Scheiße, lieber Gott!

Ein Stoßgebet ist selten fromm

Von Michael Schophaus

Trau dem Lukas, stoßgebetet

„Poldi unser im Strafraum,
gewürdigt werde dein Einsatz.
Dein Pass komme.
Dein Tor falle, wie in Klagenfurt so in Basel.
Unser spieltägliches Tor gib uns heute.
Und vergib uns unseren Gesang, wie auch wir vergeben unsern Schiedsrichtern.
Und führe uns nicht ins Abseits, sondern erlöse uns von den Türken.
Denn dein ist der Ball und das Tor und die Torgefährlichkeit in Ewigkeit.
Amen.“


Mein erstes Stoßgebet sprach ich mit ungefähr zwei Jahren. Aber was heißt hier sprechen? Ich kotzte es in die Welt hinaus. Oh Herr, lass mich nie wieder Spinat futtern müssen! Nieee! Wieeeder! Meine Mutter behauptet bis heute, ich hätte das in einem ganzen Satz gesagt. Bis die Speiseröhre nicht mehr wollte. Danach lag alles auf dem Boden, grün wie ich.

Als ich später richtig laufen lernte, flehte ich den Sport an. Und betete schon wieder Stoß. Wobei gefälligst immer der da oben für mich herhalten musste, auf Teufel komm raus.

Wenn ich beim Elfmeter vor einem Tor stand, das plötzlich immer kleiner wurde. Wenn ich mit Skiern auf einem Berg zitterte, der plötzlich immer steiler wurde. Wenn ich auf einem Sprungturm bangte und die Tiefe plötzlich immer tiefer wurde. Da fielen mir Dinge ein, die mir sicher nicht als Messdiener in den Kelch gelegt worden sind. Ich erspare Ihnen die Einzelheiten, gottverdammte Hurenscheiße!

Es lief stets gleich ab. Ich holte mir den Segen, und der Segen holte mich; und zwar ein. Als Häufchen Elend. Als blutendes gebeugtes Erdenkind. Selten als stolzer Held. Meist blickte ich beim klerikalen Kotzen flehend in den Himmel und wünschte mir Kraft, Mut, eine kotfreie Badehose oder zumindest den Tod meiner Gegner. Ich fand das niemals zuviel verlangt. Schließlich bezahlte mein Vater Kirchensteuer. Oft fragte ich mich, ob er wirklich zahlte. Wenn ich daneben schoss oder zuwenig Wasser im Becken war.

Eigentlich wollte ich doch nur heil bleiben. Gut aus der Sache herauskommen. Was weiß ich. Warum heißt der Heiland Heiland? Es klappte aber nur selten. Deshalb entwickelte ich mit der Zeit eine Technik, die Gott keinen Ausweg mehr ließ. Er musste mir helfen. Lieber Gott, mach, dass ich bei Tische das größte Fleisch erwische. Jetzt. Hier. Auf der Stelle. Kurz gesagt: Ich drohte ihm. Wenn es stimmt, dass das Gebet eine Anrufung Gottes ist, dann ist das Stoßgebet eine Drohung, nieee meeehr an ihn zu glauben. Es sei denn, er hilft. Aber sofort!



Was halten Sie vom Christentum? Rund ein halbes Jahrhundert ist es her, dass eine Anthologie erschien, die einen Schrei der Empörung auslöste. Ihre Titelfrage „ Was halten Sie vom Christentum?“, von Karlheinz Deschner gestellt, veranlasste unter anderen Heinrich Böll, Max Brod, Arnold Zweig und Arno Schmidt zu Antworten, die mit christlichen Werten und kirchlichem Wirken provokativ abrechneten. Alle Jahre wieder bietet die Adventszeit Anlass, diese Frage zu wiederholen. In einer mehrteiligen Serie nimmt sich auch MAGDA in diesen Wochen der Frage an.



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