Wodka for nothing, Chicks for free

Marc Bielefeld unterwegs nach Nowosibirsk

© Stefan Schomann

Wer viel auf Flughäfen verkehrt, und bei Reportern kann das vorkommen, sollte entweder keinen Hunger haben oder reich sein. Leider ist meistens beides nicht der Fall.

Vor einigen Monaten bestellte ich mir am Hamburger Flughafen ein Wasser und ein kleines Käse-Baguette. Genauer gesagt: einen längs zersägten Franzosentorpedo, der mit zwei Lappen Mozarella, einer ausgetrockneten Tomatenscheibe und einem Petersilienzweiglein belegt war. Ich erstarrte fast, als die Dame an der Kasse sagte: „Macht sechs Euro neunzig.“

Ich rechnete. Manchmal rechne ich noch immer. Fast vierzehn Mark! Wissen Sie, was ich tat? Ich zahlte. Ohne zu meckern. Ohne zu schreien. Ohne das Sandwich zu nehmen und es der Frau aufgeklappt auf den Kopf zu legen.

Warum sind Sandwiches an den Airports eigentlich hundert bis hunderttausend Prozent teurer als bei normalen Bäckern oder Imbissen? Schmecken die besser? Sind die gesünder? Oder beinhalten die Airport-Schnittchen teure Zusatzstoffe, damit wir sie später, während des Steigflugs, nicht sofort wieder auf unseren Sitznachbar kübeln? Eines jedenfalls steht fest: Die Bistros und Restaurants an den Flughäfen werden immer unverschämter.

Komisch. Nähme mein Bäcker für ein simples Käsesandwich fünf Euro, die Kunden würden sich entweder tot lachen, pöbeln oder wutrot den Laden verlassen. Warum aber fliegen vielen protestlos die Scheine aus den Taschen, sobald sie sich an einem Flughafen befinden? Liegt es an der stickigen Luft der Klimaanlage, die uns benebelt? Macht uns die Reiselust leichtsinnig? Oder sind es die attraktiven Kassiererinnen, die uns bezirzen?

Ich aß mein Sandwich, ging zum Gate und flog ab.

Erfrischung gefällig?

Zwei Stunden später, am Frankfurter Flughafen, beim Warten auf den Anschlussflug nach Nowosibirsk, hatte ich plötzlich so starken Durst, dass ich eine Selbstbedienungs-Snackbar betrat, mir drei Lipton Eistee mit Zitronengeschmack aus dem Kühlregal schnappte und beim Zahlen einer grell geschminkten Asiatin gegenüberstand. Sie würdigte mich keines Blickes und sagte:

„Zehn Euro zwölf.“

„Wie bitte, zehn Euro?“ fragte ich.

„Macht zehn Euro zwölf“, wiederholte die Asiatin.

Ein satter Kurs für drei Dösken Eistee, dachte ich. Und sagte: „Das sind ja über sechs Mark pro Dose!“

„Zehn Euro zwölf“, sagte die Asiatin noch mal und wurde schon etwas ungeduldig.

„Ich habe aber nur noch neun Euro“, sagte ich. Ich sagte dies, weil ich der Meinung bin, dass, wenn die Airportbuden durstige Passagiere schon so ungeniert abkassieren, die Passagiere wenigstens ein Recht auf Feilschen haben. Und auf gute Unterhaltung.

Die Asiatin wurde nun langsam grantig. „Macht zehn Euro zwölf, für die Preise bin ich nicht verantwortlich.“

Ich versprach ihr, die restlichen einen Euro und zwölf Cents nachzuliefern und sagte: „Nächste Woche auf dem Rückflug bringe ich das Geld hier an der Kasse bei Ihnen vorbei, versprochen, okay?“

Nun wurde sie fuchsig und fauchte: „Bitte zahlen Sie jetzt. Oder gehen!“

Ich kramte in meiner Hosentasche nach Restkleingeld und sagte: „Neun Euro fuffzig, okay?“

„Bitte jetzt sofort zahlen oder gehen!“ sagte sie, nun energisch. „Sonst hole ich den Chef.“

„Den Chef“, sagte ich.

„Ich hole Chef, ja!“ blökte die Kassiererin.

„Neun Euro achtzig?“ feilschte ich weiter.

„Nein! Zwölf Euro zehn!“ kreischte sie.

„Zwölf? Eben waren es noch zehn Euro plus zwölf Cents!“ sagte ich.

„Ja! Zehn Euro zwölf“, krähte die Asiatin, nunmehr restlos entnervt.

„Aha“, sagte ich. „Also tatsächlich zwanzig Mark plus ein paar Zerquetschte! Für drei Dosen Eistee! Ich habe doch nur Durst!“

Jetzt war es soweit. Die Asiatin verschwand in ihrem Kabuff und holte den Chef. Der Chef kam raus, baute sich neben der Kasse auf und fragte, mir scharf in die Augen blickend: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Also“, sagte ich und log wie gedruckt: „Ich will nur zwei Eistee kaufen, aber Ihre Kassiererin behauptet stur und steif, ich könne nur drei auf einmal kaufen, sonst solle ich gefälligst verschwinden.“

„Was!?“ Der Chef guckte die Asiatin völlig entgeistert an, woraufhin die in unglaubliches Gezeter verfiel und behauptete, das sei glatt gelogen, ja, sogar total absurd, und ich wolle letztlich einfach nicht zahlen.

Wie dem auch sei, das Ganze war jedenfalls äußerst köstlich. Am Ende zahlte ich natürlich doch den unfassbaren Preis von zehn Euro zwölf für drei Eistee, hatte dafür aber wenigstens eine gute Vorstellung bekommen.

©  Stefan Schomann

Kein schlechter Tausch

Den ersten Eistee trank ich in einem Zug leer. Die anderen beiden Dosen verstaute ich in meinem Rucksack, denn wer weiß schon, was man in einem russischen Flugzeug unterwegs nach Nowosibirsk alles zu trinken bekommt. Um zehn Uhr vier hob die Maschine ab, und wir rasten mit achthundert Sachen gen Osten.

Nach der Landung warteten wir zwei Stunden auf das Gepäck, und ich musste zwanzig Minuten mit einem Zollbeamtem diskutieren, der ein Gesicht hatte wie ein zum Bersten aufgeblasener knallroter Luftballon. Doch dann, nach insgesamt vierzehn Reisestunden, trat ich vor das Flughafengebäude in die eisige Winterluft Sibiriens. Ein Mann kam auf mich zu. Er trug einen sehr alten Mantel, zerschlissene Halbschuhe und hatte ebenfalls einen riesigen roten Kopf.

„Wodka?“ fragte er.

„Wodka?“ fragte ich zurück.

Der Mann stierte mich mit Bettleraugen an und sagte: „Ja, du tauschen irgend etwas gegen Wodka? Ist guter Wodka, russischer Wodka!“

Ich betrachtete die Flasche, die er in seinen Händen trug. Sie hatte kein Etikett und einen silbernen Schraubverschluss. Im Nu war der geöffnet, und der Mann hielt mir die Pulle unter die Nase.

„Du kannst riechen, ist guter russischer Wodka! Russki, verstehst du? Du kannst haben die Flasche für Wecker, Uhr, Schuhe, Jacke, Jeans, was du hast. Ich nehme alles!“

Ich überlegte. Der Stoff schien gut zu sein, wahrscheinlich hatte ich allein von den Ausdünstungen bereits 0,5 Promille. „Aber meine Schuhe und meine Jacke brauche ich noch“, sagte ich.

„Egal“, fuhr mich der Russe an. „Ich nehme alles, Ringe, Rasierapparat, Strumpfhosen, Gerät für trocknen Haare, alles!“

Ich nahm meinen Rucksack ab und kramte die beiden Dosen Eistee hervor, die ich noch besaß, weil es an Bord erstaunlich gute Säfte und Wasser gegeben hatte. „Hier“, sagte ich, „die beiden gegen den Wodka.“

Der Russe guckte mich skeptisch an. „Was ist das?“ fragte er. „Eistee“, sagte ich. „Zwei Dosen süßer Tee mit Zitrone, echt aus Deutschland. Kosten zusammen so um die sechs Euro und achtzig Cent.“ Der Russe nahm die Dosen, drehte sie und betrachtete sie von allen Seiten.

„Ist gut“, sagte er schließlich. „Vielleicht ich kann damit bauen neues Auspuff für mein Auto.“ Er steckte die beiden Dosen in seine Manteltasche, gab mir die Flasche Wodka, reichte mir seine große Hand und ging davon. Nach wenigen Schritten drehte er noch einmal um und kam zurück.

Auspuff oder Inspuff

„Du wollen Frau? Gutes russisches Mädchen? Du zahlen 1500 Rubel und dann viel Spaß auf Hotelzimmer?“

Ich überlegte. 1500 Rubel, das waren weniger als vierzig Euro. Anders gerechnet: sieben deutsche Mozarellasandwiches oder zwölf deutsche Eistee für eine Stunde mit einer echten russischen Babuschka. Quasi umsonst, könnte man meinen.

„Nein, danke“, sagte ich.

„Kein Problem“, erwiderte der Russe. „Ich nehme alles! T-Shirts, Krawatten, Radio, Spray für frische Körper, Handy, Gerät von Sony – du kannst mir geben alles für gutes russisches Mädchen!“

„Nein, wirklich nicht“, sagte ich. Der Russe kramte in seiner Manteltasche und gab mir einen Zettel mit einer Telefonnummer. „Wenn du willst, du rufst an, Tag oder Nacht, egal, mein Name ist Fedor, okay?“

„Gut, danke“, sagte ich, und Fedor verschwand.

Es war es bitterkalt, die Wolken zogen tief durch einen schmutziggrauen Himmel. Dann stieg ich ins Taxi, fuhr Richtung Zentrum und musste an die arme Asiatin am Frankfurter Flughafen denken. Ich nahm mir vor, sie auf dem Rückflug noch einmal zu besuchen. Wie sie wohl reagieren würde, wenn ich nächste Woche wieder vor ihr stünde und die Offerte in die dicke Flughafenluft spräche: „Eine Flasche Wodka gegen zwei Dosen Eistee, okay?“

Herrlich. Ich sah die Asiatin vor meinem geistigen Auge an der Kasse stehen. Kreischend. Zürnend. Wild. Sie und ihren Chef, in diesem trüben, grellen, fantasielosen und unverschämten Airportdeutschland.

 



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