Der vergessene Riese
Flußfahrt auf dem Mississippi
Amerika kehrt ihm für gewöhnlich den Rücken zu. Es sei denn, er bringt sich mit einer Naturkatastrophe in Erinnerung. Auch um seine immense Bedeutung als Transportweg weiß man nur wenig, noch weniger von den Menschen, die auf ihm leben.
Das soll ein Schiff sein? Diese schwankende, stampfende, grün-weiße Pagode, zwanzig Meter hoch und gar nicht sehr viel länger, mit einem Prellbock vorne dran, der im Wasser wühlt, als wolle er darunter kriechen? Ohne ihre Ladung sieht die Betty Lynn bemitleidenswert unvollständig aus, ein halber Zentaur. Kapitän Orval Roberts ist der Anblick denn auch etwas peinlich. "Sehn wir zu, daß wir wegkommen," murmelt er und schnippt mit den Fingern. Er ist ein leiser Kapitän. Einer, der sich in 39 Dienstjahren das Recht auf gewisse Verschrobenheiten erworben hat. Einen Monat lang wird die Betty Lynn ihm und seiner achtköpfigen Crew lauschige Insel sein und schwimmendes Gefängnis, werden sie, ohne je an Land zu gehen, zwischen St. Louis und New Orleans hin und her fahren. Auf dem großen, launischen Mississippi.
Gäste werden als erstes in die gute Stube geführt: in den Maschinenraum. Wenn das Schiff ablegt, wird er zur lackierten Hölle, entfesseln 6000 Pferdestärken einen Geräuschorkan. Die öl- und dieselgesättigte Luft erhitzt sich im Sommer auf sechzig Grad. Hier ist Chucks Reich. Er betritt es nur mit Gehörschutz, der den schlimmsten Lärm außen vor hält. Sein kräftiger, untersetzter Körper wirkt dennoch wie ein Panzer. Zu Hause schreit er die ersten Tage und schläft unruhig, aufgeschreckt durch ohrenbetäubende Stille.
Ein Floß aus Lastkähnen muß zusammengestellt und mit der Betty Lynn vertäut werden. Das allein dauert 24 Stunden. Aus der Luft sieht es schließlich wie eine Tafel Schokolade aus, die von einer eisernen Faust den Fluß hinabgeschoben wird.
Kleinere Schiffe schaffen die schwimmenden Container herbei. Einige werden an Schleuse Nummer 27 abgeholt, der letzten vor New Orleans. Während zahlreiche Schleusen und Dämme den Oberlauf des Mississippi an die Kandare nehmen, hat der Unterlauf auf den 1000 Meilen bis zur Mündung Freigang. Nummer 27 reguliert einen Kanal, der eine Kette von Stromschnellen umgeht. Diese kurze, weithin unbekannte Rinne ist die beladenste Schiffahrtsstraße der Erde. Hier schippern mehr Güter hindurch als im Panama-Kanal: über achtzig Millionen Tonnen jährlich. Vor allem Weizen, Mais und Sojabohnen aus den Agrarwüsten des Mittleren Westens, die für Ägypten, China oder Deutschland bestimmt sind. Eine Armada von Schubverbänden befördert sie auf dem längsten Fließband der Welt nach New Orleans.
Brot für die Welt
Die übrigen Lastkähne kommen in East St. Louis dazu. Hier ragt eines jener Betonsilos auf, welche die Ufer prägen wie Burgruinen den Rhein. Eine unablässige Karawane von 45-Tonnern und Güterzügen kippt den Erntesegen in die Auffangtanks, wo er sortiert, getrocknet und zwischengelagert wird. Ein gewaltiger Ausleger streckt sich den Schiffen entgegen, speit mit seinem Rüssel binnen einer Stunde Weizen für zwei Millionen Brotlaibe in jeden Kahn.
Der Fluß trennt hier nicht nur den Westen vom Osten, die Staaten Missouri und Illinois, er trennt auch zwei Welten. East St. Louis, ein verrotteter Vorort inmitten von lärmenden Industriekomplexen und einem Wirrwarr kaum mehr benutzter Eisenbahngleise, verzeichnet eine der höchsten Mordraten der USA. "Das einzige, was es dort gibt, ist Ärger", schnaubt Orval. Am gegenüberliegenden Ufer präsentiert sich St. Louis mit aufgeblähter Brust, mit glitzernden Hotels, Bürotürmen und der stählernen Parabel des Gateway Arch. Die Wohngebiete wuchern dreißig Kilometer weit nach Westen, anstatt den einen Kilometer nach Osten, über den Fluß hinweg, zu wagen. Die Stadt will gar nicht wissen, was hinter ihrem Rücken vor sich geht; der Mississippi schleicht denn auch wie ein geprügelter Hund um sie herum.
Seit den dreißiger Jahren wurde er in faustischem Streben massiv begradigt, aufgestaut und eingedeicht, wurde seiner natürlichen Überflutungsflächen beraubt. Wenn dann aber eine große Flut kommt, wie zuletzt 1993, wirkt sie um so verheerender. Freilich würde es auch ohne jede Regulierung starke Überschwemmungen geben. "Denn", resumiert Orval und späht über seine Brille hinweg, wobei er immer wie Walter Matthau aussieht, "denn", meint er und legt seine ganze Erfahrung in diesen Satz, "ein Fluß ist ein Fluß".
Ohne Unterlaß wird die Fracht der Betty Lynn zusammen-geschoben. Wenn es dunkelt, wirft Orval die Karbid-Scheinwerfer an. In einsamen Nächten macht er sich auch mal einen Spaß daraus, Zugvögel zu blenden. Aber nur ganz kurz. Matrosen in durchgeschwitzten T-Shirts zerren Stahltrossen über das Vorderdeck und winden sie um die Poller. Es sind junge, unverheiratete Männer aus den Kleinstädten des Südens, mit Armen wie Schenkeln.
Gegenüber schimmert der Gateway Arch, diese Apotheose des Aufbruchs, doppelt so hoch wie die Freiheitsstatue. Er markiert den Nullpunkt des Wilden Westens. Eine perfekte Form, kühn und keusch am Fluß aufragend, das Welt- neben dem Naturwunder, ein Monument der Verheißung. So sieht Amerika sich gerne: eine Gesellschaft furchtloser Pioniere, die das Unbekannte hinter sich lassen.
Das war die große Zeit des Mississippi. Heute gibt es, abgesehen von zwei Raddampfern für teure Nostalgiefahrten, keinerlei Passagierverkehr mehr. Sport- und Fischerboote tummeln sich überwiegend auf dem Oberlauf, südlich von St. Louis scheint es einfach zu weit von A nach B. Die Ufer sind leer, der Fluß aber voll, ein Schubverband folgt dem anderen. Befriedigt drückt Orval zwei Hebel nach vorn, die Motoren erbeben. Eine wogende Kielwasserschleppe entfaltend, reiht die Betty Lynn sich ein.
Der große Unbekannte
Kaum hat sie die Stadt hinter sich gelassen, beginnt das grüne Spalier, das den Fluß mit wenigen Unterbrechungen bis Louisiana säumt. Eine meditative Monotonie prägt die Tage. Weder romantisch noch bedrohlich, vermittelt sie eine Vorstellung von der Geräumigkeit dieses Kontinents. Die wenigen Städte und Dörfer, in respektvoller Entfernung errichtet, bleiben verborgen, nur nachts verraten ihre Lichtschilder sie. Umgekehrt ist vom Land aus kaum an den Mississippi heranzukommen - dort gibt es ja nichts.
Nur alle paar Stunden rauscht das Schiff unter einer Brücke durch. "Wer eine kennt", meint Orval, "kennt sie alle." Die einzige Abwechslung bieten die anderen Schiffe. Die Kapitäne stehen über Sprech- funk miteinander in Verbindung. Oft rufen sie sich schon, wenn noch drei, vier Biegungen dazwischen liegen. Sie tauschen sich über den Zustand der Fahrrinne aus und gleiten auf einem trägen Strom kollegialer Konversation aneinander vorbei:
"Hey, Phil, was hast du da für braune Schlacke geladen?"
"Das ist Dinosaurierscheiße."
"Red keinen Stuß."
"Noch nie Dinosaurierscheiße gesehen? In Wisconsin sind sie ganz wild auf das Zeug."
"In Wisconsin hab ich ne Cousine."
"Ich hab eine in Oklahoma."
"Da ist ja Wisconsin noch besser. Aber jetzt sag mal - is das Stahlwolle? Oder Klärschlamm, oder was?"
"Ich werd‘s dir verraten."
"Also?"
"Es ist Dinosaurierscheiße."
Das Küchenradio wird vom Dröhnen der Motoren mundtot gemacht. Dorothys weißer Salon im Wassergeschoß ist Vorratskammer, Küche, Büffet und Speisesaal zugleich. Beköstigt wird morgens und nachmittags um fünf, mittags um elf, jeweils zum Schichtwechsel. Es soll den Jungs an nichts fehlen: Volle Fleischtöpfe, opulentes Beiwerk, eine Dressing-Orgel mit den appetitlichsten Registern, eine sich wundersam erneuernde Kollektion von Keksen und Kuchen, mit denen Dorothy die Männer zähmt. Soviel diese auch verputzen, sie weist stets darauf hin, daß noch mehr da sei. Das Essen ist das wichtigste Ritual an Bord, das die Tage und Wochen strukturiert. Wenn es Hühnchen gibt, weiß jeder, daß wieder Sonntag ist.
In ruhigen Gewässern weit jenseits der fünfzig angelangt, steuert Dorothy einen geraden Kurs. Von untadeligem Ruf und mütterlicher Strenge, ist sie Ernährerin, Maskottchen und auch Kummerkasten ihrer Jungs. Mit übereinandergeschlagenen Beinen thront sie, immer etwas abgerückt, auf ihrem Küchenhocker und sieht zu, wie es ihnen schmeckt. Sie ist der Küchenkapitän.
Meist hat sie die Vorhänge vor die Luken gezogen. Denn sie mag ihn nicht besonders, den verrückten alten Kerl, auch wenn sie seit vierzehn Jahren auf dem Mississippi lebt. Erst neulich hat sie wieder ein Demo-Video gesehen, was alles so passieren kann. Verhakt sich einer der Kähne an einer Sandbank, dann reißen die Taue wie Schnürsenkel, und wenn da ein Matrose an Deck ist, hauen sie ihn mittenentzwei. Oder wenn einer bei den täglichen Kontrollen, während sie die Trossen und Ballasttanks prüfen, von einem Brecher gepackt wird und unter das Floß gerät - gräßlich. Oder der Maschinist der Ecechiel, der im Winter eine defekte Pumpe ans Tageslicht hievte und dabei ausglitt. Die Pumpe hing noch an der Reling, die Leiche tauchte erst im Frühjahr auf.
Kaffee, Dorothy - was wäre ein Kapitän, schnipp!, ohne Kaffee. Orval tigert herein und nascht von den Brownies. Sein Vize Bob hat ihn abgelöst. Die Mannschaft schmatzt, knackt Sellerie. "Eat it or work" - über diesen Spruch ist Dorothy erhaben. Bei ihr haben die Jungs noch jedesmal einige Pfund zugelegt.
Von wegen Southern Comfort
Da Alkohol strikt untersagt ist - ebenso politische und missionarische Aktivitäten - trinken alle Eistee und Limonade. Sie halten sich am Essen schadlos, stellen herausfordernde Kreationen zusammen: Hamburger mit Ahornsirup, Schokotorte an Püree, Truthahn mit gerösteten Marshmallows. Am Ende wischen sie sich die Lippen und klopfen die üblichen Sprüche. "Danke, Dorothy, war wieder prima. Und was wir dir schon immer sagen wollten: du bist die bestaussehendste Frau auf dem Schiff. Ehrlich. Also dann: Man sieht sich."
Cape Giradeau zieht vorbei, und Chuck, der empfängliche Einzelgänger, der Maschinist mit den Maulwurfshänden, Chuck wird melancholisch. Tochter Cheryl geht hier aufs College. Die Familie ist der Anker seines Lebens. So sehr auch daran gerüttelt wurde - er hat gehalten. Viele Flußschiffer sind mehrfach geschieden, weil die Ehen im steten Wechsel von vier Wochen Dienst und zwei Wochen Privatleben erodierten. Täglich versenkt Chuck sich in die gerahmten Portrais auf dem Schreibtisch, erzählt von Cheryls bevorstehender Kiefernoperation oder von seiner Frau, die gerade wie besessen den Sonntagsstaat ihrer Baptistengemeinde zusammennäht.
Anstelle der Stadt sehen sie nur die kilometerlange Mauer, hinter der sie sich seit fünfzig Jahren verbarrikadiert. Separatismus und Wehrhaftigkeit sprechen daraus, aber auch puritanische Abscheu vor dieser unreinlichen, ungezogenen Natur. Zum Fluß hin hat man das Grau mit aufgemalten Wahrzeichen kaschiert: Kirchlein und Stadtvillen, Indianerhäuptling und Raddampfer. Nicht sehr überzeugend. Bereits einige Meilen stromab passiert die Betty Lynn einen Schiffsfriedhof, auf dem letzte Zeugen der Dampfschiffära zerfallen. Und was den Häuptling angeht, so beginnt genau hier der "Trail of Tears", auf dem 400 Indianer erfroren, als man sie vom Fluß vertrieb.
Chuck genießt die Elemente. Nach der Ablösung sitzt er an Deck, die Füße auf der Reling, späht mit dem Fernglas nach Wildgänsen und Seidenreihern. Er badet im Zwielicht, wenn das Wasser silbern glänzt wie Wellblech oder bronziert oder pfirsichfarben. Er vertieft sich in die Metamorphosen der Wellen, die mal dünn dahinkrabbeln, als ob ein Strick hindurchgezogen würde, dann schmatzend am Rumpf lecken, dann wieder wie in einem Whirlpool strudeln oder als pilzförmige Schilde tückische Strömungen anzeigen.
Die Freizeit an Bord ist kaum der Rede wert. Kein Pokerspiel, kein Gitarrenblues - eine Zigarettenpause ist meist das äußerste an Romantik, was Huck Finns Nachfahren zuwege bringen. Der Fernsehraum wird nur unregelmäßig besucht. Die Arbeit macht müde, und sechs Stunden später müssen sie wieder raus. Die Zweierkabinen wirken hell und ordentlich, neben der Schiffsbibel ruhen Westernromane und Busenwunder im Nachtkästchen. Johnny, 32, war vorher Lkw-Fahrer, aber hier verdient er mehr und gibt weniger aus. Was übrigbleibt, steckt er in die Discos von Memphis, seine beiden Rottweiler und seine derzeit elfteilige Waffensammlung.
Johnny ist der einzige Schwarze an Bord. Die Cargofirmen würden eben nur wenige einstellen, meint er achselzuckend. Orval erklärt es damit, daß sie erfahrungsgemäß nicht lange dabeiblieben. Sie kämen mit der Einsamkeit und Monotonie nicht klar. "Ja, wenn man nach acht Stunden nach Hause könnte, dann wär's der ideale Job."
Delta Queen und Jesus Navigator
Täglich wird der Fluß breiter und das Klima schwüler. Hinter der nächsten Biegung liegt - die übernächste. Wie ein Reptil aus einer unbekannten Schöpfungsmythologie windet der Strom sich durch das Land. Rote und grüne Lichter, Bojen und Tafeln markieren die Fahrrinne. "Jede Sandbank, jede Navigationsmarke besitzt einen Namen." Orval, in Strumpfsocken zwischen "Transsylvania" und "Arcadia" hindurchsteuernd, hat den Fluß als Film im Kopf, denkt immer drei Meilen voraus. "Hallo Meister," meldet sich die Jesus Navigator, "was läuft denn so?" - "Ah, nicht viel, nicht viel."
Für Memphis steht Dorothy sogar nachts auf. Zu hübsch glitzert die Pyramide, türmen sich die Hochhäuser, selbst die Trutzburg des Gefängnisses scheint ihr anheimelnd. Endlich mal wieder Menschenwerk, nach zwei Tagen im spinatgrünen Tunnel. Auf Mud Island wurde dem Mississippi ein Vergnügungspark gewidmet. Ein meilenlanges, begehbares Modell aus Ziegeln und Beton soll ihn der Nation näherbringen. Schulklassen lernen beim Durchwaten, daß er 31 Bundesstaaten entwässert, daß seine Quelle erst 1832 entdeckt wurde, daß der Bürgerkrieg sich auch an den Flußzöllen der Südstaaten entzündete. Das Rinnsal mündet, statt in den Golf von Mexiko, in einen Swimming-pool. Trotz Pressehymnen auf das angegliederte Museum klagen die Betreiber über das verhaltene Besucherinteresse. Immer nur Elvis - dabei ist der Mississippi doch auch ein Weltstar.
Um seiner Frau einen Brief zu schreiben, ist Chuck den halben Kilometer bis zum Bug des Floßes gewandert. Nur Wind und Wellen sind zu hören, und das Knirschen der Taue. Der Fluß ist jetzt breiter als der Starnberger See, sein schaumiges Karamel undurchdringlich. Berufstaucher hier spüren eine Leiche eher, als daß sie sie sehen. Einmal hat Chuck eine Probe entnommen. Nach zwei Tagen war das Wasser kristallklar, die Flasche zu einem Viertel mit Sand gefüllt. In der Wasseraufbereitung der Städte - von St. Louis bis New Orleans trinken sie gedankenlos den Mississippi - müssen Berge von Schlacke anfallen.
Per Funk angefordert, kommt abends ein Versorgungsboot längsseits, ohne daß die Betty Lynn deshalb ihre Fahrt verlangsamt. Diese schwimmenden Kramläden bieten Rasierklingen und Zigaretten feil. Im Zeitungsständer stecken zwei Illustrierte, drei Anglermagazine und acht mit nackten Mädels. Mit mehreren Briefen betraut, braust das Boot wieder zurück.
Immer stärker mäandert der Fluß, läßt Orval die Ruder swingen. Die engen Schleifen fordern volle Konzentration, er muß die Strömung einbeziehen und mehrfach zurücksetzen, um die Kurve zu kriegen. Nachts zeigt das Radar den Gegenverkehr an. Stromauf vereinigen die Flöße bis zu vierzig Kähne, ein Drittel davon leer. Die übrigen transportieren Schrott und Kies, vor allem aber Benzin, Dünger und Chemikalien aus den Industrie-Imperien des Südens.
Mitten in der Nacht glimmt Götterdämmerung am Horizont: ein grell beleuchtetes Atomkraftwerk mit einer Dornenkrone aus blitzenden Warnlichtern. Kaum ist die Betty Lynn wieder ins Dunkel eingetaucht, erscheint eine weitere Vision. Wie auf einem Gemälde von Turner zieht lautlos eine mehrstöckige, golden leuchtende Schatulle vorbei. An ihrem Heck läuft das Wasser als sprühender Schleier vom Schaufelrad. Es ist die Delta Queen, einer der beiden antiken Dampfer. Nachts bewahren sie noch etwas vom Zauber der Kerzenboote Tom Sawyers. Selbst die Crew der Betty Lynn gerät einen Moment lang ins Träumen: Das ist ein Schiff!
Sandkastenspiele
Am Morgen grüßen die Kanonen von Vicksburg herüber. Hier residieren die wahren Herren des Mississippi: das Corps of Engineers. Diese alte Armee-Institution kontrolliert die großen Wasserstaßen Amerikas. Wird irgendwo eine Schleuse oder ein Unterwasserdeich geplant, testen sie vorab die Bedingungen. In riesigen Hallen bauen sie das Gelände im Maßstab 1:100 nach, simulieren Hoch- und Niedrigwasser, Strömungen und Langzeitfolgen. Ferngesteuerte Betty Lynns gondeln hindurch. Allein diese experimentalhydraulische Abteilung hat 1500 Mitarbeiter. Es ist der größte Sandkastenspielplatz der Welt.
Die Jungs schrubben das Deck, Moskitos groß wie Libellen umschwirren sie. Verwunschene Wälder voller Lianen und Luftwurzeln flankieren die Ufer. Doch dann taucht Baton Rouge auf, die Hauptstadt Louisianas. Auf den hundert Meilen von hier bis New Orleans stehen die Industriekomplexe Schulter an Schulter, ragen die Minarette der Raffinerien empor, schieben sich Ozeanriesen an die Verladekais. Ein Sprung aus dem präkambrischen Ursumpf in eine fast ebenso menschenleere Science-fiction-Welt. Mittendrin umringt, feinmaschig eingezäunt, ein Quartett weißer Villen einen Ziegelschornstein - die letzte Leprakolonie Amerikas.
Nach fünf Tagen hat die Betty Lynn ihren Wendepunkt im Delta erreicht. Das Floß wird von Schleppschiffen aufgelöst, die Kähne mit einem Saugrüssel entleert, das Getreide von einer der größten Siloanlagen der Welt auf Hochseefrachter verteilt. Schon stellen emsige Zuträger ein neues Floß für St. Louis zusammen.
Der Fluß aber nimmt ein klägliches Ende, wird gedemütigt und verseucht, bevor er draußen bei Meile 0,0 gegen Unendlich geht. Wenn er könnte, wie er wollte, würde er sich einen anderen Weg bahnen, ein Stelldichein mit dem Atchafalaya suchen - und der ganze Korridor von Baton Rouge bis New Orleans säße auf dem Trockenen. Seit 120 Jahren hat man ihn deshalb kanalisiert und umgeleitet, wobei aber nicht zuviel abgezweigt werden darf, weil er sonst gleich das halbe Delta überschwemmt. Bei der großen Flut 1973 hätte das Corps of Engineers den Fluß fast verloren, so sehr drängte er zum Atchafalaya hinüber. Sie versicherten zwar, daß dies nie wieder passieren könnte. Doch 1993 stand Amerika dann wieder kurz davor. Und so resümiert Orval denn über den alten Herrn: "Dem Burschen ist nicht zu trauen. Je mehr man ihn zwingt, desto härter schlägt er zurück." Ruhig blickt er mit seinen aquamarinblauen Augen auf die Dächer von New Orleans, die zwei Meter unter ihm und dem Fluß liegen: "Wenn der einmal wirklich Ärger macht, dann - schnipp! - dann gute Nacht."
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Weitere Bilder von dieser Flußfahrt auf dem Mississippi präsentiern wir in MAGDAS Album.
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