Liebesgrüße aus Leipzig

Wie ein Christstollen uns in die Krise stürzte - Jahr für Jahr

Von Philipp Maußhardt

Wir bekamen ihn immer erst in der ersten Dezemberwoche, und was mich wunderte, seltsamerweise immer freitags. Das weiß ich deshalb, weil der Paketpostbote, wenn er den in graues Papier mit Doppelschnur fest zugebundenen Karton abgab, ein „schönes Wochenende“ wünschte und wir uns über diese Gemeinheit ärgerten. Ja, er lächelte dabei auch noch so zweideutig, als ob er genau wusste, dass er mit seiner Lieferung wieder eine Familienkrise angezettelt hatte.

Das Paket, das, als wäre sein Inhalt ganz besonders wertvoll, an allen Falzen noch mit Klebeband gesichert war, lag dann unangetastet den ganzen Freitag über auf dem Schuhregal im Flur, und manchmal versuchte jemand es unsichtbar zu machen, in dem er die dicken Winterstiefel so darüber schichtete, dass es bis zum Frühjahr in Vergessenheit geraten wäre, hätte eben nicht jedes Jahr wieder jemand Mitleid bekommen und gesagt: „Ihr wisst doch, dass sie uns damit eine Freude machen wollen.“

Ja wir wussten. Also wurden die Schuhe wieder heruntergeschichtet und der graue Karton am Samstag in die Küche getragen, wo er wiederum in einer Ecke abgelegt wurde, in der er am wenigstens störte. Solche ein Dezembersamstag war dann für alle stimmungsmäßig gelaufen. Allein die Vorstellung, dass auf diesen Samstag der Sonntag folgen würde, reichte aus, um manchen von uns zu Gedanken anzuregen, an die er bis dahin nie gedacht hatte: Kurzfristig einen Freund in Heidelberg besuchen und erst am Montag wiederkommen. Oder am Samstagabend durch gurgelndes und rülpsendes Stöhnen auf der Toilette eine Magenverstimmung vortäuschen und bis zum Montag jede Nahrungsaufnahme verweigern. Schließlich wurde dann doch alle Taktik verworfen und die Solidarität de  Familie beschworen, mit der man den drohenden Sonntag überstehen werde.

Da lag er dann am Sonntagmorgen, ausgepackt und auf ein Brett gebettet: der unvermeidliche Chrsitstollen aus der DDR. Auf der daneben liegenden Postkarte stand: „Mit vielen lieben Grüßen aus Leipzig.“

Wortlos reichte jemand den anderen je ein gleichgroßes Stück auf den Teller, wobei jeder wartete, wer wohl den Anfang machen würde. Die viel zu dicke Zuckerschicht, die immer knirschte, wenn man auf sie biss, diese eingebackenen Massen an ekligem Zitronat und Orangeat, diese pampigen Marzipanklumpen in dem bröseligen Teig, der nach schlechtem Fett roch – dies alles verknetete sich in Gedanken zu einer Masse, die zu schlucken je unmöglicher wurde, je länger man auf sie starrte. „Ihr wisst doch . . .“, sagte schließlich jemand, und weil jeder wusste, bissen wir fast gleichzeitig zu.

Einer zerbröselte danach den Christstollen in fingernagelgroße Stücke, warf alles in die große Tasse mit Milchkaffee und meinte: wenn man ihn auslöffle, könne man ihn besser essen. Ich bestrich ihn zentimeterdick mit Nutella, das half auch. Ein anderer hatte sich für diesen Tag schon lange vorher eine besonders scharfe Pfeffersalami auf die Seite gelegt, von der er zwischen jedem Biss in den Christstollen eine Scheibe nachschob.

In diesem Jahr wird alles anders: Gestern kam ein Brief aus Leipzig. Dank der neuen Reiseregelung könnten sie den Christstollen selbst vorbeibringen. Der Brief schockierte uns. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.

Dieser Artikel erschien 1989 im "Schwäbischen Tagblatt". Auf den Geschmack gekommen? Mehr über die Tübinger Backwarenproblematik lesen Sie in Philipp Maußhardts "Croissant 21"!


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