Pilger in Pashupatinath

Tom Dauer unterwegs in Nepal

© Tom Dauer
Am Ufer des Bamati, in Nepals heiligstem hinduistischem Tempel, werden Leichen verbrannt. Für indische Pilger ist das eine Attraktion
Foto: Tom Dauer


Ich versuche gar nicht, Pashupatinath zu verstehen. Ich sitze nur da. Auf den Steintreppen, die das Ufer des Bagmati säumen, gegenüber des heiligsten hinduistischen Tempels in Nepal, vier Kilometer östlich von Kathmandu.

Vor meinen Augen findet ein Begräbnis statt. Ein Ereignis, das im christlichen Kulturkreis still und andächtig begangen wird. So zumindest kenne ich es. So ist es mir vertraut. Doch hier suche ich vergeblich nach irgendwelchen Zeichen.

Es ist heiß. Gegen Mittag hat ein Monsunschauer den Dreck der Stadt in Straßenrinnen und Gullies gespült. Jetzt steigt die feuchte Luft wieder auf und bildet Wolkenpilze, die sich schwarzgrau über dem Kathmandu-Tal ballen. Eine Düsternis entsteht, die mein Inneres widerspiegelt. Aber was fühle ich überhaupt? Ekel, Neugier, Befremden und den Sog des Dunklen und Zerstörerischen. Das auch.

Auf den Terrassen am Flussufer sind Leichen aufgebahrt. Sie liegen auf hölzernen Bahren, bedeckt mit weißen Leinentüchern, geschmückt mit Blumengirlanden. Die Füße der Toten hängen im Wasser. Es ist ihre letzte Reinigung. Eine Gruppe trauernder Menschen schart sich um einen verstorbenen Angehörigen. Die Witwe umkreist laut klagend den Leichnam, gestützt von drei Frauen. Dann heben einige Männer die Bahre, tragen sie am  Flussufer entlang zu einem Holzstoß. Ein Priester zündet ihn an.

Jede Manifestation des Heiligen, schrieb der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade, sei ein Paradoxon. Indem sich das Göttliche in einem beliebigen Gegenstand oder in einer bestimmten Zeremonie offenbare, werde der Gegenstand oder die Zeremonie zu etwas anderem. Und doch hören er und sie nicht auf, sie selbst zu sein. Ein heiliger Stein bleibt immer auch ein Stein. Eine brennende Leiche: Fleisch, Knochen, Sehnen.

Es ist des Toten letzter Weg. Wer in Pashupatinath verbrannt wird, glauben die Hindus, durchbricht den Zyklus von Sterben und Wiedergeburt. Als der Leichnam entflammt, schreit die Witwe einen langen, schrillen Schrei. 

Auf den Brücken über dem Bagmati, auf der Balustrade über dem lodernden Holz drängen sich Menschentrauben. Die meisten von ihnen sind indische Touristen. Hindus, die einmal im Leben die heilige Stätte besuchen. Während vor ihren Augen ein toter Mensch verkohlt, reden, gestikulieren und lachen sie. Mobiltelefone klingeln. Ein Arbeiter flext durch eine Gerüststange. An den Ständen mit den Souvenirs wird lautstark der Preis von Votivkerzen, Statuen, Fossilien, Schneckengehäusen, Opfergefäßen, Armreifen und Shivas Dreizack verhandelt. In der dreckigen Brühe, die mal ein Fluss war, plantschen Kinder. Ein Stück flussabwärts koten streunende Hunde ins Wasser. Über die Köpfe der Menschen hinweg klettern Affen auf der Suche nach Essbarem. Wer nicht aufpasst, dem entreißen sie Bananen, Schokokekse und Wasserflaschen. In meine Augen steigt beißender Rauch. Der Holzstoß ist fast abgebrannt.

Wenn das gesamte Leben, die Natur, der Kosmos als etwas Heiliges gelten, dann ändert sich der Blick auf die Dinge. Und das, was mich gerade so verstört, hat für all die anderen hier keine Bedeutung. Vielleicht ist es so.

 

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