Rückblende auf Martha Maas

Die Wiederentdeckung einer Verschollenen

Von Stefan Maria Rother

Fotos: Martha Maas

 

 

Der Berliner Lette-Verein und der Kunstschacht Zollverein in Essen zeigen eine Ausstellung über das bewegende Leben und Werk der Martha Maas. Stefan Maria Rother, selbst Fotograf, förderte Spuren dieser vergessenen Kollegin aus der großen Zeit Berlins zutage.

 

 

 

"Meine Tante war auch Fotografin" rief mir David fröhlich zu. "Besuch mich doch mal, ich hab da was für Dich." David Peter Ettlinger und ich sehen uns regelmäßig im Schwimmbad und haben uns über die Jahre hinweg angefreundet. Wenn David etwas für mich hatte, waren das meist Dinge, für die er keine Verwendung mehr fand, Thermobecher oder Badezimmerspiegel zum Beispiel. Ich nahm sie - und hatte auch keine Verwendung dafür.

Nun würde ich also etwas von seiner Tante Martha bekommen.

Der Besuch bei ihm verlief sehr herzlich. David hatte opulent für mich gekocht. Immerhin war das sein Metier gewesen; er war einst Koch der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Danach tischte er die Hinterlassenschaft von Martha Maas auf: Zwei Kartons voller Fotos, alter Briefe, Zeitungsausschnitte und abgelaufener Pässe. Was mache ich nur damit, dachte ich, und wollte meinen über achtzigjährigen Freund nicht enttäuschen. "Einiges ist im Holocaust Memorial Museum in Washington“, gab er mir noch mit auf den Weg, „ein paar andere Sachen liegen im Archiv der Akademie der Künste Berlin. Das meiste aber wurde weggeschmissen." Na prima, dachte ich, während ich die Kisten im Kofferraum verstaute, die Reste also bekomme ich.

Fragmente eines Lebens

Seither versuche ich, das Puzzle dieser Biographie zusammenzusetzen. In zahlreichen Gesprächen und auf der Zeitreise durch die hinterlassenen Dokumente und Fotos kristallisierte sich die bewegende Lebensgeschichte einer beeindruckenden Kollegin heraus.

Luise Rosenfeld, die Mutter

Martha Maas, geborene Rosenfeld, kam am 28. Juni 1893 in Aachen zur Welt. 1916 begann sie im Foto-Atelier Suse Byk am Kurfürstendamm in Berlin eine Fotografenlehre, die sie drei Jahre später mit einer Gesellenprüfung am Lette-Verein abschloss. Diese fortschrittliche Berufsfachschule verfolgte das Ziel, Frauen durch qualifizierte Ausbildung unabhängiger zu machen. Zeitgleich lernte dort etwa auch Frieda Riess ihr Handwerk, die es zur renommiertesten Gesellschafts-fotografin der Weimarer Republik brachte. Nach bestandener Prüfung eröffnete Martha Maas in Aachen zusammen mit einer Kollegin die Photographische Werkstätte Richter-Rosenfeld, die durch Porträtserien auf sich aufmerksam machte. In einem Essay zum Thema "Neuzeitliche Photographie" gab sie Auskunft über ihr Metier: "Der Beruf des Photographen erfordert einen ganzen Menschen. Es ist Bedingung, dass er ein geduldiger, unnervischer und doch stark sensibler Mensch ist. Es ist ferner Bedingung, dass er ein gebildeter und psychologisch fein empfindender Mensch ist."

© Stefan Maria Rother / Nachlass Martha und Walter Maas
Künstlerporträts

In der Weimarer Republik war der Beruf der Fotografin auch Ausdruck der allgemeinen Aufbruchsstimmung, war eine Möglichkeit, sich von den traditionellen Rollenbildern zu lösen. 1929 erhielt Martha ihren Meisterbrief. Im gleichen Jahr heiratete sie Dr. Walter Maas. Beide lebten dann in Berlin, wo Martha vor allem Porträts von Schauspielern anfertigte.

Während ihre Fotografien anfangs noch im Bann der Malerei stehen, sowohl in der Komposition wie auch mit dem weichen, leicht verklärenden Licht, in das sie ihre Modelle rückt, macht sich Ende der zwanziger Jahre die Neue Sachlichkeit bemerkbar. Die Bilder werden direkter, die Kameras beweglicher, das Repertoire breiter. Mitunter erinnert ihr Stil an den ihres später berühmten Berliner Kollegen Martin Munkácsi, mit dem Martha Maas mehr als nur die Initialen gemeinsam hatte. Sie war keine Pionierin der Bildkunst, aber doch eine typische Repräsentantin des Zeitgeistes und eine moderne Vertreterin ihres Metiers.

Ihre Porträts von Schauspielern erschienen häufiger in Zeitungen und Illustrierten; für den Weltspiegel, die Beilage des Berliner Tageblatts, fotografierte sie auch Titelbilder. Das Theaterressort leitete damals Alfred Kerr; Chefredakteur war Theodor Wolff. Martha Maas war Teil der florierenden Kunst- und Medienwelt Berlins, deren Hochblüte freilich bald gewaltsam beendet wurde.

Nur Grete Weiser kam noch

Martha Maas

Als ihr Mann, studierter Volkswirt, nach 1933 keine Stelle mehr erhielt, auch bedingt durch seine „Mischehe“, arbeitete er in Marthas Atelier mit. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wagten sich nun nur noch wenige Kunden dorthin. Ihr Neffe David erinnert sich noch gut an die Prominenz von einst: "Grete Weiser, die große Schauspielerin, kam regelmäßig zu Martha und hat sich dort ganz bewusst fotografieren lassen - auch um zu zeigen, wo sie stand." Dennoch wurde die Auftragslage immer dürftiger.  

Martha Maas entschied sich, auch rein private Porträts zu machen, und zwar nicht nur von Menschen, sondern auch von Haustieren. Und so kamen neben Film- und Theatersternchen bald auch Pudel und Perserkatzen in die Pariser Straße 37. Dabei blieb Maas ihren Prämissen treu: "Der Fotograf muss die Fähigkeit haben, sich schnell in das Wesen, und zwar in das Charakteristische des Wesens seines Modelles, einzufühlen." Sentimentale Tierporträts können schnell banal wirken – in ihrem Falle jedoch sind sie von auffallender Ernsthaftigkeit. Unbeirrbar behält sie ihre Ansprüche bei, so dass die von ihr ins Bild gesetzten Hunde oder Katzen kaum weniger glamourös erscheinen als Hans Albers oder Zarah Leander. Dieses verzweifelte Festhalten an künstlerischen Maßstäben und am erlernten Beruf – war das ihre Ästhetik des Widerstands? David Ettlinger sieht im Ausweichen auf Tierporträts in erster Linie eine Überlebensstrategie. Die für eine Weile auch funktionierte. Bis Heiligabend 1938.

Copyright: : Stefan Maria Rother / Nachlass Martha und Walter Maas

Endgültiges Berufsverbot

Da erhielt Martha Maas eine Postkarte der Handwerkskammer: "Auf Grund der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben werden wir Sie mit Wirkung vom 1. Januar 1939 in der Handwerksrolle löschen." Dieses Berufsverbot muss ein Schock für sie gewesen sein; im laufenden Jahr hatte sie trotz der Schikanen immerhin noch einen Umsatz von 5313,29 Reichsmark erwirtschaftet.

Entlassung aus dem Sammellager in der Rosenstraße

Während Frieda Riess beizeiten nach Frankreich emigrierte und es beispielsweise dem Berliner Fotografenlehrling Helmut Newton gelang, über Singapur nach Australien zu kommen, schaffte das Ehepaar Maas den geplanten Sprung in die Emigration nicht. Bei Kriegsbeginn wurde Walter zur Wehrmacht eingezogen. Ein Jahr später jedoch wurde er entlassen, "wehrunwürdig wegen nichtarischer Versippung". Bis Kriegsende arbeitete er dann in einem Rüstungsbetrieb. Martha wurde 1942 zur Zwangsarbeit in einem Konfektionsbetrieb für Wehrmachtsuniformen verpflichtet. Bei der „Mischehenaktion“ im Februar 1943 wurde sie verhaftet und acht Tage im Sammellager Rosenstraße inhaftiert.

David Ettlinger war bereits 1934/35 mit dem Kinderheim Ahawa nach Palästina ausgewandert. Luise Rosenfeld, Marthas Mutter, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie 1944 an Unterernährung starb.

Der Ausweis einer Gezeichneten

Martha selbst überlebte, wenn auch unter großen Entbehrungen; ihre Schufterei für die Wehrmacht wurde als „kriegswichtig“ eingestuft. Sie musste dann lange um ihre Anerkennung als "Opfer des Nationalsozialismus" kämpfen. Von den Folgen des Berufsverbots, der Zwangsarbeit und des Krieges hat sie sich nie wieder richtig erholt. Sie arbeitete auch nie wieder als Fotografin.

Was machst Du im Sturm?

Walter Maas schrieb nach dem Krieg die erste deutschsprachige Biographie über Mahatma Gandhi. 1961 zog das Ehepaar in die Schweiz. Martha schrieb gelegentlich Aphorismen: "Wer viel spricht - hat wenig zu sagen." Oder: "Wenn Dich ein schwacher Wind umwirft - was machst Du im Sturm?"

Martha Maas (rechts) mit ihrer Cousine, der Psychoanalytikerin Ada Hirsch

Die beiden engagierten sich in einer Gruppe von Judenchristen, die von ihrem Neffen als "sektenähnliche Vereinigung" beschrieben wird, die aber vor allem Martha viel Halt gab. Ihr Mann entdeckte im fortgeschrittenen Alter zunehmend seine Homosexualität und erlebte sie auch.

Martha starb 1970 mit 77 Jahren. Ihre Fotografie geriet gänzlich in Vergessenheit. Nach Walters Tod 1981 berichteten die Nachbarn von Mülltonnen voller alter Fotos und Dokumente. Nur in Ettlingers Erinnerung sind seine Tante und sein Onkel bis heute gegenwärtig: "Sie waren unheimlich nette Menschen, korrekt und sehr menschlich. Wunderbare Charaktere, alle beide."

Die Ausstellung im Berliner Lette-Verein holt die Arbeit der Martha Maas dorthin zurück, wo sie einst begann.

 

 

Diese von Stefan Maria Rother erarbeitete Ausstellung ist bis zum 26. Februar in der Bibliothek des Lette-Vereins in Berlin zu sehen. Ab dem 4. Juni wird sie dann im Kunstschacht Zollverein in Essen gezeigt, im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas 2010.



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