Auf dem Mississippi
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„Weder er noch sie konnten sich vorstellen, in einem anderen Haus als dem Schiff zu wohnen oder zu essen oder an einem Leben teilzuhaben, das ihnen immer fremd bleiben würde. Es war in der Tat wie Sterben.“
Was bei Gabriel García Marquez ein süßer, verführerischer Traum war, die nichtendenwollende Flußfahrt aus Liebe in den Zeiten der Cholera, das ist für die Flußschiffer auf dem Mississippi der Alltag. Über Wochen und nicht selten sogar Monate hinweg arbeiten sie auf ihren Kähnen, fahren stromabwärts, machen kehrt, fahren stromaufwärts, machen erneut kehrt und fahren wieder stromabwärts. Ohne je einen Fuß an Land zu setzen. Denn ihre Schubverbände, riesige Flöße aus aneinandergeketteten Leichtern, legen gar nicht erst an, sondern werden mitten auf dem Fluß zusammengestellt und wieder aufgelöst. Die Versorgung geschieht mit Booten, die auf Zuruf heranbrausen, ohne daß die sperrigen Frachter ihre Fahrt verlangsamen und so wertvolle Zeit opfern müßten.
Der Mississippi ist das größte Fließband der Welt. Unablässig werden darauf gewaltige Gütermengen transportiert. Passagiere benutzen den Fluß dagegen gar nicht mehr, abgesehen von ein paar läppischen Nostalgiepartien. Die betriebsamen Zeiten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn sind lange schon passé. Von Land aus ist der Fluß nur an wenigen Stellen überhaupt zugänglich. Die Städte, die seit dem 18. Jahrhundert entlang dieser wichtigsten Verkehrsader Nordamerikas entstanden, haben sich längst abgekehrt von dem Strom, dem sie ihre Existenz verdanken. Aus Furcht vor Überschwemmungen, aber auch aus spezifisch amerikanischem Puritanismus, aus Abwehr gegen die unsaubere, unregelmäßige und trotz aller Ingenieurskunst letztlich unbeherrschbare Natur. Und so findet man entlang des fast 3800 Kilometer langen Flußlaufes nur ganz wenige Promenaden, kaum Aussichtsrestaurants, kaum Sitzbänke oder Radwege. Die Villen stehen nicht an den Hängen, sondern weit im Hinterland. Am Ufer wohnen, wenn überhaupt, die Armen.
Bei ihrer Reportage über die Flußschiffer sah sich Jane Dulfaqar daher mit einem unerwarteten Paradox konfrontiert: Vom Wasser aus kommt man nicht an Land, und vom Land aus nicht ans Wasser. Fünf Tage lang fuhren sie und Autor Stefan Schomann auf der Betty Lynn von St. Louis bis New Orleans, dann mit dem Wagen wieder zurück. Doch den Zugang zum Fluß mußten sie sich regelrecht erkämpfen. Bis hinter Baton Rouge versperrt der Industriegürtel von Louisiana die Ufer. An einer Flußschleife, die auf der Karte besonders romantisch erschien, nicht zuletzt dank Siedlungsnamen wie Sunshine, Alemannia und Geismar, war dann aus anderen Gründen kein Durchkommen – dort liegt Amerikas letzte Leprakolonie. Auf den rund tausend Kilometern zwischen Baton Rouge und St. Louis schließlich führen praktisch keine Straßen an den Fluß heran und nur wenige Brücken über ihn hinweg. Auch die Städte wollen nichts mit dem Ungetüm in ihrer Mitte zu tun haben. An stolze, romantische Uferpromenaden wie etwa in Dulfaqars Heimatstadt Dresden ist nicht zu denken. Cape Giradeau verbarrikadiert sich hinter einer kilometerlangen Mauer, Memphis und St. Louis leben mit dem Rücken zum Fluß, und in Kentucky und Arkansas liegt nicht eine einzige Stadt auch nur in Reichweite. So daß der mächtigste Strom Nordamerikas selbst für seine Anwohner ein Fremder bleibt.
Die Flußschiffer führen ein verborgenes und bescheidenes Dasein. Selbst ihre Kollegen auf den Weltmeeren gehen öfter an Land als sie. Aber es ist nun mal ihr Job, und für manche auch mehr. Es erfüllt sie ein stiller Stolz, die Nation am Laufen zu halten, auch wenn die keine Notiz von ihnen nimmt.
„Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin und -Zurück durchhalten können?“, fragt bei García Marquez der wackere Kapitän der Nueva Fidelidad.
Und Florentino Ariza antwortet: „Das ganze Leben.“
Jane Dulafqar, Jahrgang 1962, ist Artdirector der Berliner Zeitung.
Zur kompletten Reportage über diese Flußfahrt auf dem Mississippi.
Gemeinsam mit der Fotografenvereinigung Freelens präsentiert MAGDA herausragende Fotoreportagen. In den besten aller Farben: in schwarz/weiß. Alle paar Tage zeigen wir auf der Startseite ein neues Bild aus der jeweiligen Geschichte, die wir dann hier in diesem Album näher vorstellen.
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