmste. Nur im Kleinen kann man etwas machen, aber das Ganze ist wie ein Riesenfaß ohne Boden.“ Tobias Vogt klingt sehr müde. Trotzdem treibt es ihn mit der Rastlosigkeit eines Besessenen durch die Stadt. Nach acht Stunden Praxisarbeit besucht er seine Patienten im Howrah South Point Krankenhaus. Ein kleiner Junge mit Wirbelsäulentuberkulose liegt in einer Streckschlinge und lächelt ihn voller Hoffnung an, eine Frau mit Meningitis blinzelt apathisch, eine andere mit Tuberkulose nimmt seine Hand. Ein kleines Leuchten breitet sich kurz über Vogts blasses, ernstes Gesicht.

Warum tut er sich das an? Hier sind die Patienten doch in der Obhut von Ärzten? „Die Strategien der indischen Kollegen sind oft anders als unsere, und die Ergebnisse unbefriedigend. Schwerstkranke werden auf die Straße zurückgeschickt mit der Empfehlung, sie sollten sich irgendwelche Medikamente besorgen. Das können die aber gar nicht. Andere werden ohne Diagnose entlassen, wieder andere sollen erst mal eine Blutkonserve organisieren. Diese Frau lag mit rasenden Schmerzen in ihrer Hütte, sie haben sie geröntgt und nichts gefunden. Fünf Zentimeter neben dem Hüftgelenk war ein TBC–Abszeß. Ich kann mich aber immer nur vorsichtig einmischen, denn wir sind hier Gäste ohne Arbeitserlaubnis. Wir bezahlen Bett und Behandlung der Patienten, die wir einweisen, und manchmal ist das eben das letzte Argument.“

Vogt zieht weiter, macht Hausbesuche in einem tiefer gelegenen Slum. In den letzten drei Tagen ist der Monsun nach Kalkutta zurückgekehrt. Zuerst haben sich die Schlaglöcher und Abwasserrinnen mit Wasser gefüllt, dann sind die Fäkalien durch die Straßen geschwemmt und in die Häuser gekrochen. Als die Ambulanz nicht mehr weiterkommt, waten Doktor, Dolmetscher und Schwester durch die stinkende Brühe bis zu einem finsteren Verschlag. Die Schwester zündet eine Kerze an. Im Schummerlicht erkennt man Kleiderbündel, Töpfe und ein paar Habseligkeiten an der Bretterwand. Eine Frau hockt zusammengekauert auf dem Bett. Wenn das Wasser noch eine Handbreit steigt, wird auch die Pritsche überschwemmt. Aus seinem Jutebeutel holt Vogt ein Stethoskop. Seit drei Wochen erbricht sie, übersetzt die Schwester. Einweisung zur Diagnostik ins Krankenhaus, und weiter.

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Der Verkauf in der Metzgerei geht auch während des Monsuns weiter. Daß die Kundschaft dabei nasse Füße kriegt, daran ist sie gewöhnt

Vogt stakst mit seinen langen Beinen im Laufschritt voran, während die anderen unsicher durchs Wasser tappen, muß man doch mit Löchern in der Straße oder offenen Abwasserkanälen rechnen. Eine Kuh steht bis zum Euter in der Suppe und glotzt, ein paar Buden haben trotz der Flut geöffnet, in einer Metzgerei baumelt das Fleisch an den Haken, der Metzger lacht. Ein Garkoch frittiert Samosas, Teetrinker schlürfen aus kleinen Tontassen, Kinder springen ins Dreckwasser. Auf einem Brettervorsprung sitzt ein alter Mann und zittert. „Wahrscheinlich offene Lungentuberkulose“, vermutet Vogt, nachdem er ihn abgehört hat. „Er wird nachher von unseren moslemischen Partnern abgeholt und auf unsere Kosten ins Krankenhaus gebracht werden.

"Wer die Armen liebt, der teilt ihr Leben, auch das gehört zu den Teilnahmebedingungen der „Ärzte für die Dritte Welt“. Die Dienstwohnung liegt mitten im Slum, gleich neben der Sozialstation. Kleine Werkstätten, Läden und viele Kinder prägen das Viertel, das auf den ersten Blick einen fröhlichen, lebendigen Eindruck macht. Beinharte Pritschen, karge Zimmer und bescheidene Mahlzeiten, zwei Duschen und zwei Toiletten für alle - damit kann jeder einigermaßen klarkommen. Aber das Husten, Spucken und Röcheln der Nachbarn, die sich mindestens zu sechst in ihren Buden drängen, der Qualm von unzähligen Öfchen, die von früh bis spät kokeln, Müll und Fäkalien auf den Gassen, Kofferradios, die ihr letztes geben, elektrisch verstärkte Muezzine, Fahrradhupen, Moskitos, Rattengepfeife, nächtliche Dezibel-Parties – das sind schon heftigere Herausforderungen.

Rund neun Millionen Euro nimmt die Organisation jährlich an Spenden ein, und jeder Cent davon soll bei den Bedürftigen ankommen. Soviel Selbstlosigkeit scheint manchem Inder eher verdächtig. „Was wollen die nur hier, ein guter Arzt kann doch nicht sechs Wochen weg, um im Slum Hustensaft zu verteilen,“ grübelt einer der Helfer. Drei Hypothesen schwirren durch seinen Kopf: „Entweder sind sie alt und wollen in der Gegend herumfahren und wichtig tun. Oder sie sind jung und müssen noch üben. Oder sie arbeiten mit der Pharmaindustrie zusammen und testen Medikamente. Das sieht man daran, wie sorgfältig sie die Krankenblätter führen.“ Helfen, schön, aber warum überhaupt? Wo doch Götter und Karma über alles bestimmen, Glück oder Unglück, Arbeit, Regen, Hunger, Geburt und Tod. Niemand verehrt die Götter mehr als die Menschen in Kalkutta – obwohl es so scheint, als hätte der Himmel sie völlig verlassen.

Glücksgefühl und Grenzerfahrung

In der ärztlichen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit stoßen seit zwanzig Jahren enttäuschte Idealisten auf Abenteurer, Gutmenschen auf Großmäuler, Junge auf Alte, und alle müssen miteinander klarkommen. Jeder hat nach sechs Wochen Einsatz ungefähr 2400 Menschen behandelt, und manchen von ihnen hat er vielleicht sogar das Leben gerettet.

Für Tobias Vogt ist die Sache klar: „Wozu soll ich in Deutschland die fünfte Internistenpraxis in einer Straße aufmachen, wo ich doch hier dringender gebraucht werde?“ Er hat sich mittlerweile entschieden, dauerhaft in Kalkutta zu bleiben. Auch Nairobi, Manila, Mindanao, Caracas, Dhaka oder Chittagong hätten noch zur Wahl gestanden, auch dort arbeiten „Ärzte für die Dritte Welt.“ Ein gutes Drittel der Teilnehmer meldet sich zu einem weiteren Einsatz. Das Gefühl, für viele Menschen konkret etwas getan zu haben, hilft über schwarze Stunden und Ohnmachtsgefühle hinweg. Natürlich auch die Dankbarkeit der Patienten, wenngleich das in Indien verbreitete Küssen der Füße auf deutsche Ärzte eher befremdlich wirkt.

Mittagspause, Chapati aus Blechdosen und Bananen am nur mäßig vermüllten Ufer des kleinen Sees von Bankrah. „Die Palmen und Hütten sehen von weitem idyllisch aus, da würden sie zuhause wieder denken, wir machen einen auf Klinik unter Palmen,“ sinniert Vogt. „So genau will das keiner wissen.“ bestätigt Gurlitt. „Da sitzt man in seiner Frankfurter Altbauwohnung, hat gekocht und Freunde eingeladen, dann wollen die nicht unbedingt über Wurmknäuel in dicken Kinderbäuchen reden. Die finden zwar gut, was du machst, aber dann reicht’s auch wieder.“

Gurlitt wird etwas mitbringen aus Kalkutta: Ein Foto von zwei schönen, ernsten Kindern, die stocksteif und feierlich dastehen, denn vielleicht hat sich ihr Schicksal gerade gewendet: Die „Ärzte für die Dritte Welt“ haben die Hütte reparieren lassen und dem „Paten“ die geforderten Rupien bezahlt. Gurlitt wird Schulgeld, Bücher und Kleidung für die Kinder übernehmen. „Sind sie nicht schön? Und sie sehen so klug aus!“ Und das ist, versteht sich, keinesfalls Nächstenliebe, sondern nur ein weiteres Abenteuer.

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Angelika Jakob, Fotografin und mitunter auch Autorin, begleitete die deutschen Ärzte und ihre indischen Helfer eine Woche lang durch die labyrinthischen Elendsviertel von Kalkutta. Das vorab gebuchte Hotelzimmer gab sie bald auf und zog in ein spartanisches Gästezimmer in einem Heim für behinderte Kinder. Es lag unweit der Wohnquartiere der Ärzte – und näher am Thema.

Die fröhliche Stimmung und die Geborgenheit dort fingen sie nach den strapaziösen Touren durch die Slums immer wieder auf. Sehr zu ihrer Erleichterung begegneten ihr die Menschen auf den Straßen trotz des herrschenden Elends gelassen und freundlich. - Weitere Bilder dieser Recherche in Kalkutta zeigt Jakob auf der Homepage ihrer Agentur Bilderberg.

Wer die Arbeit der Hilfsorgansiation unterstützen oder gar selbst an einem Programm teilnehmen will: die Homepage der „Ärzte für die Dritte Welt“  informiert über die weltweit laufenden Projekte und gibt auch das betreffende Spendenkonto an.

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Abenteuer Indien

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