Mein siebenfaches negatives Glaubensbekenntnis

Oder: Was mir vom Christentum geblieben ist

Von Uta Ranke-Heinemann

Copyright: Max Milan Marsalek
Die Illustrationen zu unserer christlichen Artikelreihe hat der Cartoonist Max Milan Marsalek - zum größten Teil exklusiv - für MAGDA angefertigt. (Copyright: www.maxm.de)

Meine Probleme mit dem Christentum beginnen rund 300 Jahre nach der Geburt Jesu. Damals machte Kaiser Konstantin das Christentum zur Weltreligion und gab den christlichen Bischöfen unter anderem auch das Recht einer eigenen Gerichtsbarkeit (privilegium fori).  Zeichen: der Krummstab oder Hirtenstab. Konstantin hatte nämlich, so berichtet sein Biograph Eusebius, vor der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 "mit seinem Heer (!) am Himmel ein Kreuzzeichen gesehen mit den Worten: 'In diesem Zeichen wirst du siegen!'" Er siegte dann auch in diesem Kreuzzeichen, ließ seinen Gegner Maxentius von der Milvischen Brücke stürzen und gab dem Christentum aus Dankbarkeit viele Privilegien. Militarismus ist seitdem das erste Kennzeichen des Christentums.

Das Christentum hat seitdem nur noch wenig mit Jesus zu tun. Denn Jesus lehrte die Absage an die Vergeltung und das Gebot der Feindesliebe, gemeint  ist "den Feinden Gutes tun" (Mt 5,39b-41 und 5,44-48), was sogar zu den wenigen Worten Jesu gehört, die wirklich von Jesus gesagt wurden, während viele Worte, wie sie jetzt im Neuen Testament von ihm stehen, ihm nach seinem Tod in den Mund gelegt wurden. (Er war zum Beispiel ein Anti-Höllenprediger, die drohenden Höllenworte stammen nicht von ihm.) Jesus pries also in der Bergpredigt die Pazifisten (in der lateinischen  Übersetzung der Vulgata: pacifici) selig. Aber Jesus hat seine Worte schon damals in den Wind geredet und in den christlichen Sand geschrieben. Seit Konstantin steht Pazifismus = Friedenstiftung und Unterlassung der Vergeltungsschläge nicht mehr im Programm, obwohl die Befolgung dieser Worte Jesu und keineswegs das Blut seiner grausamen Kreuzigung die "Erlösung" der Menschheit gewesen wäre. Aber laut Montesquieu gab es nirgends so viele Kriege wie bei den Christen (Lettres persanes 29).

Und es war also Militärbischof Walter Mixa, der dank der Privilegien der eigenen Gerichtsbarkeit die Mißbrauchsfälle von der katholischen Kirche weg auf andere schob, völlig sinnloserweise auf die 68er. Die Mißbrauchsfälle hängen aber zusammen mit dem zweiten Laster der Christen, das seit Luther nur noch Laster der katholischen Kirche ist: nämlich mit der Frauen- und Sexualfeindlichkeit. Und Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, verlangte arroganterweise dank seiner Privilegien innerhalb von 24 Stunden eine Entschuldigung von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die den mangelnden Aufklärungswillen der Bischöfe bezüglich der Mißbrauchsfälle beklagt hatte.

Copyright: Stuart Mentiply
Theologin Ranke-Heinemann: Auch der Skeptiker kann Christ sein (Foto: Stuart Mentiply)

Ich habe mich mehr und mehr vom Christentum entfernt, aber da ich mich so oft im Leben geirrt habe, wie sollte ich da nicht vorsichtig umgehen mit menschlichem Irrtum? Errare humanum est – Irren ist menschlich. Es wäre ein Irrtum, den Irrtum beseitigen zu wollen. In allem Irrtum aller Religionen verbirgt sich ein Keim von Wahrheit. Und jeder findet die Wahrheit zuerst im Rahmen dessen, was seine Eltern und Lehrer ihn lehren. Und alle Wege führen zu Gott, und am Ende gelangen wir alle zu ihm, und zwar jeder auf seine eigene Weise.

Mein entscheidender Lehrer war der evangelische Theologe Rudolf Bultmann, berühmt geworden durch seine "Entmythologisierung des Neuen Testaments". Zu ihm hatte mich 1944 meine Mutter Hilda, die 1926 bei Bultmann ihr Staatsexamen gemacht hatte, auf der Flucht vor den Bomben gebracht. In seiner Familie lebte ich bis zum Ende des Krieges.  Die Erinnerung an Rudolf Bultmann, den Gelehrten voller Hilfsbereitschaft, den Aufgeklärten voller Frömmigkeit, hat mich durch mein Leben begleitet, als bei mir die Zweifel größer wurden. Aber gleichzeitig hat mich sein Beispiel gelehrt, dass auch der Skeptiker ein Christ sein kann, wenn auch nicht auf die herkömmliche Weise.

Ich habe meinen Glauben (nicht Hoffnung und Liebe) verloren. Dies ist mein siebenfaches negatives Glaubensbekenntnis:

  1. Die Bibel ist nicht Gottes-, sondern Menschenwort.
  2. Daß Gott in drei Personen existiert, ist menschlicher Phantasie entsprungen.
  3. Jesus ist Mensch und nicht Gott.
  4. Maria ist Jesu Mutter und nicht Gottes Mutter.
  5. Gott hat Himmel und Erde geschaffen, die Hölle haben die Menschen  hinzuerfunden.
  6. Es gibt weder Erbsünde noch Teufel (seit Wojtyla/Ratzinger  wieder Zunahme von Teufelsaustreibungen).
  7. Eine blutige Erlösung am Kreuz ist eine heidnische Menschenopferreligion nach religiösem Steinzeitmuster.   

Das Einzige, das Positive, was mir vom Christentum geblieben ist – und für dieses Einzige bin ich meinen Eltern und dem Christentum dankbar, denn es ist das Einzige, was mich theologisch überhaupt je interessiert hat – ist die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den geliebten Toten im Jenseits. Ich gehöre zu den „Vielen“, von denen Sokrates sagte:

„Viele, denen Geliebte (paidikoí) und Frauen und Kinder starben,
gingen bereitwillig in den Tod,
denn sie waren von der Hoffnung getrieben,
dass sie die, nach denen sie so sehr sich sehnten,
nach ihrem Tod wiederfinden
und mit ihnen zusammensein würden.“
(Platon, Phaidon 68 AB)

Und zum Schluß  noch mein Lebensmotto mit den Worten des Dichters Jean Paul (in „Selina oder Über die Unsterblichkeit der Seele“):

„Es ist, als hätten die Menschen gar nicht den Mut, sich recht lebhaft als unsterblich zu denken, sonst genössen sie einen anderen Himmel auf Erden als sie haben, nämlich den echten – die Umarmung von lauter Geliebten, die ewig an ihrem Herzen bleiben und wachsen – die leichtere Ertragung der Erdenwunden – das frohere Anschauen des Alters und des Todes als des Abendrots und des Mondscheins des nächsten Morgenlichts... Und der alte, von den wiederkäuten Neuigkeiten der Erde übersättigte Mensch geht und stirbt neuen Wundern entgegen“.



Was halten Sie vom Christentum? Rund ein halbes Jahrhundert ist es her, dass eine Anthologie erschien, die einen Schrei der Empörung auslöste. Ihre Titelfrage „ Was halten Sie vom Christentum?“, von Karlheinz Deschner gestellt, veranlasste unter anderen Heinrich Böll, Max Brod, Arnold Zweig und Arno Schmidt zu Antworten, die mit christlichen Werten und kirchlichem Wirken provokativ abrechneten. Alle Jahre wieder bietet die Adventszeit Anlass, diese Frage zu wiederholen. In einer mehrteiligen Serie nimmt sich auch MAGDA in diesen Wochen der Frage an.

Uta Ranke-Heinemann war die erste Frau der Welt, die eine Professur für katholische Theologie erhielt (1970), und die erste Frau der Welt, die sie wieder verlor (1987), weil sie an der Jungfrauengeburt zweifelte. Ihre bekanntesten Bücher sind "Eunuchen für das Himmelreich" (25. Auflage Heyne-Taschenbuch) und "Nein und Amen: Mein Abschied vom traditionellen Christentum" (Heyne-Taschenbuch).



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