Nur die Harten gehn in' Garten

Urbanes Gemüse und politische Kartoffeln: Die neue Gartenbewegung ist mehr als nur ein Trend

Von Martin Rasper

Copyright: Martin Rasper

Die bunten Plastikkisten stehen da wie bestellt und nicht abgeholt. Auf dem Dach einer Tiefgarage. Mitten in St. Pauli. An der „Großen Freiheit“, zwei Ecken von der Reeperbahn. Direkt nebenan residiert das Indra, in dem die Beatles (noch vor dem Star-Club!) einst ihre ersten Auftritte in Hamburg hatten, und ein paar Ecken weiter ist das Millerntor, wo der FC St. Pauli ständig gegen den Abstieg oder um den Aufstieg kämpft. Mehr Großstadt geht also praktisch nicht. Und ausgerechnet da stehen also jetzt diese Kisten, aus denen grünt und sprießt es, und daneben steht ein Dutzend Leute, von denen einige Gummistiefeln und Regenmänteln anhaben. Was wollen die hier? Die wollen gärtnern. “Urban Gardening für Einsteiger“ heißt der Kurs, der hier gleich losgeht.

Hä? Geht's noch?

 

Ja klar, es geht noch besser: zum Beispiel auf einem ehemaligen Flughafen. In Berlin wühlen fröhlich dilettierende Hobbygärtner in abenteuerlich zusammengeschusterten Hochbeeten auf dem Tempelhofer Feld. Riesenhafte Sonnenblumen recken sich in die Höhe, Tomaten und Bohnen ranken sich an Holzgerüsten empor, Salat und Radieschen, Kohl und Möhren, Kürbis und Zucchini wachsen um die Wette, über den Rand der Beete ergießen sich Kaskaden von Kapuzinerkresse wie sanfte grün-orange Wellen. Überall wird gehämmert und gesägt, gegraben und gejätet, geplaudert und diskutiert.

 

Die Beete sind auf äußerst fantasievolle Weise aus alten Brettern oder Europaletten gebaut; auch Türen, Schränken oder gar Bettgestelle werden verwendet. In der Luft liegt eine Stimmung von Aufbruch und Lebenslust, eine Mischung aus Wildem Westen, Hüttendorf und Abenteuerspielplatz. Und das alles auf dem ehemaligen Zivilflughafen, vorher Schauplatz der Luftbrücke und anderer Höhepunkte des Kalten Krieges, davor Militärflugplatz und Exerziergelände. Startbahnen zu Hochbeeten also, könnte man sagen - fast noch besser als Schwerter zu Pflugscharen.

 

Im Prinzessinnengarten in Berlin (Foto: mr)

Überall in Deutschland sprießen in jüngster Zeit solche urbanen Gartenprojekte aus dem Boden. In Köln werkelt die Initiative Neuland, in Berlin beackern die Kreuzberger Freaks von "Ton-Steine-Gärten" den Platz neben dem Bethanien. In Leipzig beleben die Nachbarschaftsgärten das ehemals vernachlässigte Viertel Lindenau, in Osnabrück wird auf der Brache hinter dem Güterbahnhof gegärtnet. In München startete soeben Opflanzt is am Rand des Olympiageländes, während die Mutter aller urbanen Gartenprojekte, der 2009 begonnene Prinzessinnengarten in Berlin, längst zum Medienliebling avanciert ist. Überall wird mitten in der Großstadt "ökologisches" Gemüse gezogen, wird Regenwasser aufgefangen, Material recycelt, Pflanzen kompostiert, wird "in Kreisläufen gedacht".

Von den Medien und anderen Teilen der Öffentlichkeit schlägt den urbanen Gärtnern ein fast schon verdächtiges Wohlwollen entgegen. Die Buchautorin Tanja Busse nennt die Neuen Gärtner, gemeinsam mit den Ökobauern, "die kleinbäuerliche Avantgarde".  Und die Soziologin Karin Werner bezeichnet die urbanen Gärten gar als "Orte des Widerstands gegen die neoliberale Ordnung". Übertrieben?

 

Offenbar treffen die Stadtgärtner auf ein breites Bedürfnis. "Die Leute fühlen sich zunehmend abgeschnitten vom Produktionskreislauf der Lebensmittel", urteilen die Buchautoren Daniel Dahm und Gerhard Scherhorn ("Urbane Substistenz"). Und Christa Müller von der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis, die neben den "Interkulturellen Gärten" auch die neuen urbanen Gärten vernetzt und fördert, hat beobachtet, die Menschen wollten "wieder mehr Gestaltungsspielraum und Kontrolle" - "und sie haben zunehmend das Bedürfnis, sich selbst als produktiv zu erleben." Dieses Gefühl des Verlusts, nicht mehr teilzuhaben am Säen, Pflanzen und Ernten, deckt sich mit einem weiteren Unbehagen, nämlich dem angesicht des Treibens der Lebensmittelkonzerne. Und so wächst der Wunsch, wieder mitzumischen. "Modernität bedeutete ja bisher immer, dass man sich nicht selbst versorgen muss", sagt Christa Müller, die auch das erste Buch zum Urban Gardening herausgegeben hat; "sondern dass man das delegiert. An die Bauern, an die Supermärkte, an die Lebensmittelindustrie. Und das hat ja auch eine Weile ganz gut geklappt. Aber jetzt spüren immer mehr Menschen, dass es so nicht weitergeht."

So sind die meisten Initiativen denn auch eingebunden in politische Netzwerke wie campact, foodwatch oder Gentech-Initiativen. Sie fordern ihren Anteil am öffentlichen Raum, so wie in Hamburg Recht auf Stadt, die seit zwei Jahren das historische Gängeviertel vor dem Abriss bewahrt und u.a. um den Erhalt von 35 Hektar Kleingärten und Grünflächen in Altona und Bahrenfeld kämpft.

 

Auch die schwindende Sortenvielfalt bei unseren Gemüsepflanzen, die von den Saatgut- und Gentechnikkonzernen rücksichtslos privatisiert und reduziert wird, ist bei allen urbanen Garteninitiativen ein Thema. Bei "Ton-Steine-Gärten" weist ein Schild darauf hin, dass hier die Linda-Kartoffel angebaut wird, um deren Fortbestand als Sorte es einen heftigen, vor Gericht und in der Öffentlichkeit ausgetragen Streit gab. Auf dem Tempelhofer Feld wird aus einer Radieschen- und einer Salatsorte eigenes Saatgut gewonnen. Und der Prinzessinnengarten hat in Zusammenarbeit mit dem Biologen Bennar Markus und der schwedischen Künstlerin Asa Sonjasdotter ein Kartoffelzuchtprogramm begonnen, dem irgendwann eine eigene Sorte entspringen soll - die dann, so die erklärte Absicht, nicht dem Sortenschutz unterliegen, sondern jedermann zum freien Anbau zur Verfügung stehen soll. 


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