Verlassenes Land im Süden


Copyright: Andreas Riedmiller

Hier gelangen Sie zum Album



Eigentlich war Andreas Riedmiller in Süditalien unterwegs, um im Gargano eine Reisegeschichte zu fotografieren. Gargano, das ist dort, wo sich eine schmale Landzunge so in die Adria streckt, dass man vom Sporn des Stiefels spricht, den die Umrisse Italiens auf Landkarten bilden.

Eine herrliche Gegend, mit Kreidefelsen und weißem Strand. Vielleicht war es genau dort, wo Italien mit dem Azurblau des Wassers für immer und ewig seine Farbe wie einen Ehrentitel verliehen bekam. Riedmiller jedoch, immer neugierig und wach für Bilder dies- und jenseits eingefahrener Straßen, kam vom Weg ab. Wenige Kilometer nur, aber in eine andere Welt. Tummeln sich an den apulischen Stränden in den Sommermonaten Millionen, ist das Hinterland ganz still und verlassen. Es ist der Reiz dieser Gegend – aber, wie Riedmiller erfuhr, auch ihr Schicksal.

Riedmiller kam nach Cagnano Varano; ein Dorf, das wie ein Idealtypus für so viele Orte im Süden Italiens steht. Es birgt eine Sozialgeschichte, die sehr europäisch ist, die mit dem reichen Norden des Kontinents und seinem armen Süden zu tun hat, und das heißt – in der Konsequenz – heute nichts Gutes.

In Cagnano Varano fallen die vielen leerstehenden Häuser auf und die, die nie fertig geworden sind. Wie Mahnmale stehen sie dort, der Wind fährt durch Gerippe aus Beton, Geschoss um Geschoss wurde aufgestapelt, ohne dass je Außenwände gezogen wurden, Menschen sich einrichten werden.

Früher waren die Bewohner von Cagnano Varano Tagelöhner, die für die Landbesitzer Arbeit verrichteten und dafür bezahlt wurden. Später mussten die Leute weit fahren, um Arbeit zu finden, sie wurden Gastarbeiter in Deutschland und bauten mit dem Geld, das sie dort verdienten, große Häuser für die Kinder und Kindeskinder. Die aber kehrten ihrem Ort den Rücken, weil es im strukturschwachen Süden Italiens für sie nichts zu verdienen gibt. Jetzt stehen die Häuser da und erzählen die Geschichte eines Ortes, in den der Wohlstand aus der Ferne kam – und der damit nichts anfangen konnte.

Andreas Riedmiller lebt im Allgäu, ist gelernter Gärtner und arbeitet seit 1985 als freiberuflicher Fotograf. Seine Reportagen erschienen in Geo, Merian, natur und anderen Magazinen. Mit seinen Bildern möchte er etwas anstoßen, ihn interessieren Kulturlandschaften, in denen etwas zu Ende geht. In Cagnano Varano sah er den Verfall eines Ortes – und hat wenig Hoffnung, dass es dort bald wieder aufwärts geht.






Gemeinsam mit der Fotografenvereinigung Freelens und anderen renommierten Fotografen präsentiert MAGDA an dieser Stelle herausragende Bildreportagen. Für die fotografische Betreuung von MAGDAs Album zeichnet Nele Braas verantwortlich.



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015