Schnee von Berlin bis Istanbul

Aus einem wahrem Winter, zweiter Teil

Von den MAGDA-Autoren TD, FJK, MR, WM und EW und der Gastautorin Andrea Künzig

© Andrea Künzig
Am Bosporus geschieht Unerhörtes: Es schneit!
Weitere gute und böse Wintermärchen aus Europa folgen
(Foto: Andrea Künzig)

 

Hamburg (3)

Copyright: Tom Dauer
Der freie Blick hinter der Linksschleife (Foto: Tom Dauer)

Ich finde U-Bahn-Fahren schlimm. Vor allem im Winter, wenn sich die Menschen dick bemantelt aneinander drängen, die Nasen triefend und Leere im Blick. In so einen Wagen möchte man nicht einsteigen. Außer es ist die U3, von Barmbek kommend über Schlump, Sternschanze, Feldstraße, St. Pauli und dann… Ja, dann verlässt der Zug den dunklen Untergrund, neigt sich in einer Linksschleife etwas zur Seite, so dass der Blick frei wird auf die Elbe, die Hafenkräne, die Fähren, die Containerschiffe und es auf einmal Plopp macht im Herzen, weil dieses Panorama so schön und verheißungsvoll ist. Nächster Halt: Landungsbrücken. Eigentlich müsste ich eine Station weiterfahren, um schnell in das Büro zu kommen, in dem ich zwei kalte Winterwochen lang arbeite. Lieber steige ich aus. Atme die Polarluft ein, die Hamburg derzeit gefrieren lässt, vergrabe die Hände in den Taschen und stapfe los, am Ufer der Elbe entlang. Eisschollen treiben auf ihr und wenn sanfte Wogen sie durchkämmen, knirscht das Wasser. Jeden Morgen ist das so, und jeden Morgen gegen halb neun berühren die ersten Sonnenstrahlen den weißen Fluss und aus Eiskristallen werden glitzernde Funken. Noch 100 Meter, noch 50, noch zehn, dann muss ich abbiegen, weg vom Wasser, weg vom Eis, zusammen mit all den anderen, die die nächste oder übernächste U3 gebracht hat und die missmutig schauen. Vielleicht haben sie keinen Fensterplatz gehabt.

Tom Dauer

 

Copyright: Fritz-Jochen Kopka
Die stillen Helden des Winters (Foto: Fritz-Jochen Kopka)

Berlin

Es ist mir nicht geheuer. Nicht im Auto, nicht auf dem Fahrrad und auch nicht auf den eigenen Beinen. Trotz aller Strafandrohungen haben die Berliner Bürger sich mit Schnee und Eis auf einen Waffenstillstand geeinigt, denn alle Bemühungen zu räumen können kontraproduktiv sein: Es wird nur noch glatter. (Das Wort kontraproduktiv kann man nicht hoch genug einschätzen. Es schützt uns wie nichts anderes vor blindem Aktionismus. Und ist letztlich nicht jeglicher Aktionismus blind?) Heute sind wir im Citroen Picasso unterwegs. Mein Nachbar Fred fährt, wie ich finde, viel zu krawallig in diesen ungeräumten Nebenstraßen, und auf dem Kaufland-Parkplatz landet er tatsächlich in einer gewaltigen Schneedüne, kann sich aber wieder befreien. Als wir er zurückkommen, hat unsere kleine Straße eine Havarie zu bieten. Das ungelenke Müllauto kommt nicht weiter, weil vorm Haus meiner Nachbarn der kleine japanische Flitzer des Enkels zwischen Schneewällen und den PKW auf der Gegenseite die Durchfahrt versperrt. Die Müllmänner schaufeln wütend vereisten Schnee beiseite, und Oma und Opa versuchen in Abwesenheit des holden Enkels verzweifelt, seine Kutsche beiseite zu schieben. Der Enkel, das ist so einer, der tagelang an Autos herumschrauben kann, die Dinger werden tiefer gelegt und mit gewaltigen Auspuffrohren ausgestattet. Die Oma hat dem Opa schon die Schuhe hinterher getragen, damit er nicht in Puschenschlaben im Schnee versinkt. Jetzt insistiert sie inständig, dass er seinen Anorak schließt, aber er hat wegen des Autos des Enkels schon lange die Schnauze voll und verbietet ihr den Mund, was sie einfach überspricht. Mir ist schon oft aufgefallen, dass gerade ältere und kleinere Menschen, wenn ihnen Missgeschicke bei der Arbeit unterlaufen, wie der ungnädige Zwerg in „Schneeweißchen und Rosenrot“ wirken, der sich beim Holzspalten den Bart eingeklemmt hat und fuchsteufelswild wird, wenn man ihm nicht hilft, aber mehr noch, wenn man ihm hilft. Nun gehen Fred und ich dieses Risiko ein und schieben mit. Die Müllmänner können endlich weiter fahren, bleiben aber an der nächsten Ecke abermals stecken, um weiter zu schaufeln, und ich bin entzückt, dass die Märchen uns noch so nahe sind. Im Winter besonders. Und nachts mehr als am Tage.

Fritz-Jochen Kopka

 

Copyright: Andrea Künzig
Die Insel der Kutschen (Foto: Andrea Künzig)

Istanbul

Die Kinder haben schulfrei, die Universitäten sind geschlossen. Wer irgend kann, bleibt zu Hause. Denn etwas Unerhörtes ist geschehen: Es schneit! Überall in Istanbul liegt Schnee. Die Autobahn wird teilweise gesperrt, auch das große Fußballstadion in Inönü bleibt heute geschlossen. Und das will etwas heißen in der fußballbegeisterten Metropole. Trotzdem hätte man allen Grund sich zu freuen – schließlich darf man ganz offiziell zu Hause bleiben.

Wenn da nicht die Kälte wäre.

Sie ließ die Stromversorgung weitgehend zusammenbrechen, auch viele Heizungen bleiben kalt. Bei uns sind daher auch die Wasserleitungen zugefroren. Die Leute legen sich Vorräte zu.

Ich wohne an einem Ort, an dem es praktisch keine Autos gibt: auf der Insel Büyükada. Dafür haben wir Kutschen, Kutscher und Pferde. Und die fahren immer, auch jetzt bei Schnee.

Büyükada ist eine kleine Insel, doch von all den kleinen Inseln selbstverständlich die größte. Da hier nur drei Autos erlaubt sind, eines davon gehört dem Bürgermeister, fahre ich oft mit einer der 150 Kutschen. Ich liebe es, Auto zu fahren – doch so ein Gespann hat unbestreitbare Vorzüge. Man braucht weder einen Parkplatz zu suchen noch zu tanken. Vor allem aber wird man chauffiert, und das bis weit nach Mitternacht.

Diese barocken Kutschen beschwören längst vergangene Zeiten herauf. Manche haben auch noch quietschrote oder rosafarbene Lederpolster. Da die Insel recht hügelig ist, müssen die Pferde sich ins Zeug legen. Und so galoppiert man die Hügel hinauf und trabt herunter. Alles erinnert an einen Spielfilm, nur dass ich den Wocheneinkauf in Plastiktüten bei mir habe und einen Kanister mit zwanzig Litern Wasser. Denn wer weiß, wie lange der Winter noch bleiben will.

Andrea Künzig

 

Copyright: Martin Rasper
Auf dem Nymphenburger Kanal (Foto: Martin Rasper)

München-Neuhausen

Das Kompliment klingt immer ein bisschen zweischneidig. „Das is’ ja to-taaal nett hier!“, rufen auswärtige Gäste begeistert, was auch bedeutet: nicht so geleckt und durchgebürstet und auf Konsum getrimmt wie sonst alles in dieser Stadt. Jaja, ihr habt ja Recht. Aber ich kann nichts dafür. Ich gehe zum Beispiel nicht „shoppen“; ich weiß auch nicht, wer die Leute sind, die das ständig machen und im Lauf der Jahre unsere kleine Stadt in eine Benutzeroberfläche des gehobenen Turbokapitalismus verwandelt haben (denn das war sie nicht immer, aber das ist eine andere Geschichte).

Also: Es gibt sie noch, die guten Eckchen. Den Nymphenburger Kanal zum Beispiel. Vor allem sein stadtseitiges Ende, der Waisenhauskessel, wird im Winter zu genau dem Dorfweiher, der er nach dem Willen seiner königlichen Erbauer nie hätte sein sollen. Und da hier das Ganze nicht so ungeschickt angelegt wurde wie in bspw. Hamburg(!), wo das nur alle hundert Jahre zufriert und das Volk dann aber derart aus dem Häuschen ist, dass man kollektiven Herzkasper befürchten muss, bildet sich hier mit leichter Hand die erforderliche Eisdecke, und mit dem 20-Zentimeter-Maß spießt auch keiner rum. Normal.

Am Bauwagen gibt’s Leihschlittschuhe, Glühwein und verlorene Handys; die jungen Leute, die ihn betreiben, jonglieren zwar ständig am Rand der Pleite, leisten aber wertvolle kulturelle Arbeit. So mancher lernt hier, dass es Musik gibt jenseits von Antenne Bayern, kommt zum ersten Mal in Kontakt mit finnischem Tango oder idahoer Country-and-Western-Punk und schläft beschwingter ein, als er aufgewacht ist. Eishockeyschläger-bewehrte Omas, Kinderwagen-schiebende beschlittschuhte Väter, angestrengt cool rauchende Pubertätsinsassen und auf Schlitten geschnallte Säuglingsmumien drängeln sich zwischen die Normalläufer und wollen einfach dabeisein.

Echtes Leben! Neidisch schauen Touristen durchs Busfenster, auf dem Weg zum Schloss.

Martin Rasper

 

Copyright: Wolfgang Michal
Räumpflicht bis 7 Uhr (Foto: Wolfgang Michal)

Salzhausen-Hamburg

Kann ich heute in die Stadt fahren? Komme ich durch? Wird es die gefürchtete „überfrierende Nässe“ geben? Seit Unwettervorhersagen Wettervorhersagen abgelöst haben, sind wir ängstlicher. Die zugefrorene Alster: nicht frei gegeben. 15 Zentimeter Eis reichen nicht. Viertelstündliche Warnungen auf den Hamburger Sendern. Sollen wir fahren? Wird das Auto die vereiste Steigung auf den Hof schaffen? Können wir es durch die Eisberge bugsieren, die rechts und links der Toreinfahrt aufgeschichtet sind?

Seit Wochen schaufeln wir jeden Morgen die Einfahrt frei. Der Schneepflug der Gemeinde schiebt sie brav wieder zu. Er kann sich nicht um Einfahrten kümmern. Nicht in diesem Jahrtausendwinter.

„Es ist verdammt glatt“, sagt die Haushälterin und stampft sich den Schnee von den Sohlen. In ihrem Tonfall höre ich die Hüfte des Postboten an der Treppenkante zerbersten. Und wenn die Versicherung „wegen Verschulden“ nicht zahlt?

Auf der Website der Gemeinde türmen sich Mahnungen wie Pappschnee. „Eiszapfen können gefährlich werden!“, „Achtung Rutschgefahr!“, „Schneeräumpflicht vor 7.00 Uhr!“ Es können erhebliche Kosten auf Sie zukommen...

Mit der Schaufel zerhacke ich den Eisfilm, schrappe, kratze über das Kopfsteinpflaster, während der Nachbar seinen Anteil am Bürgersteig bereits frei gebürstet hat. Mickrig mündet meine schaufelbreite Gasse in seine Gehsteig-Autobahn. Die Nebenstraßen des Dorfes: „aufgegeben“, Streusalzmangel. Wie schön sind schneegeteerte Straßen.

„Sie fahren noch Sommerreifen?“ fragt ein Fußgänger und deutet auf die Reifenspuren. „Das kann teuer werden!“

Am nächsten Tag lasse ich den Zollstock in den Heizöltank hinab. 17,5 Zentimeter. Der höchste Januarverbrauch, seit wir von Hamburg ins Umland gezogen sind. 650 Liter, 400 Euro. Aber dieser Schnee war jeden Cent wert.

Wolfgang Michal

 

Copyright: Falk Pötz
Ein Lächeln in Schnee und Eis (Foto: Falk Pötz)

Finis

Ist der Winter eine Illusion?

Die Redaktion hatte auf einem Autorenfoto bestanden. Da ziert man sich nicht lange. Schließlich will der Leser doch erfahren, wie der Mensch aussieht, der eine Geist sprühende Kolumne übers Kuscheln vor Kachelöfen und generell über die Freuden des Winters geschrieben hat. Das Problem war nur, dass „artur“, das Magazin für Architektur und Kunst, drei Monate Vorlaufzeit hat. Es galt also, den Kolumnisten an einem brutheißen Augusttag als breit grinsenden und dick vermummten Eisheiligen zu präsentieren. Kein Problem, sagte Fotograf Falk Pötz, rückte Sofa und Stehlampe von der weißen Wohnzimmerwand weg, knipste drauflos und zog schließlich aus einer Nische des Internets den vor Kälte klirrenden Hintergrund ins Bild.

Wir lernen daraus, was wir eh schon wussten: Der Schein trügt. Betrifft natürlich in erster Linie die Fotografie. Dafür ist alles, was wir schreiben, wirklich und wahr. Ehrlich!

Erdmann Wingert

 

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