Der vorletzte Mohikaner

Harald Schmitt blickt auf ein turbulentes Reporterleben zurück

Von Stefan Schomann

©  Harald Schmitt / stern

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Fotos: Harald Schmitt

 

Als Harald Schmitt vor 33 Jahren als Fotoreporter beim stern begann, prunkte die Illustrierte mit gut zwanzig fest angestellten Fotografen im Impressum. Darunter so legendäre Namen wie Max Scheler, Stefan Moses, Robert Lebeck und Thomas Höpker. „Wir bildeten so etwas wie die Foto-Nationalmannschaft“, erinnert sich Schmitt. In doppelter Besetzung; notfalls wäre auch noch eine ganze Riege fester Freier als Nachrücker bereitgestanden.

Harald Schmitt: Auf den Punkt. Vorwort von Yasuo Baba. Addison-Wesley Verlag, München 2011, 39,80 Euro

Heute, da Schmitt mit 63 Jahren in den Vorruhestand geht, ist nur mehr Volker Hinz als einsamer Mittelstürmer übriggeblieben. Was Wunder, daß Schmitts fotografische Memoiren, die soeben unter dem Titel Auf den Punkt erschienen sind, sich wie ein Nachruf auf „die goldenen Jahre des Magazin-Journalismus“ lesen. 

Der Vorgänger- band: Sekunden, die Geschichte wurden. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in Berlin. Text von Peter Sandmeyer. Steidl Verlag, Göttingen 2009, 18 Euro.

Anders als die große Retrospektive im Berliner Gropiusbau vor einem Jahr, die seine Augenzeugenschaft bei weltgeschichtlichen Ereignissen in den Mittelpunkt stellte, ist das neue Buch persönlicher angelegt. Es zeigt auch nicht durchweg Schmitts spektakulärste Bilder, sondern die, die am beredtesten von der Arbeit des Reporters erzählen. Schmitt plaudert gewissermaßen aus der Fototasche. Er zeigt Lehrstücke, exemplarische Produktionen, darunter auch Fehlschläge und „Gurken“. Aber auch einige Schockbilder, die selbst der stern nicht zu drucken wagte, mißgebildete Embryonen aus Vietnam etwa, Spätfolgen der im Krieg eingesetzten Kampfstoffe.

Hinzu kommen einige Geschichten, denen das traurige Schicksal zuteil wurde, nicht gedruckt zu werden. Weil das Thema allzu schnell überholt war; weil andere Produktionen sie rausboxten; weil sie zwar gut waren, aber nicht gut genug; oder weil ein Chefredakteur zwischenzeitlich die Lust daran verlor oder aber seinen Job. Der Papierkorb des stern war fotografisch immer noch besser bestückt als die Titelgeschichten des Spiegel.

Ein Fotograf für alle Fälle

©  Harald Schmitt

„Ein gutes Foto entsteht zuerst im Herzen und im Kopf“ – Schmitt ist das Gegenteil des abgebrühten Zynikers, des schnellen Schießers, aber auch des übersteigerten Ästheten. Ein klassischer Allrounder, ein Fotograf für alle Fälle, belastbar, kompatibel, unbeirrbar positiv. Es dürfte kaum einen Reporter geben, der von Kollegen und Autoren derart einhellig als angenehm und liebenswert beschrieben wird. Und auch kaum einen, der scheinbar so unbeschadet durch alle Krisen gekommen ist wie er. Schmitt wirkt so gar nicht wie ein Pensionist, sondern noch immer wie ein junger Spund, der erst vor kurzem seinen Einstand gegeben hat. Wären es andere Zeiten, er könnte leicht noch einmal auf 33 Jahre anheuern. Wo soll es morgen hingehen?

Doch die Zeiten sind schlecht. Schmitt hat gehöriges Glück gehabt, dazu das Privileg einer Festanstellung. Die Umstellung auf die Digitalisierung und die Umbrüche in der Medienindustrie haben den Beruf des Fotoreporters fast unmöglich gemacht. Die meisten Kollegen seiner Generation kamen nur schwer durch die Krise, manche gar nicht. Wie im Fall von Wilfried Bauer, einem der besten, originärsten Fotografen überhaupt, der die damit einhergehende Entwertung seiner Arbeit und seines Berufsstandes nicht verwinden konnte und seinem Leben gewaltsam ein Ende setzte.

Die Metamorphosen des Metiers

Die Digitalisierung und die daraus resultierende Hyperinflation der Bilder haben die Arbeitsbedingungen für Fotografen wie für Redakteure grundlegend verändert. Heute gehen in der Bildredaktion des stern Tag für Tag 15.000 Fotos zur Sichtung ein, bei Großereignissen auch 20.000, die eigenen Aufträge nicht mitgerechnet.

„Früher brachte ich einen Rucksack voller Filme in die Redaktion zurück wie eine kostbare Beute“, erinnert sich Schmitt. Sie wurden entwickelt, die in Frage kommenden Bilder angestrichen, vergrößert, noch mehr vergrößert, als Bildstrecken auf den Fußboden gelegt und von den Machern abgeschritten wie das erlegte Wild nach einer Gesellschaftsjagd. „Allein dadurch, daß man die Bilder in die Hand nahm, besaßen sie eine andere Qualität. Heute ist alles virtuell, Fotos werden zu tausenden herbei- und wieder weggeklickt. Das einzelne Bild hat keinen Wert mehr.“

©  Harald Schmitt / stern
Aus der Traum: Toter Goldgräber im brasilianischen Urwald.

Alte Schule

Die Bildredakteure und Bildredakteurinnen alter Schule verstanden sich als Partner der Fotografen, bisweilen gar als ihre Paten. In aller Regel waren sie unbequeme, launische Paten – doch sie spornten ihre Schützlinge zu höchstem Einsatz und zu größten Einfallsreichtum an, und sie förderten Qualitäten zutage, die diesen selbst noch gar nicht bewußt waren. Heute scheinen derart produktive Symbiosen kaum mehr möglich; um so weniger, als die Magazine überhaupt immer weniger Geschichten selbst erarbeiten, sondern sich die Bilder über Agenturen und aus dem Netz zusammensuchen. Der Kontakt ist lose und labil geworden, der Austausch geschieht oft nur mehr oberflächlich und ohne Wahrnehmung, geschweige denn Förderung des schöpferischen Individuums. Dessen Können wird durch die redaktionelle Führung nicht etwa freigesetzt, sondern durch immer peniblere Vorgaben, immer schematischere Erwartungen beschnitten.

„Heute wollen die Graphiker oft überhaupt nur mehr fünf Bilder sehen“, berichtet Schmitt. „Früher zeigten wir von einer großen Reportage 100 bis 150. Damit kann man ganz anders gestalten. Gillhausen wühlte sich nachts um eins sogar noch durch die zweite Wahl und fischte ab und zu ein Juwel heraus, dessen Potential dem Fotografen selbst entgangen war.“ Und die Bilder hatten etwas, das wir heute oft vermissen – sie hatten Persönlichkeit.

Rolf Gillhausen, der langjährige Artdirector und auch Chefredakteur des stern, dazu Mitbegründer von GEO, war Schmitts Ziehvater. „Blende 8 und eine 125stel Sekunde – das reichte bei ihm nicht. Wer sich ein Thema suchte, mußte sich einlesen, Zusammenhänge verstehen, Hintergründe erkennen. Darum standen wir als Fotoreporter im Impressum, nicht als Fotografen.“

Waschen, fönen, legen

Bevor er zum stern kam, war Schmitt Politik- und Sportreporter für die Bildagentur von Sven Simon gewesen. Die Leidenschaft für die Sportfotografie ist ihm geblieben. Auch hier vollzog er gewaltige Veränderungen mit. „Vor vierzig Jahren erwarteten die Redaktionen das erste Fußballfoto gegen 21 Uhr – das konnte eng werden, wenn das Spiel erst um 20 Uhr begann. Also: ersten Angriff abwarten, Foto machen, mit dem Auto ins Labor, der Entwickler war schon vorgeheizt, Film in Spiritus getaucht und mit dem Fön das eine, hoffentlich gute Negativ getrocknet, anschließend per Auto in die Redaktion.“

Und dagegen halte man dann eine seiner Momentaufnahmen von den Olympischen Spielen in Peking: Eine Batterie ferngesteuerter Kameras neben der Aschenbahn. Jede der großen Bildagenturen verschickte pro Tag mehr als tausend Olympiabilder an die Redaktionen, wo sie oft noch während des laufenden Wettbewerbs eintrafen.

In Bildern denken lernen

©  Harald Schmitt
Der Schweißabdruck des 100-Meter-Weltrekordlers Usain Bolt. Nach einem selbstverständlich gewonnenen Rennen hatte er sich kurz auf die Bahn gelegt.

Schmitt führte ein unentwegtes Leben, in dem Überraschungen die Regel waren und Wiederholungen die Ausnahme. Sich mit 29 Jahren als stern-Fotograf in Ost-Berlin zu akkreditieren, dürfte ein mindestens so großes Abenteuer gewesen sein wie ein Einsatz in Zentralafrika oder in der kanadischen Tundra. Trotz aller Rückschau ist das Buch jedoch kein wehmütiger Abgesang geworden, sondern versucht zugleich die Staffelübergabe an die nächste Generation. „In Bildern denken lernen“ – das wäre das Ziel. Bereitwillig gibt Schmitt praktische Tips zur Fotoausrüstung, zum Marschgepäck, zum Reisealltag. „Über das Essen denke ich nicht nach; es gibt immer etwas.“ Wie nebenbei gibt er allerhand Marotten und Meriten zum besten, die eigenen wie die der Kollegen. „In den Hotelzimmern habe ich die Kameras immer offen liegen gelassen, die belichteten Filme dagegen gut versteckt. Für den Fall, daß ein Dieb gekommen wäre. Die Kameras waren ersetzbar, die Filme nicht.“

Derzeit sichtet Harald Schmitt sein Archiv mit allein 420.000 Negativen und Dias. Damit dürfte er eine Weile beschäftigt sein. Wir hoffen, daß er seine Arbeit mit diesem Buch zwar auf den Punkt gebracht hat - daß es aber noch nicht der Schlußpunkt dieses bemerkenswert erfolgreichen, gelungenen und herrlich verrückten Lebens war.

 

©  Harald Schmitt

 

 * * *

 

Gemeinsam mit der Fotografenvereinigung Freelens präsentiert MAGDA an dieser Stelle herausragende Fotoreportagen. In den besten aller Farben: in schwarz/weiß. Für die fotografische Betreuung von MAGDAs Album zeichnet Nele Braas verantwortlich.


Was bisher geschah:


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Auf dem Mississippi: Jane Dulfaqar folgt dem Strom der Ströme

Copyright: Walter Mayr

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Copyright: Michael Hauri

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