Pizza Paradiso

Die Geschichte von Parviz und Johannes

Von Felix Zimmermann

Ein Tag Deutschland - Porträts aus Köln

Copyright: Wim Woeber & Ralph Wentz / Springer F3

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Parviz Shakibai, 50, ist Aserbaidschaner aus dem Iran, er betreibt in Oldenburg die Pizzeria Piccadillie. Johannes, 8, ist gebürtiger Oldenburger und geht jeden Tag nach der Schule bei Parviz vorbei. Gespräch über eine Freundschaft.
 

Parviz und Johannes, ihr seid Freunde. Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Parviz: Ich kenne seine Großeltern, die kommen öfter zu mir. Und er geht hier nach der Schule immer vorbei, einmal kam er zu mir...

Johannes: ...ja, weil Max mit Shayan in einer Klasse war. (Max ist Johannes’ Bruder, Shayan ist der jüngste Sohn von Parviz.)

Parviz: Und dann habe ich eines Tages gesagt, komm rein. Ne, Johannes, war so?

Johannes: Ja.

Und seitdem kommst du hier manchmal auf eine Fanta vorbei?

Johannes: Ja, häufig. Also immer.

Jeden Tag?

Parviz: Fast.

Johannes: Fast. Ja.

Parviz: Manchmal ist er krank, dann kann er nicht kommen. Dann mache ich mir auch Sorgen und frage den Opa, wie es ihm geht.

Worüber unterhaltet ihr euch denn?

Johannes: Über alles.

Parviz: Er fragt: Wie ist die Arbeit? Heute ist wenig los, wie ist es so? Manchmal fragt er auch, wie viel ich verkauft habe und so.

Johannes: Heute vor allem über den Fahrradfahrer da hinten.

Parviz: Ja! Der hat die irgendwie geärgert.

Was hat der gemacht?

Johannes: Also, ich sag’ das lieber nicht. Also, also der hat, also...

Parviz: ...dir ein schlechtes Wort gesagt...

Johannes: Ja-ha! Also, wir sind da erst übern Fußweg gegangen, dann sind wir irgendwie auf den Radweg, dann kam der Radfahrer und hat ein schlimmes Wort gesagt, und darüber haben wir uns unterhalten.

Parviz: Er hat mir erzählt, was passiert ist. Ich habe gesagt, naja, wenn so etwas passiert, dann kann man manchmal nichts machen.

Wo sitzt du denn am liebsten?

Johannes: Da vorne

Parviz: Am Tresen.

Und dann bestellst du was?

Johannes: Nö.

Sondern?

Johannes: Parviz gibt sie mir so, die Fanta.

Der weiß, dass das dein Lieblingsgetränk ist?

Johannes: Ja, der weiß das.

Du gehst hier nur so kurz rein...

Johannes: ...so vier Minuten.

Parviz: Manchmal auch mehr.

Isst du dann auch was?

Johannes: Nein, äh ja. Mach' ich öfters, ne?

Copyright: Felix Zimmermann
Pizzabäcker Shakibai (Fotos: Felix Zimmermann)

Parviz: So kleines Brot oder ein bisschen Pizza, er mag auch Tortellini.

Parviz kommt ja aus Aserbaidschan.

Johannes: Ja.

Unterhaltet ihr euch darüber auch? Weißt du etwas über das Land?

Johannes: Nö. Außer dass er mir eine Karte geschrieben hat.

Und war da etwas drauf zu sehen von dem Land?

Johannes: Ich weiß es nicht mehr ganz genau.

Parviz: Tänzer aus Aserbaidschan.

Johannes: Ach so, ja, stimmt, sowas.

Würde dich es interessieren, wie es in Aserbaidschan aussieht, und wie das Leben da so ist?

Johannes: Ja! Wie sieht’s da eigentlich aus?

Parviz: Aserbaidschan liegt am Kaspischen Meer. Dort gibt es schöne Strände, auch Gebirge, die Natur ist total schön. Es ist ein reiches Land, aber nicht alle sind reich, es gibt auch arme Leute. Aserbaidschan hat neun Millionen Einwohner, ein Teil von Aserbaidschan liegt im Iran, und da leben noch mehr Aserbaidschaner, 25 Millionen. Da komme ich her, meine Frau von der aserbaidschanischen Seite.

Johannes, du fährst auch gerne ans Meer.

Johannes: Nach Juist.

Warst Du auch schon an der Nordsee, Parviz?

Parviz: Nordsee? War ich schon.

Ist das so ähnlich wie in Aserbaidschan?

Parviz: Nein, das ist ganz anders. Das Kaspische Meer hat mehr Sandstrände, und das Wasser ist nicht so salzig.

Johannes: An der Nordsee mittel.

Könntest du dir vorstellen, mal nach Aserbaidschan zu fahren?

Johannes: Joah! Weil ich Salzwasser nicht so gerne mag. Parviz, wie bist du von da überhaupt nach Deutschland gekommen?

Parviz: Ich bin seit 86 hier, damals im Iran hatten wir politische Probleme, deswegen sind wir abgehauen und nach Deutschland gekommen und haben hier Asyl beantragt. Nach zwei Jahren hatte ich meine Anerkennung und konnte hier bleiben.

Seid ihr direkt nach Deutschland?

Copyright: Felix Zimmermann
Fanta-Liebhaber Johannes

Parviz: Erst waren wir in der Türkei, von dort kamen wir nach West-Berlin, dann haben sie uns nach Westfalen geschickt. Dann war ich in Koblenz ein paar Jahre, bin 93 nach Aserbaidschan, habe meine Frau kennengelernt, wir haben geheiratet und sind nach Oldenburg.

Fühlt ihr euch wohl?

Parviz: Ich mit meiner Familie: super! Wir sind hier in einer schönen Gegend von Oldenburg, Stadtteil Eversten, ich kenne viele Leute, es ist alles sehr nett. Ja.

Johannes: Ja!

Weißt du, Johannes, wo Pizza herkommt?

Johannes: Aus Italien. Wie Eis.

Aber Parviz kommt ja aus Aserbaidschan.

Johannes: Ja, auch aus Aserbaidschan.

Da kommt auch Pizza her?

Parviz: Nein, ich habe bei einem Italiener gelernt, und dann konnte ich Pizza backen.

Johannes, Würdest du sagen, Parviz kann Pizza backen wie ein Italiener?

Johannes: Ja!

Was ist deine Lieblingspizza?

Parviz (flüsternd): Salami.

Johannes: Salami!

Und das weiß Parviz?

Johannes: Ja, hat's mir ja gerade zugeflüstert.

Parviz, wie alt bist du?

Parviz: Ich bin 50.

Und du, Johannes?

Johannes: Acht.

Also, ein 50-Jähriger und ein Achtjähriger sind gute Freunde, kann man das so sagen?

Johannes: Sehr gute Freunde!

Parviz: Also, mir macht's Spaß!

Parviz hat dir eine Karte aus Aserbaidschan geschrieben, hast du ihm auch eine geschrieben?

Johannes: Ja, hab' ich.

Parviz: Er hat mir eine Karte aus Juist geschickt.

Macht ihr das aus jedem Urlaub?

Parviz: Nein, das war das erste Mal.

Johannes: Da kannten wir uns auch noch nicht so ganz lange. Das war in der zweiten Klasse.

Parviz: Seitdem haben wir eine richtig feste Freundschaft.



Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.




 
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