Sänk ju wäry matsch!

Die Suche nach dem Tisch, kein feiner Zug

©  Nele Braas

Ich fahre im Jahr über 30 000 Kilometer von Hamburg nach Solingen mit dem Zug. Und andersrum. Dabei muss ich, Sie ahnen es schon, ständige Verspätungen und deren abwegige Ausreden ertragen. Mal sind es die spielenden Kinder auf den Gleisen, sie spielen meist vor Osnabrück. Oder den ständigen Einsatz eines Notarztes, er notarztet meist vor Wuppertal. Und dann noch dieses vermaledeite Englisch, das eher an einer hartnäckigen Entzündung der Tonsillen erinnert: Sänk ju foa träwelling wis Deutsche Bahn. Was für eine semantische Schweinegrippe!

Außerdem bin ich immer auf der Suche nach einem Tisch. Ich bin natürlich so schlau, niemals zu reservieren, und verlasse mich auf meinen großraumgewagten Instinkt. Und schon bin ich verlassen. Dann laufe ich hektisch herum mit meinem aufgeklappten Laptop, weil ich mal wieder viel zu spät mit einer Geschichte dran bin, und habe so einen traurigen Blick drauf wie ein Bettler in der Fußgängerzone: Ey, hasse mal nen Tisch für mich? Aber bis Bremen geht erst mal gar nichts, weil die rushhourernden Pendler übereinander gestapelt in den Abteilen liegen. Und wenn ich endlich, endlich, einen habe, habe ich nicht wirklich einen.

Er wackelt vor sich hin, na klar, das darf man in einem anständigen Zug ja auch erwarten. Aber nicht, dass er mit Marmelade verklebt ist, mit Dosenbier, mit Salamibrötchen und den Viren sämtlicher Krankheiten der westlichen Hemisphäre. Da kommt mir kein Computer mit dem Apfel drauf. Da nicht! Manchmal habe ich noch das große Glück, dass Tante Bertha aus Castrop-Rauxel neben mir sitzt und in Fluglärmstärke von Sylt schwärmt, während Onkel Heinz genüsslich in der Bildzeitung raschelt. Oft falle ich dann in einen kurzen Schlaf und träume, ich muss gleich liefern, aber kann nicht weiterschreiben, weil mir an dem Scheißtisch der Strom ausfäääääääää.....

War wohl doch kein Traum.



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