Meine türkischen Freundinnen

Eine Frauenärztin ist froh, dass sie zu ihr kommen

Von Cordula Sievert*

Ein Tag Deutschland - Porträts aus Köln

Copyright: Wim Woeber & Ralph Wentz / Springer F3

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Als ich meine Ausbildung an einem konfessionsgebundenen Krankenhaus in einer idyllischen Kleinstadt begann, waren sie schon da. Die Männer so genannte Gastarbeiter, die Frau trugen Kopftuch und hatten viele Kinder. Sie sprachen kein Wort Deutsch, ernteten erstaunte Blicke, aber keine hasserfüllten. Viele Deutsche waren froh, dass andere die „niedrigen“ Arbeiten für sie erledigten.

Ins Krankenhaus kamen die Türkinnen vor allem zu den Geburten. Wir waren stolz, High-Tech-Kreißsäle zu haben, was die Frauen gelegentlich nicht daran hinderte, sich in einer Ecke niederzulassen, um so zu gebären, wie sie es kannten.

Bei der Visite roch es nach schwerem, teurem, für uns oft schwer erträglichem Parfüm, die Türkinnen strahlten, wenn unser Chef zur Begrüßung „Atatürk“ sagte, und zählten und verglichen die vielen goldenen Armreifen mit der Nachbarin – Ausdruck der Liebe ihres Mannes.

Während der Besuchszeit waren die Krankenzimmer kaum mehr begehbar, denn an jedem Bett stand der vollzählige Familien-Clan. Wie gesagt, es war ein christlich geführtes Krankenhaus, aber dass die Patientinnen Musliminnen waren, fand niemand der Rede wert.

Später, in meiner Arbeit als niedergelassene Frauenärztin, lernte ich sie näher kennen, lernte das Verhalten: Wer wann das Sagen hat (sie im Haus, er draußen). Der Mann kam mit – auch zu den Untersuchungen. Er ließ sie erst alleine gehen, wenn er sich überzeugt hatte, dass sie hier gut behandelt wurde. Oft erlebte ich – dank Körpersprache – wie die nachzuvollziehende Angst in diesem Umfeld in ein Lächeln überging.

Sie sprachen immer noch kein oder nur gebrochen Deutsch. Es belastete niemanden…

Dann kam die Zeit, als die hier geborenen Kinder Deutsch sprechen konnten, kein Kopftuch tragen wollten, sich westlich erlebten und in den Clinch mit der traditionellen türkischen Familie gerieten – mit vielem Leid und viel Uneinsichtigkeit, vor allem der männlichen Familienmitglieder.

In all den Jahren des Vertrautwerdens habe ich auch Fragen an sie gestellt. Wie sie den Ramadan erleben und warum er nötig ist („um zu lernen, wie sich Hunger anfühlt“), was Allah über die Abtreibung denkt („Allah meint, den Kindern soll es gut gehen, wenn wir das nicht gewährleisten können, ist sie erlaubt“).

Beim Nachdenken fallen mir überwiegend positive Erlebnisse ein. Sie haben mir Geschenke aus dem Urlaub mitgebracht, zum Beispiel Ohrringe oder ein rotes Plüschtier mit der Aufschrift „Ich liebe Dich“.

„Was willst du?“ Ich hätte sie beleidigt, wenn ich ihre Gaben nicht angenommen hätte. Sie haben mich innig umarmt, als sie meine Trauerkleidung sahen und erfuhren, dass meine Mutter gestorben war.

Gerührt, gefreut und zum Lachen gebracht hat mich das Gespräch mit dem Vater eines neugeborenen Kindes.  Es kommt wohl recht selten vor und gilt als Geschenk, wenn ein türkisches Kind blaue Augen hat. Der Mann, dessen Frau bei mir zur Schwangerschaftsbetreuung war, erzählte nicht nur mir, sondern allen, die es hören wollten, sein Kind habe blaue Augen, weil meine blauen Augen auf seine Frau gesehen hätten.

* Name geändert



Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.




 
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