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Notbremse nicht zu früh ziehen!

Abenteuer Indien (V): In vollen Zügen

Von Andreas Altmann

© Stefan Schomann
Indien verfügt über das größte Eisenbahnnetz der Welt. Es ist nur chronisch überlastet
Fotos: Angelika Jakob, Gabriel Neumann und Stefan Schomann


© Angelika Jakob
Die Arbeitnehmer-Armee auf ihrem täglichen Weg in die Stadt

Roald Amundsen hinterließ Aufzeichnungen, in denen er von minutenlangen, frostkalten Duschen sprach, um sich auf die Fahrt zum Südpol vorzubereiten. Wer sich für die Entdeckung der indischen Eisenbahn rüsten will, dem sei eine Spritztour von Bombay nach Thane empfohlen. Sie wird ihn stählen. Die knapp 34 Kilometer waren die ersten Eisenbahnschienen, die in Indien, ja Asien, verlegt wurden. Nachdem sich das englische Parlament und die Geldgeber darauf geeinigt hatten, dass sich mit einem Eisenbahnnetz in Indien besser Krieg führen und schneller Waren an die Häfen transportieren, sprich effizienter Land und Leute leerrauben liess, setzte sich am 16. April 1853 um 15.25 Uhr in Bombay der erste Zug in Bewegung. Die Presse berichtete, dass die „Eingeborenen“ wieder einmal überwältigt waren vom Genie des Weißen Mannes. Da sie keine Pferde und Ochsen entdeckten, die vorneweg die 14 Waggons mit den vierhundert geladenen Gästen zogen, vermuteten sie, dass „the wonderful white man“ wieder gezaubert und Dämonen und andere wunderliche Kräfte eingesetzt hatte. So brachten sie Kokosnüsse und „besänftigende Opfergaben“, um den überirdischen „ag-gadi“, den Feuerwagen, die wild speiende Dampflok, zu begütigen.

Fußnote: Die Inder haben die Neuerung umgehend akzeptiert. Anders in China, da führte sie ein Vierteljahrhundert später zu Aufständen. Die ersten Gleise mussten wieder herausgerissen werden. Nicht zu stillen war der Zorn abergläubischer Alter.

©  Stefan Schomann
Da rollt der Zug: Wer es bequem mag, bleibt lieber draußen

„150 glorreiche Jahre“, nachdem Neugierige entlang der Strecke niederknieten und den Eisenbahn-Gott anzubeteten, kaufe ich ein Rückfahrticket nach Thane und betrete um 8.35 Uhr eine EMU, eine Electric Multiple Unit. Jene spartanisch möblierten Vorortzüge, die zweitausend Mal pro Tag in die Bahnhöfe Mumbais einlaufen. Um eine Arbeitnehmer-Armee von zwei Millionen morgens anzuliefern und abends wieder heimzukarren.

Verdächtig zivilisiert fängt es an. Ich kann sitzen, ungehindert den Kopf drehen und atmen. Mein Blick fällt auf ein Werbeposter, man sieht eine fröhliche Familie an einem geräumigen Tisch sitzen und frische Kuhmilch trinken. Bettler ziehen ein, einer schreit „Allah“, einer quetscht das Akkordeon, der kleine Nago hat genügend Platz für seine Flicflacs. Ich wundere mich, dass immer mehr Leute einsteigen, obwohl der Zug noch immer stadtauswärts fährt. Sie wollen doch rein nach Mumbai und nicht zurück in den Vorort? Bis ich kapiere: Sie steigen bereits vor der Endstation ein, um auf der Rückfahrt in den Moloch schon an Bord zu sein. Als wir in Thane ankommen, verlässt kaum jemand seinen Platz.

Die 34 Kilometer zurück beginnt Indien. Wer jetzt aussteigen will, wird von den Neuzugängen zurückgewirbelt. Die Logik, dass mehr Platz vorhanden ist, wenn Passagiere zuerst den Zug verlassen, diese Logik klingt hierzulande völlig unlogisch. Bald stehen Männer zwischen den Knien jener, die sitzen. Ausschliesslich Männer, denn jeder Zug besitzt ein Ladies’ carriage, in das nur Frauen dürfen. Das ist weise, denn so mancher würde im Schutze des Gewühls nach verbotener Nähe suchen. Bald stehen drei Männer zwischen einem Paar (sitzender) Männerknie.

Mein Kopf wurde inzwischen fest zwischen zwei Gürtelschlaufen verankert. Hinter den Gürtelschlaufen stecken zwei blitzsaubere Hemden, sicher Bankangestellten-Hemden. Wir drei kommen gut miteinander aus, das Duo rührt sich nicht und ich kann mit den Augen rollen. Sie rollen nach links und werden belohnt. Auf zärtliche Weise. Ich sehe zwei Männerhände, die verliebt miteinander spielen. Direkt unterm Fenster. Sie haben recht, keiner kann sie entdecken, so dunkel ist es, so umstellt sind sie von Hosen und Beinen. Schon anrührend, diese Sehnsucht nach erotischer Heimlichkeit, zweimal heimlich. Sinnlich und homosexuell sinnlich. Alles Gründe, nichts davon an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.

©  Gabriel A. Neumann
Erste Klasse: Die wirklich guten Plätze sind an der frischen Luft

Pablo Neruda fällt mir ein, der Präsident Allende auf dessen Wahlreisen begleitete und seinen Freund um die Gnade des Zehn-Minuten-Schlafs beneidete. Zu jeder Zeit, an allen Orten. Inder sind ähnlich begabt, ein paar liegen mit offenen Mündern auf fremden Schultern, andere sitzen wie Tote mit hängenden Köpfen da. Wer nicht schläft und aussteigen muss, leitet drei Stationen davor das Manöver ein. Irgendwo las ich einen Bericht über vier Kartenspieler in indischen Vorortzügen. Schon möglich, da die Nachricht aus dem Jahr 1993 stammte. Da gab es zweihundert Millionen Inder weniger, damals war noch Platz für vier Arme zum Ausstrecken.

Nach einer halben Stunde bade ich in Schweiß, Salztränen laufen in meine Augen, die Gürtelschlaufen schmerzen. Ich würde gern wissen, warum ich mir den Beruf des armen Reporterschweins ausgesucht habe. Warum ich nicht, sagen wir, ein Genie wie Somerset Maugham geworden bin. Dann logierte ich in feinsten Hotels und diktierte jeden Morgen auf  schattiger Terrasse der Sekretärin den nächsten Welterfolg. Ohne eine einzige Zeile  leben  zu müssen, ohne am ganzen Leib zu dampfen, ohne je von einem anderen Leben zu träumen. Ich wäre Genie, sonst nichts. Tagsüber würde ich die Welt neu erfinden und abends mich zum Dinner umziehen. Vor dem Zubettgehen würde ich einen letzten Blick auf das Diktierte werfen und schon wieder wissen, dass ich teuflisch begabt bin.

Aber eine Freude kommt, die versöhnt. Irgendwann läutet ein Handy, keine zwei Hintern von mir entfernt. Ich rolle die Augen nach rechts und sehe einen Langen, der sich mit beiden Händen an einem von der Decke baumelnden Haltegriff klammert. Er muss der Adressat des Anrufs sein, denn er macht Anstalten, die Arme nach unten, Richtung Jackentasche, zu bewegen. Aber das geht nicht. Soviel Platz ist nicht. Man sieht sein fieberhaft arbeitendes Hirn: Wie komme ich an das Telefon?  Es läutet weiter, und wir stellen uns alle die Frage: „Wer klingelt hier an?“ Die Gattin? Sicher nicht, sie weiß seit vielen Jahren, dass der Gatte um diese Zeit ummöglich sein Handy erreichen kann. Wer dann? Nun kommt der Augenblick, in dem Genies eingreifen und folgendes diktieren: „... Das war der Tag, an dem Mister Singh einen Anruf bekam, der nicht für ihn bestimmt war. Undenkbar, jetzt zu antworten. Als Singh endlich ausstieg, wählte er die Nummer, die noch auf dem Display zu sehen war. Ein Mister Kiru meldete sich. Singh erkannte die Stimme und wusste, dass von nun an sein Leben einen anderen Lauf nehmen würde ...“

Als der Zug in der Victoria Station hält, schwappen wir wie Springfluten auf den Bahnsteig. Die meisten mit heiteren Gesichtern. Kein Ärger über das Zugemutete, eher Freude, dass sie es wieder heil überstanden haben. Die Seligsten werden vom Personal mit lauten Schlägen an die Aussenwände geweckt. Sie haben verschlafen. Es muss schnell gehen. Minuten später setzt sich die EMU wieder in Bewegung.

 

 

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Wir entnehmen den Text mit freundlicher Genehmigung des Autors sowie des Rowohlt Verlages folgendem Buch: Andreas Altmann: Notbremse nicht zu früh ziehen! Mit dem Zug durch Indien. rororo, 5. Aufl. 2003, 7,95 Euro

 

 

 

 

 

 

In seinem jüngsten Werk erzählt der Autor von seinen Erfahrungen mit dem Buddhismus. Ehrlich, nachdenklich, ironisch und immer unterhaltsam: Andreas Altmann. Triffst du Buddha, töte ihn! Ein Selbstversuch. Dumont, 2010, 18,95 Euro

 

 


© Andreas Altmann

Andreas Altmann ist Reporter aus Leidenschaft. Er lebt in Paris – wenn er, wie er kürzlich in einem Interview sagte, nicht gerade auf der Flucht vor dem Ranz des Alltags ist.

 

 

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Abenteuer Indien

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©  Stefan Schomann

 

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