Mopsmania

Kulturgeschichte eines Beutegreifers

Von Emanuel Eckardt

 

Der Mops mit dem Goldhelm, Öl auf Leinwand, 67,5 x 50,7 cm (Privatbesitz). Wird fälschlich Rembrandt Harmensz van Rijn (1606-1669) zugeschrieben. Diese bisher kaum bekannte Version entstand Anfang der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts im Atelier des Hamburger Malers Felix Eckardt.

 

Er wird besungen, bedichtet, belächelt. Kaum eine Kreatur löst so widersprüchliche Reaktionen aus, kaum eine bietet so ein komisches Erscheinungsbild: Ein kleiner Hund in modischem Beige, silber, apricot, rehfarben oder schwarz mit breiter Brust und dem tänzelnden Gang eines Dressurpferdes der spanischen Hofreitschule. Seine heisere Stimme erinnert an das Hüsteln eines indisponierten Tenors, sein runder Charakterkopf mit der dunklen Maske und den tiefen Sorgenfalten und dem anrührend unschuldigen Blick eines Seehundbabys löst Streichelreflexe aus. Oder herzhaften Abscheu. Der Mops polarisiert.

Dreißig Jahre lebe ich jetzt mit Möpsen, stets zu Diensten. Inzwischen genießt der fünfte Mops die Prinzenrolle in unserer Wohngemeinschaft, die nach dem Prinzip einer absolutistischen Monarchie funktioniert. Er ist der Fürst, dem wir die Wünsche von den Augen ablesen, dem wir Mahlzeiten, Medikamente und Mätressen zuführen. Wir organisieren unseren Alltag nach seinen Bedürfnissen und dem Rhythmus seiner Verdauung. Wir sagen Einladungen ab und verlassen Premierenfeiern, damit er nicht zu lange allein ist.

 

© Emanuel Eckardt
Mops auf Phantasiereise

Ein Raubtier als Hofhund

Der Mops ist eine Erscheinung von komprimierter Majestät, maßlos, aber auch maßlos charmant. Selbstbewußt und souverän setzt er seine Interessen durch. Habitus und Körpersprache sind barock. Der Mops neigt zur Fülle, zum frivolen Maskenspiel, zum Ornament. Unverwechselbar die doppelt geringelte Posthornrute, die auf verblüffende Weise der Schnecke einer Stradivari ähnelt. Der hoch differenzierte und zugleich zierliche Akt des Schwanzwedelns wirkt wie eine Pirouette der Evolution, die Zuspitzung der Wolfsnatur ins Absurde.

Ursprünglich kam der Mops, wie die Wollhandkrabbe oder die Frühlingsrolle, aus China. Ob schon mit den Reiterheeren Dschingis Khans oder auf der Seidenstraße, das liegt im Dunkel der Geschichte. Sicher ist, daß niederländische Ostindienfahrer den Bonsai-Molosser nach Europa brachten.

Lanzhou, China: Mitten im Reich der Möpse

Der Mops verkehrte stets in besseren Kreisen, an den Königshäusern und Fürstenhöfen Englands, Frankreichs und Spaniens, in den Niederlanden und im Deutschen Reich. Er machte Hofnarren arbeitslos, der Komödiant wurde zur Kultfigur, als Harlekin (der französische Name des Mopses ist Carlin), als Bajazzo con brio für Bett und Boudoir.

Der Mops lag dem europäischen Hochadel näher als Hofnarren, Hofmusiker oder Hofkaplane, denn er teilte mit ihm das Lager. Ein wachsamer Mops rettete Wilhelm von Oranien, Statthalter der Niederlande, und als Wilhelm III. König von England, das Leben, als spanische Söldner ihn überfallen wollten. Queen Victoria lebte an der Seite eines Mopses, der Herzog und die Herzogin von Windsor hielten sich gleich deren zwei, „Disraeli“ und „Trooper“.

 

Die Möpse der Dubarry

Für Madame Dubarry waren Möpse die wahren Sonnenkönige ihres Salons, Marie Antoinette liebte ihre Möpse bis zum bitteren Gang aufs Schafott, und Napoleon ließ es sich gefallen, dass „Monsieur Fortuné“, der größenwahnsinnige Mops seiner Gemahlin Josephine, ihm das Ehelager streitig machte. Der Schah von Persien hielt sich Möpse, der Fürst und die Fürstin von Monaco und Gloria Fürstin von Thurn und Taxis. Als Mopsfreunde gingen Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke und Andy Warhol in die Geschichte ein. Charmante Sonderlinge wie der Schriftsteller Gregor von Rezzori und der Modemacher Valentino konnten und können sich ein Leben ohne Möpse nicht vorstellen.

Der Mops ist, vielleicht neben der Erfindung des Piercings und der Fahrstuhlmusik, eine der sonderbarsten Kulturleistungen der Menschheit. „Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen“, weiß der preußische Adelsherr Vicco von Bülow, bekannt als Loriot und langjähriger Lebensgefährte zweier zuweilen stinkender, aber hochtalentierter Kleindarsteller. „Möpse vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen“, erkannte der Humorist und zieht Bilanz. „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“.

© Gerhard Westrich
Mops mit treuem Begleiter. Ein Leben ohne Loriot ist möglich, doch was hätte es für einen Sinn? - (Foto: Gerhard Westrich)

Kein Wunder, dass er zum Modehund wurde, in den USA ebenso wie in Westeuropa ist das liebe Tier in einen Mediensturm geraten; Möpse treten im Fernsehen auf, im Kino (Men in Black), in Magazinen. Eine heftige Nachfrage hat auch die Schweiz erfasst. „Wir haben Wartelisten“, sagt Madeleine Plumettaz, Mopszüchterin in Schwarzhäusern im Aargau, „das bedeutet, wir können uns die Leute aussuchen.“ Aber was machen die Leute, die nicht warten wollen? Der Mopsbedarf führt zu hektischem Zuchtbetrieb vor allem in osteuropäischen Ländern. Produktion und Verkauf der Tiere verkommt zum ambulanten Gewerbe. Das Geschäft boomt. Mopswelpen bringen schnelles Geld. Sie haben zwar keine Papiere, dafür aber eine kaum noch überschaubare Vielfalt von Gebrechen und Geburtsfehlern. Nicht selten folgt auf den Spontankauf ein böses Erwachen oder auch ein gnädiges Einschläfern beim Tierarzt.

Mopsdealer ohne festen Wohnsitz, die nur per Mobiltelefon zu erreichen sind, verkaufen die Tiere ungeimpft, ohne Chip und Papiere im Schuhkarton, während seriöse Mops-Züchter bemüht sind, den Gen-Pool ihrer Zwinger mit Augenmaß durch internationale Blutlinien auffrischen, und den knochenstarken, amerikanischen Typus dem englischen Mops vorziehen. Auf der britischen Insel hat sich bei den Mopsladies ein eher kleines Gesicht herausgemendelt.

Kein Wunder, dass er zum Modehund wurde, in den USA ebenso wie in Westeuropa ist das liebe Tier in einen Mediensturm geraten; Möpse treten im Fernsehen auf, im Kino (Men in Black), in Magazinen. Eine heftige Nachfrage hat auch die Schweiz erfasst. „Wir haben Wartelisten“, sagt Madeleine Plumettaz, Mopszüchterin in Schwarzhäusern im Aargau, „das bedeutet, wir können uns die Leute aussuchen.“ Aber was machen die Leute, die nicht warten wollen? Der Mopsbedarf führt zu hektischem Zuchtbetrieb vor allem in osteuropäischen Ländern. Produktion und Verkauf der Tiere verkommt zum ambulanten Gewerbe. Das Geschäft boomt. Mopswelpen bringen schnelles Geld. Sie haben zwar keine Papiere, dafür aber eine kaum noch überschaubare Vielfalt von Gebrechen und Geburtsfehlern. Nicht selten folgt auf den Spontankauf ein böses Erwachen oder auch ein gnädiges Einschläfern beim Tierarzt.

Mopsdealer ohne festen Wohnsitz, die nur per Mobiltelefon zu erreichen sind, verkaufen die Tiere ungeimpft, ohne Chip und Papiere im Schuhkarton, während seriöse Mops-Züchter bemüht sind, den Gen-Pool ihrer Zwinger mit Augenmaß durch internationale Blutlinien auffrischen, und den knochenstarken, amerikanischen Typus dem englischen Mops vorziehen. Auf der britischen Insel hat sich bei den Mopsladies ein eher kleines Gesicht herausgemendelt.


© Emanuel Eckardt
Mops mit Nürnberger Trichter

Leider ist dem Mops auch die Nase abhandengekommen, eine Folge des englisch dominierten Schönheitsideals im Internationalen Verbandwesen, das die Briten genau so beharrlich verteidigen wie das Recht auf den eigenen Rinderwahnsinn. Prämiert werden „viel Charme, Würde und Intelligenz“ und Ohren, „weich wie schwarzer Samt“. Die Richter am Ring achten auf schwarze Zehennägel und eine hochangesetzte doppelt eingerollte Rute. Doch im Bereich der Sinne schrumpft die Preisrichterpoesie zu prosaischer Kälte: Der Fang heißt es, sei „kurz, stumpf, quadratisch“. Kein Wort über die Nase. In Richtersprüchen prämierter Exemplare taucht sogar das Wort „noseless“ auf, nasenlos. Was für ein Tier!

 

Genießer und Anarchist

Im Interesse eines fragwürdigen Schönheitsbegriffs mutiert der kernige kleine Ringelschwanzdynamiker vom Naturburschen zur zuchtbuchgerechten Designer-Kreatur mit nasenfreiem Knautschgesicht. So prämieren Juroren schon mal ein atemloses Zierkissen mit „negativer“ Nase. „Die Welt wird nichts verlieren, wenn dieses abscheuliche Tier samt seiner Nachkommenschaft den Weg allen Fleisches geht“, urteilte Alfred Brehm, Ahnvater fundamentalistischer Tierschützer, schon vor 150 Jahren über das arme Tier, das sich so gern in fremde Küchen verirrte.

Was selbst kritische Verhaltensforscher dem ewig hungrigen Mops nicht absprechen, ist sein Organisationstalent im Beschaffungswesen. Der Mops ist Gourmet, phantasievoll und kreativ im Aufspüren von Genussmitteln wie gekochte Gurgel, Schokoladenplätzchen oder unbewachtes Katzenfutter. Doch für eine Karriere als Leistungsträger oder Gebrauchshund mangelt es ihm an Ehrgeiz. Als Wachhund fehlt ihm die fremdenfeindliche Attitüde, seine Disziplinlosigkeit macht ihn ungeeignet für den Öffentlichen Dienst. Möpse sind in keiner Hundestaffel zu finden, und gehören auch nicht zur großen Zahl der heute meist arbeitslosen Gebrauchshunde, die Schlitten ziehen, Hooligans ängstigen oder Schafe beruhigen könnten.

Dabei sind Möpse keinesfalls träge, lieben das Schäferspiel in freier Natur und spontane Parforcejagden; sie pflegen vorurteilslos und leutselig den Umgang mit gewöhnlichen Hunden. Auffällig ist die subversive Neigung zur Anarchie: Anders als in gut organisierten Gesellschaften gibt es im Mopsrudel keine geregelte Arbeitsteilung, etwa als Aufpasser. In größeren Rudeln geht bei Möpsen alles durcheinander, vergleichbar etwa einem grünen Parteitag. Bei einer Störung bellt nicht einer, sondern alle, um dann in völlig verschiedene Richtungen davon zu rennen, als wäre in ihrer Mitte ein Knallfrosch explodiert. Wenn es zum Äußersten kommt, wird der Mops sein Rudel heroisch verteidigen.

© Emanuel Eckardt
Mops als Kampfhund

Er zeigt dabei einen erstaunlichen, aber für diese Rasse typischen Realitätsverlust. Ein kämpfender Mops hält sich für einen Pitbull. Das hervorstechendste Verhaltensmuster des gemeinen Hausmops ist jedoch seine soziale Kompetenz und sein ruhiges, friedliches Wesen. Möpse liegen gern aneinander gekuschelt, gern auch gestapelt übereinander, und suchen Kontakt mit anderen Heizkörpern, wie Katzen, Wärmflaschen oder Menschen.

 

Der schöne Bruno

Einer unserer Möpse, der schöne Bruno, pflegte eine homoerotische Beziehung zu unserem Siamkater, vielleicht, weil er ihn wegen der dunklen Maske für einen Siamköter hielt. Aber er war auch ein Hetero. Die Hundedamen legten sich in Gras, sobald sie ihn sahen, weil er der Zärtlichste war unter den Hunden.

In späteren Jahren hatte Bruno ein stark vergrößertes Herz, was daher rührte, weil er, wie fast alle Möpse, nicht genug Luft bekam. Die über viele Jahrzehnte konsequent betriebene Rückzüchtung der Nase auf Null führt bei den von Natur aus sportbegeisterten Beutegreifern zu chronischer Atemnot und einer Veränderung des Rachenraums, zu jenem selten verstummenden Schnarchen und Schnurgeln. Das Schnurren eines Mopses klingt blubbernd, als wäre er die Harley Davidson unter den Katzen. Ursache ist das – zuchtbedingt - tief in den Rachen hineinragende Gaumensegel, die große Flatter im Atemwind.

Brunos Heilpraktikerin, Gesprächstherapeutin und Hofdame, mit der ich verheiratet bin, machte sich große Sorgen. Seinetwegen hatten wir ein Auto mit Klimaanlage gekauft; er sollte im Sommer nicht unter der Hitze leiden. Seinetwegen haben wir dann das teure Auto nur selten benutzt, weil Laufen für ihn gesünder war. Wir mischten teure Medikamente in sein Futter, konsultierten einen Herzspezialisten für Haustiere, der ein High Tech-Diagnosezentrum unterhielt, das mein Internist sich niemals leisten könnte und verfielen schließlich auf die Idee, einen zweiten Mops ins Haus zu holen, als Herzschrittmacher. Mopswelpe Gustav brachte den Herzschlag des Älteren auf Touren, indem er sich mit kleinen scharfen Piranhazähnen fest in seine Lefzen verbiss und mit ihm durch die Wohnung trabte, ohne sich abschütteln zu lassen. Sie waren unzertrennlich. Bruno lebte noch zwei Jahre.

Mops Gustav liebte Hausmusik. Zwar hat er, wie die meisten Haushunde, das Chorheulen der Wölfe verlernt, doch er sang gern mit Begleitung und verblüffte unseren Klavierstimmer: „Der trifft ja genau den Ton!“ Gustav fand es unter seiner Würde, wenn wir das Heulen von Möpsen imitierten. Aber die Arie des Don Ottavio „Dalla sua pace“ aus Mozarts „Don Giovanni“ ließ ihn nicht ruhen. Er stimmte ein, mit breiter Brust und langem Atem, ein Fritz Wunderlich unter den Möpsen.

 

© Emanuel Eckardt
Und das ist Alma ...

Hugo ist der Boss

Jetzt leben wir mit Hugo, einem dieser Möpse, deren Nase nicht mehr zum Profil beitragen. Abgesehen davon ist er kein gewöhnlicher Mops. Er frisst gern Gras oder das Feuilleton unserer Wochenzeitung. Er schnauft nicht, schnarcht nicht, ist schlank wie ein Windhund und versucht auch so zu rennen. Ich arbeite gern für ihn, und er für mich, als mein Fitness-Trainer, Bodyguard und Outdoor-Coach, der dafür sorgt, dass ich nie zu lange am Computer sitze.

Seine Ansprüche sind die eines Bewegungsnaturells. Unser Sportmops ist Mitglied einer kleinen Mopssportgruppe, liebt Agility-Training, Leichtathletik und Wettrennen mit großen Hunden. Wenn sie ihn einholen, schlägt er Haken wie ein Hase. Im Dog-Dancing hat er den Grundkurs erfolgreich abgeschlossen, wir überlegen, ob wir ihm Ballettstunden geben oder doch besser mit lateinamerikanischen Tänzen anfangen sollen. Aber letzlich liegt die Entscheidung bei ihm. Er ist der Boss.

 

© Emanuel Eckardt
... Hugos große Liebe




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